Dorothee Elmiger

Schlafgänger

Roman
Cover: Schlafgänger
DuMont Verlag, Köln 2014
ISBN 9783832197421
Gebunden, 142 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Irgendwo tief im europäischen Wald begegnen sie sich. Grenzgänger, Schmugglerinnen, Flüchtlinge, Arbeiterinnen, Asylbewerber, Kontrolleure, Künstlerinnen, Instrumentalistinnen, Schauspieler, Journalisten, Stipendiaten, Logistiker, Studentinnen, Geister. Sie kommen von überall. Sie alle sind Stellvertreter unserer Zeit, und sie führen ein Gespräch. Über Herkunft und Gerechtigkeit, über Körper und Staat, Import und Export, Heimat und Migration, über Glück, Musik und den Tod.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2014

Wiebke Porombka hat ein Problem mit diesem Buch von Dorothee Elmiger. Zwar scheint ihr der Text mit seiner politischen Agenda, seinen Themen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung (des Körpers) nah am Puls der Zeit und durch seinen engagierten Gestus auch äußerst human zu sein. Das Fehlen jeglicher Kommentierung seitens der Autorin, das Nebeneinander von Szenen, Motiven (der Schlaf z. B.) und Stimmen sowie das Verhandeln poetologischer Fragen, etwa nach dem Engagement von Literatur, führen laut Porombka jedoch dazu, dass die Lektüre mühsam und klischeegefährdet wird. So wichtig ihr der Text auch erscheint, so sehr fehlt ihr daran bald das sinnliche, körperliche Element von Literatur.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.05.2014

Rezensent Björn Hayer ist hellauf begeistert von diesem "mondänen, hellsichtigen" Buch. Es atmet für ihn den wahren europäischen Geist, der eben nicht auf nationale Abgrenzungen setzt, sondern auf Vielfalt und Durchmischung. Auch sprachlich findet er es absolut modern. Der Leser hört Geschichten von Lebenskünstlern, die vom Reisen erzählen, vom Wandern und Grenzen überqueren. Nicht linear wird hier erzählt, sondern sprunghaft, assoziativ und mit einer für Dorothee Elmiger schon typischen "Euphorie für wundersame Übergangswelten", die der Rezensent vorbehaltlos teilt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2014

Nico Bleutge ist schwer beeindruckt von einem Buch, das, wie er findet, vorbildlich versucht, Gegenwart und die Strukturen des modernen Kapitalismus abzubilden, nämlich ohne Schlagworte zu benutzen oder in bloßer Beschreibung zu verharren, die Unrecht bloß reproduziert. Dorothee Elmiger macht das laut Bleutge mittels Wahrnehmungsberichten einer Vielzahl von Figuren und weitgehend, ohne dass ihr Text seine Bedingungen allzu sehr ausstellt. Die Stimmen im Buch bleiben für Bleutge ununterscheidbar, die Gestalten haltlos im Raum. Und dennoch scheint dem Rezensenten die Frage der Identität, um die es hier geht, recht gut angegangen. Zusammen mit Elmigers geschichtlichen Exkursen ergibt sich für ihn ein Bild von Gesellschaft jenseits kapitalistischer Prinzipien.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2014

Einen harten Brocken stellt dieser Roman für Judith von Sternburg dar. Dabei erscheint es der Rezensentin zunächst zart und schlank und nicht auftrumpfend. Das Harte daran beschreibt Sternburg als Desorientierung des Lesers, der beim Lesen weder weiß, wer spricht, noch wo, noch warum. Auch das Ziel des Ganzen bleibt für Sternburg im Dunkeln. Verwunderlich erscheint ihr das, weil ja gesprochen wird, und zwar durchaus deutlich. Es geht um eine Handvoll Schweizer, so viel begreift die Rezensentin, und es geht um den Umgang mit Asylsuchenden und um Grenzenlosigkeit. Das Atmosphärische scheint Sternburg wichtig, wichtiger als Theorie, und dass alles Erzählte hier beim Erzählen entsteht. Was erzählt wird aber, gehört für die Rezensentin zu den schlimmsten Geschichten der Welt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.03.2014

Kühn und berückend findet Tobias Lehmkuhl Dorothee Elmigers Roman "Schlafgänger", in der ein komplexes Stimmengewirr durch Zeiten, Kontinente und Themen weniger führt als sich verknotet. Es gibt in diesem Roman keine nacherzählbare Handlung, dafür ein faszinierendes Nebeneinander von Ereignissen und Erzählperspektiven, auf die sich der Rezensent offensichtlich gern, wenn auch mitunter etwas verwirrt einlässt. Und so kommen die "Schlafgänger" im 19. Jahrhundert, die nach sozialistischem Modell gegründete Kolonie "La Reunion" in Texas, ein früher Video- und Konzeptkünstler und Bootsflüchtlinge in den Blick und machen deutlich, dass es der Autorin hier um "Grenzgänger" ganz unterschiedlicher Art geht, so Lehmkuhl gefesselt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2014

Ein Gespensterbuch nennt Ulrich Rüdenauer Dorothee Elmigers Versuch, das Kontingente der Menschheits- und Migrationsgeschichte, das Transitorische und Verletztende an Grenzen und Entgrenzungen, Fluchten und Identitätsverzicht aufzuzeichnen. Die Autorin bedient sich dazu laut Rüdenauer sehr artifizieller Mittel, sodass ein "zerrissener" Text entsteht, ein "Prosa-Sprechtheater", fragmentarisch, assoziativ, aktuell, realistisch und poetisch, mit Personal, das dem Rezensenten wie Sprechpuppen vorkommt. Das fordert Rüdenauer, lässt ihn auch mal den Faden verlieren, aber nie das Interesse.
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