Schreiben bedeutet, dem Wunsch zu folgen, dass man in die Haut eines anderen schlüpfen, dass man aus der eigenen Haut fahren könnte. Die Haut ist wie die Sprache, von Innen und Außen zugleich gezeichnet, von Geschichte wie von einer Spur geprägt und doch bereit, dass auf ihr etwas Neues eingetragen werden kann. Daphne und Apollo, Echo und Narziss - nicht nur in Romanen wie "Edmond" und "Eden Plaza" hat sich Dagmar Leupold die antiken Erzählungen anverwandelt, auch in ihren Essays liest sie diese neu und entwickelt aus ihnen ihr eigenes poetisches Programm.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.05.2006
Als "Gebrauchstexte für die große Kulturkäseglocke" kanzelt Rezensent Stephan Mauss diesen Essayband ab, den er fast durchweg "im stickigen Mief" universitärer oder literaturbetrieblicher Tagungsräume um Luft ringen sieht. Kernpunkt sind seinen Informationen zufolge drei Vorlesungen, welche die Autorin im Rahmen der Liliencron-Poetik-Dozentur an der Universität Kiel gehalten hat. Jedoch kann Mauss nur einem Text des Bandes etwas abgewinnen. Ansonsten machen Floskeln, diskursumwucherte Naivität und nicht mehr zeitgemäße "Theorievulgata" die Lektüre für ihn offensichtlich zu einem reichlich gemischten Vergnügen. Linderung verschaffen hin und wieder einige "hellsichtige Momente". Einmal schreckt ihn sogar ein ebenso weiser wie schrecklicher Satz aus der Lethargie des Rezensentenfrustes auf. Nur im allerersten Text des Bandes konnte er mal etwas Originelles und Poetisches lesen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
Ohne Theorieballast und Fremdworte, einfach mit guter Laune und vielen neugierigen Fragen kämen Leupolds Essays daher, freut sich Rezensent Seven Hanuschek über die überraschend vergnügliche Lektüre. Noch bei ihren Porträts zu Uwe Timm und Ingeborg Bachmann hinterfrage die Autorin anhand des "eigenen poetischen Stoffwechsels" den kreativen Prozess. Nur aus dem, was man nicht wisse, könne man den Funken der Literatur oder Poesie schlagen, referiert der Rezensent, und im literarischen Idealfall, würden schließlich Autor und Leser "gemeinschaftlich staunen". In Leupolds Poetikvorlesungen, dem Hauptstück des Bandes, komme dem "Vergessen" als Lebenskunst und "Form der Leistungsverweigerung" eine besondere Rolle zu. Weitere Essays beschäftigten sich mit Themen wie "Tausch und Täuschung", "die Kunst der Verführung" oder in elf "Scherben" mit dem eigenen Alltag am neunten (oder eher elften?) September 2001. Charakteristisch für Leupolds "neugierige Erkundungen" ist für Hanuschek ein generell "offener" und undogmatischer Blick, den die Autorin ihrerseits bei Uwe Timm als "ethnologischen Blick" charakterisiert habe.
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