Dominik Fugger

Die Emanzipation des Geschmacks

Vom Aufbruch der europäischen Küche in die Neuzeit
Cover: Die Emanzipation des Geschmacks
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783803151995
Broschiert, 128 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Was passierte im 16. Jahrhundert, dass in den Küchen plötzlich neue Rezepturen und Verarbeitungsweisen einzogen? Wie kam es, dass die auf medizinischen Vorstellungen beruhende Gewürzküche des Mittelalters von einer Ästhetik des Geschmacks abgelöst wurde? Und welche Rolle spielten Frauen dabei? Dominik Fugger verfolgt, wie zuerst das Obst von neuen Konservierungsmethoden und einem veränderten medizinischen Verständnis profitierte und den Zeitgenossen bis dahin ungekannte sinnliche Erfahrungen bescherte. Bald schon beginnt ein reger Austausch der Rezepte von Latwergen (Fruchtmus) und Konfitüren, Rezeptbücher entstehen, die neue Kunst sickert in alle Gesellschaftsschichten ein und führt zu einem tiefgreifenden Wandel, der schließlich das gesamte Gebiet der Kulinarik erfasst.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 29.03.2025

Der "Kulinarik-Historiker" Dominik Fugger legt für Kritikerin Catherine Newmark eine überzeugende Einführung in die "Küchengeschichte der frühen Neuzeit" vor - überraschenderweise vor allem, was Marmelade angeht. Im Mittelalter, lernt Newmark, hatte man alles Gekochte unter einer Gewürzschicht erstickt, dies sollte medizinischen Zwecken dienen, auch Obst wurde nicht roh genossen, sondern völlig verkocht. Erst im 16. Jahrhundert seien die humanistischen Mediziner zu den Überzeugungen der Antike zurückgekehrt, das Mittelalter habe einem Zeitalter der Sinnlichkeit Platz gemacht, in dem Zucker breiter verfügbar wurde und damit eingekochtes Obst plötzlich "wie ein Dessert" geschmeckt habt. Für die Rezensentin ein verdienstvoller Ausflug des Autors in die Welt des frühneuzeitlichen Geschmacks.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025

Dieser schmale Band, staunt Rezensent Daniel Damler, ist nicht weniger als eine Revolution. Und zwar im Bereich der historischen Kulinaristik, beziehungsweise, noch genauer, im Bereich der Geschichte des Einmachens von Obst. Denn dieses Spezialgebiet, das zeigt Dominik Fuggers Buch laut Damler auf, war dafür verantwortlich, dass die entscheidenden Weichen in Richtung moderner Kochkunst nicht, wie bisher angenommen, Mitte des 17. Jahrhunderts, sondern bereits um 1500 gestellt wurden, also zu Beginn der Neuzeit. Fugger zeichnet den Konflikt zweier Denkschulen zum Thema Obstzubereitung nach, auf der einen Seite stehen die Traditionalisten, die sich an der im Mittelalter verbreiteten arabischen Heilwissenschaft orientierten, auf der anderen Seite die Humanisten der Renaissance, die zu älteren, überlieferten Rezepten zurückkehren wollten und die üppigen Gewürzbeigaben der arabischen Tradition ablehnten. Tatsächlich fanden die stärker am Eigengeschmack der Früchte orientierten Zubereitungsmethoden schnell Anklang, zunächst bei Kranken, später auch bei Gesunden, resümiert Damler. Zwar ist weiterhin noch viel unerforscht in der Geschichte der Kulinaristik, doch Fuggers erstaunlicher Band eröffnet eine ganz neue Denkrichtung, lobt der Kritiker.

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