Eberhard Rathgeb

Das Paradiesghetto

Roman
Cover: Das Paradiesghetto
Carl Hanser Verlag, München 2014
ISBN 9783446246058
Gebunden, 240 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Eliza ist allein. Ihre Töchter haben keine Zeit für sie, nur der Hund leistet ihr Gesellschaft. Sie ist alt, das Leben ist vorbei, doch die Unruhe, die Fragen bleiben. Als Kind war sie glücklich. Mit ihren Eltern ging sie vor dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien. Sie liebte ihren Vater, aber sie wusste wenig über ihn. Mit ihrem Mann kehrte sie schließlich nach Deutschland zurück. Jetzt schaut sie sich nachts Filme über den Eichmann-Prozess an, die Beschäftigung mit der Judenvernichtung ist ihre Obsession. Sind Lüge und Unwissenheit die Schwestern des Glücks? Diese Frage steht am Ende dieses melancholischen, mit unaufgeregter Selbstverständlichkeit erzählten Romans.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.09.2014

Rezensent Eberhard Rathgeb, einst selbst Literaturkritiker, legt hier nach "Kein Paar wie wir" sein zweites Frauenporträt vor, das seine Kollegin Meike Fessmann mit großer Sympathie bespricht. Sie schildert den Roman als höchst präzise Studie über das Altern einer Frau, die trotz ihrer vier in der Nähe wohnenden Töchter fast ihre ganze Zeit allein verbringt. Wie bei Rathgeb selbst gibt es einen argentinischen Hintergrund bei ihr - offenbar wird in dem Roman angedeutet, dass ihr Vater wegen Nazi-Verstrickungen dorthin gegangen war, bevor die Famile nach Deutschland zurückkehrte. Ihre Obsession ist jedenfalls - mit undeutlicher Distanzierung vom Vater - der Genozid an den Juden. Für Fessmann ist es ein großes Kunststück, wie Rathgeb diese verschiedenen komplizierten Motive in der Geschichte der alten Frau verflicht. Nebenbei aber, so betont sie wiederholt, beeindrucken vor allem die Entfaltung des ganzen Romans aus der Perspektive dieser alten Frau und die Intensität der Einfühlung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2014

Walter Hinck hat seine Schwierigkeiten mit diesem Roman von Eberhard Rathgeb. Die mikroskopische Einlassung auf eine Demenz-Erkrankung, in deren Verlauf sich die Hauptfigur immer weiter zurückzieht, das Individuum verfällt, liest sich für Hinck mitunter wie eine geriatrische Studie. Beim zweiten Thema, dem Verhältnis zur politischen Vergangenheit während des Dritten Reichs, geht es laut Hinck um Schuldzuweisungen, Selbstgerechtigkeit und Verdrängungen innerhalb einer Familie. Wie der Autor beide Themen miteinander in Bewusstseinsströmen und -sprüngen verzahnt, Desorientierung abbildet, hat für Hinck einen monomanischen Zug, der dem Leser die Lektüre mitunter schwer macht. Die starke "humane Geste", mit der der Autor seine Figur im Buch führt, tröstet den Rezensenten allerdings darüber hinweg.
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