Einar Schleef

Einar Schleef: Tagebuch 1953-1963

Sangerhausen
Cover: Einar Schleef: Tagebuch 1953-1963
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416051
Gebunden, 416 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Wie wird man Mensch, möchte der junge Einar Schleef (geboren 1944 in Sangerhausen) wissen, ganz grundsätzlich, ja exemplarisch. Es geht ums Ganze, und zwar in Sangerhausen, DDR-Provinz, in den fünfziger Jahren - in denen er sich mit großem Eifer zum Maler ausbildet, in der FDJ mitarbeitet und, um die Eltern zu besänftigen, mit schulischen Leistungen glänzt. Das Tagebuch, dessen erster Band hier angekündigt wird, ist kein Fund unter nachgelassenen Papieren, kein Fragment gebliebener, nie zur Veröffentlichung bestimmter Text aus der Jugend, sondern - nach Gertrud (1980/1984) und Droge Faust Parsifal (1997) - das dritte Hauptwerk des Autors, der daran in den letzten Jahren seines Lebens bis zu seinem Tod gearbeitet hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2004

Spaß hat es Friedmar Apel nicht gemacht, Einar Schleefs selbst auferlegter Strafarbeit im Steinbruch seiner Kindheit beizuwohnen, ihn wie besessen wüten zu sehen in den alten, doch immer wieder neuen Gefühlen - der Angst vor der Mutter, dem Hass auf alles in der Umgebung seiner Kindheit in Sangerhausen, der vernichtenden Selbststrenge des einsamen Jungen. Ein Großteil der vorliegenden Tagebücher bestehe aus späteren Kommentaren, doch Schleef habe nichts zur Lösung geführt, sondern alles immer neu erlebt und abermals theatralisch übersteigert, als hätte er nie etwas von Lebensklugheit oder Gelassenheit gehört. Seine "Suche nach der verlorenen Zeit der Kindheit entzündet sich nicht am Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks, sondern an dem des Blutes, des Weins und an 'ihrem Geruch', den er hasst" - dem Geruch der Mutter, die ihn bis an sein Lebensende beschäftigte, schreibt Apel. Augenscheinlich habe Schleef die vielfach überschriebenen Erinnerungen als "abschließende große Konfession" angelegt. Ebenso offensichtlich sei, dass er dabei den Überblick über "Daten, Dateien und Bearbeitungsschritte" verloren habe, was die Herausgeber nicht davon abhielt, sich dennoch um einer Edition im Sinne des Verfassers zu bemühen. Nach Ansicht des Rezensenten haben sie damit vor allem Chaos gestiftet und hätten sich besser eingestanden, "dass die teleologische Editionskonzeption mit diesem Verhau nicht zurechtkommt". Doch vielleicht, überlegt Apel, macht das alles ja doch Sinn: Die "chaotische Textdarbietung" entspreche nämlich genau einem "maß- und taktlosen Bewusstsein", das immer und immer wieder in Verwirrung und Hass schwelgt. Man sei ja eigentlich interessiert am Theatermann, habe mitunter auch Mitleid mit dem einsamen Jungen, doch am Ende müsse dem Leser der Geduldsfaden reißen: "Und er mag sich fragen, ob diese lebensgeschichtliche, ästhetische und editorische Katastrophe überhaupt zwischen Buchdeckel gehört und nicht vielmehr in die gnädige Obhut eines Archivs."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2004

Auf fünf Bände ist die Edition der Tagebücher von Einar Schleef angelegt, die in der vorliegenden Form vom Verfasser noch vor dessen Tod im Jahr 2001 überarbeitet und zur Veröffentlichung bestimmt worden waren. Der erste Band enthält die Jugendtagebücher, die, sagt Martin Krumbholz, das "Brodeln und Gären" der von Schleef so empfundenen eigenen Existenz als "eigenartiger Drecksoße" beschrieben. Eine Jugend im thüringischen Sangerhausen voller Traumatisierungen, Schläge, künstlerischer Selbstversuche und Visionen. Der 18-Jährige zeigt sich herb enttäuscht vom Leben, berichtet Krumbholz und fragt, wer wäre das nicht angesichts eines ihn beengenden Staates, einer herumschnüffelnden Mutter und eines prügelnden Vaters? Die ursprünglichen Notate wurden von Schleef in den letzten Lebensjahren um ausführliche Kommentare ergänzt, erläutert Krumbholz, so dass der Leser nebeneinander die pubertäre Selbstdarstellung und die erwachsene Sichtweise stehen habe. Nichts werde überschrieben oder beschönigt, behauptet Krumbholz, wobei ihm die Sichtweise des Jugendlichen Einar manchmal zahmer erscheint als die des erwachsenen Schleef. Da bekunde Schleef im Nachhinein "Ekel vor dem Ekel", so Krumbholz, der sich fragt, ob dies nicht nur eine weitere Stilisierungsgeste sei. Doch neben allem frühen und späteren Pathos bezeugten die Tagebücher einen künstlerischen Emanzipationsprozess, betont Krumbholz.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Von zwei Mammuts ist bei Rolf Michaelis die Rede: dem Altmammut, das ein Hobbyarchäologe in den fünfziger Jahren in der Umgebung von Sangerhausen im Harz ausgegraben hat und das heute in einem kleinen Museum dieser Stadt zu besichtigen ist, sowie von Einar Schleef, dem Theatergiganten und Literatur-Mammut, auch einem Sohn der Stadt Sangerhausen, dem im gleichen Museum, vis a vis dem anderen Mammut, zwei Räume zugesprochen wurden. Die verrückte Ausgrabungsgeschichte des Altmammuts spielt in Schleefs Tagebuch eine symptomatische Rolle, meint Michaelis, u.a. weil darin die für Schleef wichtigen Themen anklängen: das Verhältnis des einzelnen (Künstlers) zur Gesellschaft, die Utopie einer Gemeinschaftsarbeit. Darüber hinaus sei das Graben und Freilegen von Schichten eine dieser Bergwerkslandschaft im harz angemessene Tätigkeit, die auch bei Schleef immer wieder zum Einsatz kam. Das ganze Tagebuch, dessen erster Band nun veröffentlicht wurde, ist ein Schicht- und Etappenwerk, so Michaelis, schon deshalb, weil Schleef es immer verstecken musste, erst vor dem Vater, später vor der Stasi, dann hin- und herschleppte und schließlich noch vor seinem Tod damit begann, es in den Computer zu schreiben und mit Kommentaren zu versehen. Der Grundton dieses Buches, hält der Rezensent fest, ist der Protest, die Klage; wer sich außer für Schleef für die frühen DDR-Jahre interessiere, werde hier bestens mit geschichtlichem Lesefutter versorgt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.02.2004

Robin Detje hat, so scheint's, so viel Willen zur Größe kaum ertragen: "Nur Haupt- und Staatsaktionen, titanische Kämpfe, Weltkriege um sein Künstler-Ich." Ein Tagebuch sei das, das die pathetische Selbstformung eines jungen Mannes zum egozentrischen "Überkünstler" beschreibt, eine grandiose Selbststilisierung zum "Ausgestoßenen und Unberührbaren", Erschaffung des Genies und dazugehöriger Kult in einem, Schöpfungsgeschichte und Altar. "Es ging dem Mann", schreibt Detje, "immer um alles, und alles drehte sich immer um ihn" - das Tagebuch, "möglicherweise sein größtes Werk: sein Ich, endlich dem Leben enthoben, endlich Schrift, endlich Kunst". Das ganze spielt sich in der muffigen ostdeutschen Provinz ab, Sangerhausen, 1953 bis 1963, ist aber freilich zur Hälfte mit Bemerkungen, nein mit "rechthaberischen Kommentaren des erwachsenen Skandalkünstlers Schleef" überschrieben: "Rechtfertigungen, Übermalungen, Selbstkontrolle. Frei geatmet wird hier nie." Des großen Mannes Tagebücher sind zudem, so Detje, eine "Fundgrube für Freudianer", insbesondere die "Machtergreifung der Mutter" (siehe "Gertrud", der ihr gewidmete Mammutroman) lasse sich nachvollziehen. Nun gut, seufzt der erschöpfte Rezensent, damit wäre es ja wohl vollendet, das Leben als Werk: im Nachruhm.
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