Robin Detje

Castorf

Provokation als Prinzip
Cover: Castorf
Henschel Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783894874346
Gebunden, 272 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Er hat als einer der wenigen ostdeutschen Künstler nach der Wende nicht nur durchgehalten, sondern sich zu einem vollgültigen westkompatiblen Medienphänomen entwickelt: Frank Castorf, 1951 in Berlin/Ost geboren, begann in der DDR-Provinz (Senftenberg, Brandenburg, Anklam), arbeitete sich bis in die erste Reihe vor (Karl-Marx-Stadt, Frankfurt/Oder, Berlin) und ist heute im ganzen deutschsprachigen Raum gefragt (u. a. Hamburg, Wien, Zürich). Seit 1992 leitet er die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und ist heute einer der wichtigsten Theaterintendanten und umstrittensten Regiestars Europas. Seine Inszenierungen setzen seit über 20 Jahren ästhetische Maßstäbe. Der Theaterkritiker Robin Detje begleitet Castorfs Theaterarbeit seit Jahren. Für dieses Buch hat ihm der "Stückezertrümmerer" und ewige Rebell sein Privatarchiv geöffnet.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

Der Untertitel ist offenkundiger Unsinn: "Provokation aus Prinzip". Kein Leben folgt einem Prinzip und ganz sicher nicht dem der Provokation, und Frank Castorf, der Intendant der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, mag vielen als prinzipieller Provokateur erscheinen, er mag sich selbst sogar gerne in dieser Rolle inszenieren, aber einer, der sich sein Leben lang nicht aus Omas Wohnung hinaus ins Erwachenenleben getraut hat, der mag eine noch so große Provokation für seine Umwelt sein, einem Prinzip folgt er nicht; er folgt seiner Natur. Robin Detjes Buch "Castorf" macht das deutlich...
Lesen Sie mehr in Arno Widmanns 'Vom Nachttisch geräumt'

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2002

Wer Frank Castorf richtig kennen lernen möchte, behauptet Irenen Bazinger, der muss weiter ins Theater gehen. Denn das Buch über den Regisseur sei dafür nicht geeignet. Es handle sich weniger um eine Biografie als um eine "Gebrauchsanweisung in Sachen deutscher Osten: ein amüsanter Schelmen-Doku-Roman über den Sohn eines Eisenhändlers, der sich auf Biegen oder Brechen eine ganze Theaterwelt zusammenschweißte und trotzdem nie die Finger verbrannte". Fakten und Daten rückten in den Hintergrund und, sehr ärgerlich für die Rezensentin, es gibt weder eine biografische Chronik noch ein Verzeichnis von Castorfs Inszenierungen. Der Autor Robin Detje ist aus dem Westen. Vielleicht erscheint der Rezensentin deshalb der Beginn des Buches häufig "affirmativ"; das ändere sich, wenn der Autor über Zeiträume schreibt, die er aus nächster Nähe kennt. Die Beschreibung von Castorfs Verhandlungsgeschick betrachtet die Rezensentin wohlwollend und ganz unkritisch sei der Autor aber nicht zu Werke gegangen: Schließlich "moniert Detje die kerlige Großkotzigkeit des Jungsklubs respektive Machovereins namens 'Volksbühne' oder ihre offen zelebrierte Ein-Mann-Diktatur". Dabei überstrapaziere der Autor jedoch die "Methode, Castorf auf die psychoanalytische Küchenbank zu legen".
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.12.2002

Die Rezensentin Barbara Villinger Heilig lobt diese Biografie über Regisseur Frank Castorf in höchsten Tönen. Dessen ostdeutscher Lebensverlauf sei "brillant" geschrieben, gut recherchiert und "souverän" interpretiert. Das Buch liefere viele Anekdoten aus Castorfs Leben und in die vom Buchautor beschriebene "grundsätzliche DDR-Dialektik von Machismo und Filzpantoffeln" bekam die Rezensentin einen guten Einblick. Zuweilen wünschte sie sich jedoch ein bisschen weniger "ironische Privatmythologie". Denn "der Eindruck einer allumfassenden Gemütlichkeit überwiegt; die Staatsobrigkeit tritt als borniert - tölpelhafte Instanz auf, ulkig romantisiert durch einen Blick, wie ihn Schwejk auf seine Umgebung warf (aber ohne dessen hintersinnige Schärfe)." Zwar versöhnt sie sich schnell wieder mit dem Autor, der "durchaus kritisch" seinem "Helden" folge und im Nachwort einräumt, dass er zwangsläufig bei der Lebensbeschreibung fälsche und dramatisiere. Ein Wermutstropfen hafte aber doch an der Rezension, denn statt - wie angekündigt- nachzuweisen, "wie eine Ostberliner Kindheit einen Regiestar hervorbringt", könne das Buch nur Kausalitäten suggerieren.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.09.2002

Angeregt liest Katrin Bettina Müller die von ihrem Kritikerkollegen verfasste Biografie über Frank Castorf. Robin Detje gelinge ein spannender Rückblick auf Leben und Werk des in der DDR geborenen Intendanten, Regisseurs und Provokateurs, der in der Nachwendezeit auch im geeinten Deutschland Fuß fasste. Allerdings hätte sich die Rezensentin an einigen Stellen noch etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. Trotzdem begründe Detjes Buch "die Notwendigkeit, Theatergeschichte festzuhalten, aus sich selbst", wie Müller positiv anmerkt. Schließlich mache die Biografie durch den Versuch, alle möglichen Aspekte der Arbeit des Regisseurs zu schildern, "die sinnliche Qualität der Theaterarbeit sichtbar". Unter diesem Gesichtspunkt hat das Buch des Theaterkritikers für Müller durchaus seine Daseinsberechtigung.