David Foster Wallace

Kurze Interviews mit fiesen Männern

Storys
Cover: Kurze Interviews mit fiesen Männern
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2002
ISBN 9783462030792
Gebunden, 384 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. Nach dem Erzählungsband "Kleines Mädchen mit komischen Haaren", der mit großer Begeisterung von Presse und Leserschaft aufgenommen wurde, folgt hier die jüngste Veröffentlichung des gefeierten amerikanischen Autors. Die Storys beschreiben Landschaften und Geisteszustände, die einem bekannt und zugleich gänzlich fremd vorkommen: Ob einen Jungen auf dem Sprungbrett lähmende Angst überfällt oder eine unter Depressionen leidende Frau auf Anraten ihrer Therapeutin alte Freunde lediglich als Bezugssystem sehen soll - fast fröhlich stehen die Figuren am Abgrund und erkennen nicht, was sie treibt...

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.12.2002

Von den "Stümmelresten" der Liebe, von "Zwangsfantasien, Tricks, um Frauen flachzulegen, Psychogewäsch" lässt David Foster Wallace seine "fiesen Männer" reden, berichtet Rezensent Alex Rühle. Die Krüppel, die in Wallace' Band "Kurze Interviews mit fiesen Männern" zu Wort kommen und doch "so niederschmetternd sprachlos bleiben", seien nicht der Bodensatz der Gesellschaft, erklärt Rühle, Wallace buchstabiere nur aus, was sonst meist im Bodensatz des Vorsprachlichen versickere. Begeistert hat Rühle insbesondere Wallace' erzählerisches Können, das "suggestive, süffisante, oftmals sarkastische Erzähl- und Fabulierlust" einerseits und die "kühle Tüftelarbeit eines Anatomen" andererseits "kunstvoll" ins eins schlinge. Als "Glücksfall" würdigt Rühle dabei die Übersetzung von Marcus Ingendaay, der sich bewundernswert mimetisch Wallaces verschiedenen Sprach-Spielen angleiche. Insgesamt herrscht nach Rühles Empfinden eine "neonkalte Traurigkeit" in diesen Interviews, die ihn an Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" erinnert: "Die Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus", so Rühle gedrückt, "das sind reichhaltige Dildoangebote und Magazine, die traurige Erwachsenenwelt wird ruhiggestellt von ?Adult World'."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2002

Mit großen Erwartungen hat sich Martin Lüdke an die Lektüre des vielgelobten und von der Kritik hochgejubelten Bandes von David Foster Wallace begeben. "Hut ab", staunte auch der Rezensent, dass da einer eine aussichtsreiche Tenniskarriere sausen ließ, nur um sich dem Schreiben widmen zu können. Der "Storyband", in dem "fiese Männer" ihre ganzen Taktiken und Strategien im Beziehungskampf offenlegen, fange auch ganz vielversprechend an und führe den Leser eins ums andere Mal mit psychologischen Pointen aufs "Glatteis", berichtet Lüdke. Doch bei allem psychologischen Tiefgang, der konsequenten Figurenzeichnung und stringenten Handlung, die bei Wallace Menschen zu bloßem "Geschwätz" machten, haben den Rezensenten diese Geschichten auch ermüdet. "Gut" und "ordentlich" findet Lüdke dieses Buch aber trotzdem.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2002

Irgendwie hat es Uwe Pralle in dieser Besprechung mit dem Wort "Avantgarde". Der Autor habe sich schon früh dagegen verwahrt, zu selbiger zu gehören, meint Pralle, aber irgendwie gehöre er eben doch dazu und gewöhne sich besser daran. Dabei meint der Rezensent es gut mit dem Autor, den er auf der "Mason-Dixon-Linie zwischen Literatur und Pop-Kultur" verortet, und seine Begründung, dass diese Erzählungen "den arabesken Geist Melvilles mit Wittgensteins Sprachdenken kreuzen", klingt dabei sehr schön. Was aber macht ein Leser, der diese Kategorien nicht zur Hand hat und einfach nur liest, was diese "fiesen Männer" zu sagen haben über das Thema "Frauen aufreißen"? Auch für sie hat Uwe Pralle schöne Beschreibungen parat: da geht es dann um den "Käfig der Sprache", in dem die fiktiv Interviewten sitzen, um "redselige Stummheit" und überhaupt um die "psychosexuellen Realitäten in den USA der neunziger Jahre".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.11.2002

Das Lesen der "Interviews" sei oft so anstrengend gewesen, meint Jan Brandt, wie die Lektüre einer "sachlich formulierten Psychologiediplomarbeit". Und er empfindet die "immerhin fast vierhundert Seiten als "lang und langweilig". Wenn der Rezensent dann beschreibt, mit welchen Mitteln Wallace seine "psychologischen Fallstudien, Krankenakten und Mitschnitte des Wahnsinns" aufzubrechen versucht, nämlich mit Verkürzungen á la "Storyboard" und "Pop-Quiz", dann hört sich das eigentlich ganz interessant an. Und tatsächlich findet Jan Brandt dann auch, der Autor habe hier "hohe Authentizität mit subtiler Kunstfertigkeit" verknüpft. Aber irgendwie mag er sie trotzdem nicht, diese "Monologe manischer Männer". Ob Wallace am Abbild eines bestimmten amerikanischen Status quo gelegen ist und womöglich an der Kritik desselben, ficht diesen Rezensenten nicht an. Er hat kaum mehr dazu zu sagen, als dass dies Werk "bösartige Protokolle hinterhältiger Egomanen" enthält - wie es der Titel ja eigentlich auch nicht anders verspricht...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Irgendwie verzweifelt und ganz wütend ist Iris Radisch geworden ob dieser Geschichten, deren Besprechung der Aufmacher der Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse ist. Da schlägt sie einem gleich eine kleine Müll-und-Drogen-Szene von Wallace um die Ohren und fordert Stellungnahme, dann holt sie weit aus und poltert wütend gegen die literarische "Restauration" hierzulande los, wo, wie sie meint, nur "Stagnation" herrsche, für die sie das Bild der "Autoren des deutschen Vorruhestandes" findet, die "weit unter ihrem Niveau in die Bestsellerlisten" einziehen. Und dann kommt sie wieder auf Wallace zurück, ein neuer amerikanischer "Genius", "Moralist" und "Chronist der Paranoia". Nach William Gaddis und DonLeLillo fasst nun auch er die Welt und ihre Sprache, ihre Kälte und Abgeschmacktheit in Geschichten, die ohne political correctness und ohne "die Fröste des totalen Medienkapitalismus literarisch zu bemänteln" zeigen, was Sache ist. Die daraus entstandenen Vignetten des "Bewusstseinsschrotts" haben Iris Radisch an Adornos "Minima Moralia" erinnert. Sie bemüht ein wenig die amerikanischen Urväter solchen Schreibens, schimpft zwischendurch auf die wohlfeile Ironie deutscher Popromane und landet dann ganz unvermutet beim Herzen, das bei Wallace "so weich ist wie Wasser, das spritzt und leuchtet in der Sonne, wenn man es bewegt". Da ist die Rezensentin, obwohl oder weil "dieses grandiose und bewundernswert übersetzte Buch" natürlich "schlecht ausgeht", total hingerissen, - und so hingerissen ist man wiederum von ihrem Rundumschlag, dass man es ihr nachfühlen kann, ohne das Buch noch lesen zu müssen.