Karl Otto Hondrich

Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft

Cover: Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518123133
Taschenbuch, 180 Seiten, 9,00 EUR

Klappentext

Wie verändern sich soziale Beziehungen in der Welt von heute? Nach gängiger Meinung verwandeln sie sich mehr und mehr von angeborenen in selbstgewählte Bindungen. Dass die Menschen so schlicht zur Freiheit fortschreiten, gehört in den Bereich der modernen Mythen. Anders, als wir annehmen, sterben Herkunftsbindungen keineswegs ab. Im Gegenteil, ihre Macht wird größer, je schneller sich die Gesellschaft verändert. So bindet etwa, als paradoxes Beispiel, die hohe Zahl an Scheidungen, also die Auflösung von individuellen Wahlbeziehungen, die Menschen wieder vermehrt an ihre nichtgewählten Herkunftsgruppen. Die Institution der Ehe wird durch die vielen Scheidungen ebenfalls nicht geschwächt. Eher wird der einzelne, unzureichende Partner individuell aufgegeben als die kollektive Idee von Liebe und Gemeinschaft. Warum tun wir uns dennoch so schwer, die Wirklichkeit und Wirkungsmacht der Gefühle zu akzeptieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Warum in aller Welt meinen die Verlage, sie müssten einen jeden Haushalt mit "Leitfäden für ein erfülltes Privatleben" bestücken, , fragt entgeistert die Rezensentin Bettina Engels. Wie dem auch sei, von Karl Otto Hondrichs Beitrag zum großen Thema der Liebe rät sie jedenfalls ab. Hondrich betrachte die Liebe als Soziologe, in Gestalt der Frage, "wie sich soziale Bindungen in der Welt von heute verändern". Und die Rezensentin staunt nicht schlecht über die "kuriosen Erklärungen", die er für die augenscheinlichste dieser Veränderungen parat hat, nämlich für "die mangelnde Lust am Kinderkriegen": der moralische Druck auf die Frauen zu arbeiten und die allgemeine ökonomische Produktivität, bei der man nicht ins Hintertreffen geraten wolle. Doch die Familie sei auch von innen bedroht, denn die Liebe vergehe laut Hondrich zwangsläufig! Mit tragischer Gesetzmäßigkeit walte der Kampf zwischen der "erotischen Leidenschaft" und der "familiären Geborgenheit", die Hondrich als Zuspitzung des allgemein-menschlichen Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft betrachte. "Wer ein Rezept zu verkaufen hätte, um dieses Gesetz außer Kraft zu setzen," zitiert die Rezensentin den Autor mit der lesbaren Genugtuung, ihm seine Diskreditierung selbst zu überlassen, "wäre ein gemachter Mann".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.08.2004

Als teilweise überholt und zu pauschalisierend tut Dorion Weickmann die acht in diesem Band zusammengefassten Essays des Frankfurter Soziologen Karl Otto Hondrich ab, die alle das Schicksal der "Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft" auskosten. Spöttisch vermeldet Weickmann, dass neben Hondrichs Hund und diversen Ex-Gattinnen auch einige andere Paare, Homosexuelle und Patchwork-Familien zu Wort kämen. Theoretisch lasse sich Hondrich von Freud, Simmel und Durkheim Schützenhilfe geben, berichtet der Rezensent, in seinen Augen eine "Phalanx wider alle Individualisierungschancen", womit sich Hondrich gegen seinen Kollegen Ulrich Beck stelle, der die Vielfalt neuer Lebensentwürfe preist, wo Hondrich starke Normzwänge am Werke sieht. Als schlicht überholt empfindet Weickmann solche Thesen wie die, dass die Lastenverteilung zwischen den Generationen kein Problem darstelle. Als verharmlosend sieht er die Behauptung an, Jugendgewalt heute unterscheide sich nicht von der in früheren Zeiten oder Migrantenfamilien verdankten ihr Glück anderen traditionelleren Bindungen als der aus romantischen Liebe hervorgegangenen. Das immerhin sieht Weickmann als bedenkenswerte These an, ein Leitmotiv aller Texte, wie er sagt: dass der romantische Liebestraum vielen Beziehungen zum Verhängnis wird.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.07.2004

Auch wenn die Liebe insgesamt zum Scheitern verurteilt scheint, soll es Hoffnung geben. Das jedenfalls glaubt der "upj." zeichnende Rezensent nach der Lektüre von Karl Otto Hondrichs "Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft". Nicht mit Sozialstatistik und Scheidungsziffern, sondern im Plauderton des erzählten Lebens nähere sich der Soziologe dem fühlenden Menschen, berichtet der Rezensent. Er charakterisiert Hondrich als einen "klugen Beobachter" sowie als einen - trotz aller Wissenschaft - für die "weichen Formen der Existenz zugänglich gebliebenen Spätromantiker". Die gegenwärtige Weltgesellschaft drehe sich auch weiterhin um das Gefühl, referiert er den Autor, die Formen der Liebe mögen sich ändern, das Herzstück - die bewegende Kraft der Emotion - aber bleibe bestehen.

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