Dieter Borchmeyer

Was ist deutsch?

Die Suche einer Nation nach sich selbst
Cover: Was ist deutsch?
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783871340703
Gebunden, 1056 Seiten, 39,95 EUR

Klappentext

Die Frage "Was ist deutsch?" ist ihrerseits typisch deutsch - keine andere Nation hat so sehr um die eigene Identität gerungen und tut es bis heute. Wie vielfältig und faszinierend die Antworten auf diese Frage im Lauf der Jahrhunderte ausfielen, das zeigt Dieter Borchmeyer: Von Goethe über Wagner bis zu Thomas Mann schildert er, wie der Begriff des Deutschen sich wandelte und immer wieder neue Identitäten hervorbrachte. Er erzählt von einem Land zwischen Weltbürgertum und nationaler Überheblichkeit, vom deutschen Judentum, das unsere Auffassung des Deutschen wesentlich mitgeprägt hat, von der Karriere der Nationalhymne und der deutschesten aller Sehnsüchte: der nach dem Süden. Borchmeyer erklärt, wie gerade die deutsche Provinz - etwa Weimar und Bayreuth - Weltkultur schaffen konnte und was es für Deutschland bedeutet, sich entweder als Staats- oder als Kulturnation zu verstehen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 08.04.2017

Hymnisch bespricht Rezensent Thomas Schmid dieses mehr als tausend Seiten umfassende Werk des Heidelberger Literaturwissenschaftlers Dieter Borchmeyer. Wie der Autor anhand zahlreicher literarischer und publizistischer Schriften, die er ausführlich zitiert, die Frage nach der deutschen Selbstfindung stellt, hat den Kritiker tief beeindruckt: Er liest hier nicht nur nach, wie Borchmeyer die Weimarer Klassik von "verquasten" Deutungen befreit, indem er etwa aufzeigt, dass Goethe statt nationaler "Selbstlustigkeit" die "Epoche der Welt-Literatur" proklamierte oder Schiller bereits für eine europäische Staatengemeinschaft stritt, sondern staunt auch, wie differenziert und umsichtig der Autor alle Facetten des deutschen Universalismus beleuchtet. Neben den gehaltvollen Ausführungen etwa zu deutschen Nationalhymnen, deutscher Mythologie, Wagner und der Musik oder zu deutschen Universitäten lobt der Kritiker vor allem das Kapitel "Deutschtum und Judentum", das ihm schmerzhaft verdeutlicht, wie leidenschaftlich deutsche Juden versuchten, sich zu assimilieren und wie eng Juden und Deutsche einst miteinander verbunden waren. Nur auf das letzte Kapitel, in dem der Autor mit Blick auf die Wiedervereinigung das neue europäische Deutschland verteidigt, hätte Schmid verzichten können.  

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.03.2017

In seiner essayistischen Dreifach-Besprechung beschäftigt sich Rezensent Micha Brumlik ausführlich mit einer sehr alten Frage, die, folgt man den aktuellen politischen sowie kulturpolitischen Debatten, nun wieder in den Blick des Zeitgeist geraten zu sein scheint: die Frage nach der deutschen Identität. Während Brumlik Gerhard Waldherrs zahlen- und faktengesättigtes Kursbuch "Deutschkunde" relativ schnell als wenig hilfreich erkennt und zur Seite legt, widmet er Dieter Borchmeyers gut zu lesendem, 1000-seitigen philosophischen Panorama "Was ist deutsch?" und Peter Trawnys pointiertem, um neun Zehntel kürzeren Essay unter dem selben Titel ein umfangreiches Resümee der Positionen und Argumentationslinien beider Autoren. Borchmeyers und Trawnys Antworten auf die zentrale Frage sind einander radikal entgegengesetzt und doch teilen sich beide dasselbe Feindbild: den Verfassungspatriotismus, den Jürgen Habermas einst proklamierte. Auf Basis der beiden Texte kommt Brumlik schließlich zu dem Schluss, dass die Frage nach dem Wesen des Deutschen außerhalb des rein politischen Bereichs, das heißt, abgesehen von Verfassung, Außen- und Innenpolitik, ganz einfach nicht zu beantworten ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2017

Auf die Titelfrage findet Rezensentin Hannelore Schlaffer bei Dieter Borchmeyer gleich tausendfache Antwort, nicht original vom Autor, sondern von diesem referiert, wie die Rezensentin anmerkt. Die schiere Lückenlosigkeit der Sammlung von Zitaten macht Schlaffer sprachlos. Eine Wort- und Geistesgeschichte einer Identitätssuche, mit deren Hilfe Schlaffer den Vorrang der Kultur gegenüber der Politik erkennt, aber auch den Vorzug der Provinz gegenüber der Metropole und natürlich den "besinnungslosen Nationalismus". Borchmeyers Führung den Bücherschrank entlang schätzt Schlaffer vor allem wegen ihrer genauen, zuverlässigen und gut gewählten Zitationen und wegen der wortreichen Seitenwege, auf die sie der Autor mitunter führt. So erweist sich, was erwiesen werden sollte, meint Schlaffer: Die Deutschen definieren sich übers Wort.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.03.2017

Der Rezensent Ulrich Seidler klagt über die Überlänge des Buches von Dieter Borchmeyer. Auch der Umstand, dass der Autor bei seiner Untersuchung der Titelfrage zwar gekonnt und ausgiebig seine Steckenpferde Thomas Mann und Wagner reitet, aber weder Caspar David Friedrich noch dem deutschen Expressionismus auch nur eine Zeile widmet, irritiert ihn sehr. Darüber hinaus wundert ihn Borchmeyers Mangel an Problembewusstsein, sein Hang zu Donnerschlägen und seine offensichtliche Abneigung gegen systematische Argumentation und einen sauberen Stil. Nein, was besonders deutsch wäre am Deutschen (die Philosophie, die Fettleibigkeit?) vermag ihm der Autor kaum nachvollziehbar und glaubwürdig zu vermitteln. Allein der ein oder andere bedenkenswerte Gedanke oder Verweis, etwa auf einen Autor wie Grimmelshausen, lässt die Lektüre dem Rezensenten dennoch lohnenswert erscheinen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2017

Franziska Augstein findet Dieter Borchmeyers Buch etwas zu lang. Allen vom Autor versammelten "köstlichen" Zitate zur Musikalität der deutschen Seele oder seinen aufschlussreichen Ausführungen zum deutsch-jüdischen Verhältnis zum Trotz. Die knappe Einleitung, in der es um die Paria-Stellung Deutschlands geht, gefällt Augstein hingegen richtig gut. Ebenso die Schlüsse, die der Autor daraus mit Hilfe des Publizisten Erich Kahler zieht. Ein paar weniger Zitate aber hätten es laut Rezensentin auch getan. Und hätte Borchmeyer stattdessen soziologisch gearbeitet, wäre seine Suche nach dem deutschen Denken nach Meinung Augsteins noch erfolgreicher gewesen.
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