Aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann. Als "Weiches Begräbnis" 2016 in China erscheint, wird der Roman als wichtigstes chinesisches Werk der letzten Jahrzehnte gefeiert und mit dem renommierten Literaturpreis Lu Yao ausgezeichnet. Doch als bei einer Parteizusammenkunft der Roman mit dem Vokabular der Kulturrevolution als "Giftpflanze" verbrämt wird, verschwindet das Buch vom Markt. Denn Fang Fang rührt darin an ein unverarbeitetes Trauma der chinesischen Gesellschaft, die Landreform nach 1948, als Millionen Chines*innen hingerichtet und in "weichen Begräbnissen", d.h. ohne Sarg, verscharrt wurden. In einem kleinen Dorf wird eine junge Frau halbtot aus einem Fluss gezogen, sie erinnert sich an nichts. Der Dorfarzt Dr. Wu rettet ihr das Leben, und sie beginnt ein neues: Sie wird Haushälterin des KP-Kaders vor Ort, heiratet ihren Retter Dr. Wu, und sie bekommen einen Sohn. Doch im Laufe der Jahre löst sich der schützende Kokon des Vergessens. Sie sind verdammt zu schweigen, denn das Schweigen schützt die Familie: auch dafür steht "weiches Begräbnis", die Erinnerung so tief zu begraben, dass gefährliches Wissen für immer verlorengeht. Im Schatten dieses Traumas wächst ihr Sohn auf - doch alles ändert sich, als er beginnt, die Vergangenheit zu erforschen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2021
Rezensentin Sandra Kegel freut sich über die gelungene Übersetzung von Fang Fangs Roman aus dem Jahr 2016 von Michael Kahn-Ackermann. Die Hintergründe des Textes und der Schmähung seiner Verfasserin durch die chinesische Regierung lernt sie im Nachwort kennen. Die Romanhandlung führt Kegel zurück in die chinesische Geschichte, zur Bodenreform ab 1949 und ihren grausamen Folgen. Erzählt als Familiengeschichte erscheint die Vergangenheit Kegel als Mosaikbild, das die Autorin "kunstvoll" arrangiert. Kegel hebt die Herausarbeitung von Ambivalenzen der Historie hervor und dass Fang Fang die Opferperspektive neben die der Täter stellt. Ein literarischer Gegenentwurf zur offiziellen Geschichte, den die Rezensentin nur begrüßen kann.
Für Rezensentin Marlen Hobrack widmet sich Fang Fang in ihrem Roman wichtigen Themen: der Erinnerung an Unrecht und der Sprache des Totalitarismus. Wie die Autorin anhand einer Familiengeschichte von Traumata und Verdrängung während und nach der Kulturrevolution in China erzählt, wie sie Stück um Stück Details der Vergangenheit offenbar werden lässt und dabei nicht wertet, sondern verschiedene Positionen sammelt und nebeneinanderstellt, findet Hobrack überzeugend. Dass der Handlungsort Wuhan ist, verleiht dem Text laut Hobrack eine spannende zusätzliche Bedeutungsebene.
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