In den Jahren des Ersten Weltkriegs schrieben sich die sozialdemokratische Feministin Lily Braun, ihr Ehemann Heinrich, der gemeinsame Sohn Otto sowie eine enge Freundin der Familie, Julie Vogelstein, etwa 2000 Briefe. Basierend auf dieser fast vollständig erhaltenen Korrespondenz gibt Dorothee Wierling einen einzigartig dichten Einblick in die Alltags- und Gedankenwelt der Briefschreiber/innen während dieser Jahre. Angesiedelt in einem Milieu, in dem sich adlige, bildungsbürgerliche, sozialdemokratische, feministische und lebensreformerische Werthorizonte mit nationalistischer Kriegseuphorie vermischen, wird der Krieg als ein Ereignis erfahren, das zuvor rein Privates und Alltägliches in eine Sphäre von weltgeschichtlicher Bedeutung überführt. Eindrucksvoll lässt uns die Autorin am Kriegsalltag und der Reaktion auf die Ereignisse in der Heimat (vor allem in Berlin) und an der Front teilhaben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2013
Spannend bis zuletzt findet Nina Verheyen diese von Dorothee Wierling historiografisch begleitete Familienkorrespondenz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Dass die Kriegsbegeisterung des Stammhalters im Schützengraben alle Familienmitglieder ansteckt, wie die Autorin erläutert, geht der Rezensentin allerdings vom emotionalen Deutungsansatz her zu weit. Hier, wie auch an anderen Stellen im Buch, meint sie, hätte die Autorin ihre collageartige Erzählung und die Perspektiven der Familienmitglieder ruhig auch mal verlassen dürfen nach den politischen Ursachen für das Verhalten suchen und zu historischen Analysen kommen können.
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