Judith ist Zahnärztin und lebt auf einer norddeutschen Insel mit ihrem Ehemann, einem Psychiater. Sie führen eine eher lieblose Ehe, was ihn aber nicht davon abhält, ihre wechselnden außerehelichen Liebschaften zu analysieren. Das Städtchen ist klein, nicht einmal zweitausend Einwohner. Neun Zwölftel des Jahres ist Nebensaison. Doch zweimal im Jahr fallen die Reichen ein, zweimal im Jahr ist Hochsaison, dann kommt Judith auch privat auf ihre Kosten: Sie ist Erotomanin, auf der Suche nach einer freien Sexualität, sie ist frei von den Grenzen des allgemein Konformen, Männer warten bei ihr vergeblich auf Erlösung oder gar Liebe. Jetzt sind die Weihnachtsgäste abgereist, und ein vom Wintersturm angeschwemmter Eisblock treibt auf das kleine, direkt an der Wattseite der Insel gelegene Warfthaus der Eheleute zu. In dem Maße, wie sich die Eismasse Meter für Meter nähert und mit der nächsten Springflut das Haus unter sich zu begraben droht, nimmt die Erzählung eine immer dramatischere Wendung, entwickelt sich ein von Judith so präzis im Voraus geplantes erotisches Rendezvous immer mehr gegen ihre Erwartungen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2019
Rezensentin Maria Frisé ist überzeugt, dass Corinna T. Sievers mit ihrem Roman über eine 51-jährige nymphomane Zahnärztin provozieren wollte. Aber die unzähligen Berichte von Gelegenheitssex, die die Erzählerin ihrem Psychologen-Gatten gibt, kann die Kritikerin in ihrer endlosen Aneinanderreihung nur noch langweilig finden. Gefühle spielen Frisé zufolge keine Rolle mehr, der Sex ist hier "fast mechanische Triebbefriedigung". Außerdem sei das Buch hemmungslos mit bedeutungsschwangeren Symbolen wie herannahenden Stürmen oder Teufelsfiguren überfrachtet, meint Frisé, die überzeugt ist, dass feministisches Schreiben anders geht.
In der Tradition erotischer oder pornografischer Literatur von Frauen kann sich die unter dem Pseudonym Corinna T. Sievers schreibende Schweizer Zahnärztin durchaus behaupten, erkennt Rezensentin Miriam Zeh an. Die Geschichte um eine 51-jährige Zahnärztin und Nymphomanin, die ihrer Ehe mit einem analysefreudigen, aber beischlafmüden Psychotherapeuten-Ehemann mit ausgeprägter Promiskuität zu entfliehen versucht, scheint der Kritikerin inhaltlich "radikal" und trotz einiger "Stilblüten" sprachlich gelungen. Dass Sievers die sexuelle Freizügigkeit ihrer Heldin mit Bezug auf deren Ehemann motiviert - und somit den "emanzipatorische Akt" schmälert, findet Zeh allerdings bedauerlich.
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