Esther Spohia Sünderhauf

Griechensehnsucht und Kulturkritik

Die deutsche Rezeption von Winckelmanns Antikenideal 1840-1945. Dissertation
Cover: Griechensehnsucht und Kulturkritik
Akademie Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783050041001
Gebunden, 413 Seiten, 64,80 EUR

Klappentext

Ausgehend vom Beginn der institutionalisierten Erinnerung an Winckelmann in der Klassischen Archäologie in den 1840er Jahren verfolgt die Autorin über einhundert Jahre hinweg die Rezeption seines Griechenideals bis in die Zeit des Nationalsozialismus, als die Begeisterung für seine Ideen in einer "Winckelmann-Renaissance" gipfelte. Sie untersucht ein Ideengeflecht, dessen Anfänge zwar auf Winckelmann zurückreichen, das aber in der Folgezeit, insbesondere durch den Wechsel von vier politischen Systemen, verschiedenste Modifikationen erfuhr und in immer neue funktionsgeschichtliche Zusammenhänge trat. In einer Epoche, die von extremen Spannungen im Zuge des Prozesses der Modernisierung und Liberalisierung geprägt war, die von den Intellektuellen durch heftige Kulturkritik begleitet wurden, konnte das Griechenideal wieder und wieder als "Schutzschild" und "Heilmittel" aktiviert werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.05.2005

Esther Sophia Sünderhauf entwirrt das "Ideengeflecht" der deutschen Graecophilie von 1840 bis 1945, mit kunsthistorischen Mitteln und mit dem Blick auf die Körperkonzepte, und der Rezensent Lambert Schneider zollt ihr dafür höchste Anerkennung. "Durch überzeugende Analysen und durch Erschließung bislang unbeachteter Text- und Bildzeugnisse", so Schneider, gelinge es der Autorin, die ideengeschichtliche Dynamik des Klassikideals in deutschen Köpfen zu erhellen: von Winckelmanns "eminent libidinöser" Vorstellung von Natürlichkeit zum Klassikbezug als ideologischem Fundament von "Zucht und Selbstkontrolle" - von der Bejahung zur Abstrahierung der Körperlichkeit. Denn im Zuge eines modernefeindlichen Kulturpessimismus diente, so Schneider im Rückgriff auf die Studie, dienten die Bilder der Antike, produziert in Kunst und Archäologie, einem pädagogischen Ideal, das mit "Hyperkomplexität" herzlich wenig am Hut hatte und statt dessen "Beherrschung, Zügelung, Bindung, Ungebrochenheit, Ganzheit, Einfachheit und Harmonie" propagierte. "Der fiktive Grieche wird zum inneren Rekruten" - eine Entwicklung, die dieses Buch nach Information des Rezensenten vorbildlich, klug, aktuell und zudem "opulent bebildert" nachvollzieht.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.05.2005

Zwiespältig beurteilt Luca Giuliani die Dissertation von Esther Sünderhauf über die Rezeption der Person und Schriften des Altertumforschers Johann Joachim Winckelmann. So berechtigt ihre vorgetragene Kritik an seiner Kanonisierung, um so bedauerlicher ihr Rückfall in die gleiche "Tradition der Winckelmann-Verdrängung", hält Giuliani der Autorin vor. Sein Hauptvorwurf zielt darauf, dass Sünderhauf für ihre Analyse nicht die Schriften Winckelmanns herangezogen hat, denn wie kann man, fragt der Rezensent, "die Rezeption eines Phänomens behandeln, ohne es zunächst selbst in den Blick zu nehmen?" Giuliani will auch nicht einleuchten, warum Sünderhauf mit ihrer Rezeptionsanalyse erst Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzt, denn den ersten Grundstein zur heroischen Kanonisierung Winckelmanns hätte Goethe bereits im Jahr 1805 gelegt, wendet er ein. Sünderhaufs Fazit, Winkelmann sei zugleich kanonisiert und verdrängt worden, stimmt Giuliani ansonsten aus vollem Herzen zu. Er geht aber noch weiter als die Verfasserin und behauptet - in Kenntnis des Hauptwerks von Winkelmann, das es heutzutage in keiner vollständigen Ausgabe gäbe, wie er beklagt - , dass Winkelmanns Sicht der Kunst entscheidend entpolitisiert worden sei, eine Tendenz, die bis heute anhalte und die er anhand der vorliegenden Dissertation letztlich bestätigt sieht.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.02.2005

Stefan Breuer ist begeistert von Esther Sophia Sünderhaufs Studie über die deutsche Rezeption von Johann Winckelmanns Antikenideal. Eine imponierende Leistung sei der Autorin gelungen, und man lese die Studie selbst dann mit großem Gewinn, wenn man nicht in allen Deutungen übereinstimme. Die Faszination für die griechische Antike habe die deutsche Bildungsschicht spätestens seit Winckelmanns Empfehlung der Nachahmung der Griechen nicht mehr losgelassen. Sünderhaufs Beschreibung der Ideengeschichte der deutschen klassischen Archäologie werde stets durch Namen außerhalb des akademischen Establishments angereichert, lobt der Rezensent. Materialreich und opulent bebildert sei die Darstellung, und die zeitweise ermüdende Lektüre werde belohnt durch überraschende neue Ausblicke - etwa die Deutung der Antikenrezeption als "Beruhigungsstrategie" im "Zeitalter der Nervosität". Allein mit der Kategorisierung der Autorin ist Breuer nicht ganz einverstanden. Die Gleichsetzung von Begriffen wie "Kulturkritik" und Kulturpessimismus" mit "Konservatismus" tauge heutzutage nicht mehr. Sie ebneten Widersprüche künstlich ein, wo eigentlich deren Analyse gefragt wäre.
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