In den letzten Jahrzehnten haben sich in der Philosophie zwei Richtungen entwickelt, die sich teils als Weiterentwicklung, teils als Gegenposition zur Hermeneutik verstehen: Interpretation und Dekonstruktion. Trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge zum Phänomen des Sinns stehen sie gemeinsam dafür ein, daß sich menschliches Leben wesentlich im Sprechen und Verstehen vollzieht. Emil Angehrn kommt in seiner Untersuchung zu dem Schluss, dass alle drei Richtungen die verschiedenen Aspekte des Sinnprozesses nur unterschiedlich akzentuieren, und plädiert deshalb dafür, alle drei Theoriekontexte in einen erweitereten Begriff von Hermeneutik aufzunehmen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.02.2004
Allerhand Unausgesprochenes fand Michael Hofer in Emil Angehrns bislang letzter Station einer Rekonstruktion der Denkgeschichte, an der der Autor mit der Hermeneutik die Philosophie der Gegenwart erreicht hat. Wie sich Hofer zu erklären bemüht, vergleicht Angehrn drei hermeneutische Positionen: die eher "rezeptiv" angelegte Hermeneutik Gadamers, die "konstruktive" Interpretationsphilosophie der Gegenwart und schließlich die Dekonstruktion, die "die Momente der Rezeption und der Produktion voraussetzt, zusammenführt und um das Moment der 'kritischen Destruktion' erweitert", berichtet der Rezensent. Diese Positionen verschränke er zur "'dialektischen Sequenz' von Vernehmen, Konstruieren und Auflösen". Dabei scheint Angehrn jedoch seinen eigenen Standpunkt unausgesprochen zu verschieben, kritisiert Hofer im Anschluss an Albrecht Wehler, indem er von einem "hermeneutischen Intentionalismus" ausgehe, der Sinn als etwas in den Texten gleichsam Vorhandenes, vom Autor Hineingelegtes, fasst und damit noch hinter Gadamer zurückfällt, und am Ende bei einer "dekonstruktiven Hermeneutik" lande, die den Fokus gerade auf das nicht Intendierte legt. Zudem sieht Hofer die wesentliche Frage nach der "Möglichkeit des Selbstverstehens" nicht ausreichend verfolgt, gibt sich aber optimistisch, dass Angehrn seine Denkgeschichte fortschreibt und dabei auch diese Problematik besser in den Blick bekommt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2003
Walter Grasnick ist ganz hingerissen und bespricht Emil Angehrns Band über die Traditionen und den Widerstreit von Hermeneutik (ein Text hat eine feste Bedeutung, man muss sie nur finden) und Dekonstruktion (ein Text ist ein Text ist ein Text ...) so beschwingt, dass man Lust kriegt, die ganzen Ideen wie beim ersten Seminar mit leuchtenden Augen zu verschlingen. "Meisterhaft" erzähle Angehrn die Geschichte und die Geschichten der Ausleger und der Zweifler, "materialvoll und kenntnisreich" - ein eloquenter, sicherer Führer "durch das weite Land zwischen Autor und Text, das Gebiet der 'Sinnzusammenbrüche' und Sinnkonstruktionen", an dessen vorläufigen Ende es die munteren, wohl meinenden Gegner der "ewigen Wahrheitssucher" und "gläubigen Essentialisten" noch immer schwer haben. Und so fordert der Rezensent am Ende auf: "Im Ernst: Sie sollen Angehrn lesen."
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