Klappentext

Österreich in den "Waldheimjahren" zwischen 1985 und 1989. Drei "Kulturkämpfe" toben nebeneinander und sind doch untrennbar miteinander verbunden: der Kampf um einen neuen Staatspräsidenten, der Kampf um ein Antifaschismusdenkmal und der Kampf um das Theater, "die Burg". Und inmitten dieser Auseinandersetzungen kämpft ein Einzelner, kämpft gegen das Vergessen und Verdrängen der NS-Zeit: der Spanienveteran und KZ-Überlebende Edmund Fraul. Dieser Fraul ist das Zentrum aller Bewegung: Dem Lager nie entkommen, bis ins Mark kalt, merkt er selbst, dass er Gefühle nicht äußern, nicht einmal spüren kann. Bis er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien einem ehemaligen KZ-Aufseher begegnet und mit ihm ins Gespräch kommt: über Auschwitz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.09.2013

Das Vergangene ist das Jetzt, lernt Rezensent Dirk Pilz mit Robert Schindels buntem Wiener Gegenwartsgemälde. Das Buch taugt ihm wunderbar als cleverer Enthüllungsroman über die Wiener Waldheim-Jahre und die Peymann-Ära an der Burg, geht es doch rückhaltlos auf Mythen und Lügen los. Allerdings nicht nur. Pilz dient es mit seinem Glossar ferner als Sprachlehrbuch und als Erkundung der Frage, was Geschichte mit unseren Erinnerungen und unserer Sprache anstellt, exemplarisch anhand der Rentenjahre des Auschwitz-Schreibers Edmund Fraul, aber auch anhand einer Menge anderer Figuren, wie Pilz erstaunt feststellt, der den vielen Perspektivwechseln im Buch kaum zu folgen vermag. Aber das verlangt die Wahrheitssuche eben, meint er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2013

Als das größte Verdienst Robert Schindels betreffend seinen Roman bezeichnet Daniela Strigl, dass dem Autor ein Zeitbild Wiens während der Waldheim-Jahre mit Abstand und Gemach geling. Die Rolle des Romanciers vermag Schindel laut Strigl allerdings nicht recht auszufüllen. Zu verschwenderisch scheint ihr die Koloration der Geschichte mit einer Vielzahl an politischen und erotischen Kabalen und die Ausstaffierung mit einer wilden Menge an Personal um den einstigen Auschwitzer Lagerschreiber Edmund Fraul. Zu abrupt die Perspektivwechsel und zu leichtfertig der Umgang mit Erzählhaltungen. Der spielerische Spaß des Schlüsselromans bleibt für Strigl bei solchem andauernden Auf- und Abtreten der Gestalten auf der Strecke, die Figuren sind für sie nichts als "narrative Litfaßsäulen". Bleibt der Reiz des Lokalkolorits. Doch auch hier trägt der Autor zu dick auf. Zu viel Topografie und Heißgetränke, doch leider keine Atmosphäre, schimpft die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.04.2013

Für Helmut Schödel legt Robert Schindel mit diesem an unsympathischem Personal reichen Roman nicht nur ein Panorama über ein abgesehen von Skizirkus und Opernball weitgehend unbekanntes Land vor, sondern auch einen Wien-Roman mit entsprechender Kaffeehaus-Topografie und ein Buch über den Schmutz in der Politik. Indem Schindel mit den Figuren Peymann, Hrdlicka und Waldheim gleich mehrere Wiener Skandale schlüsselromanmäßig verarbeitet und dem Leser mittels mannigfacher Perspektiven einen umfassenden Blick auf die Hinterzimmerpolitik und die Machtgier in der Alpenrepublik anno 1988 gewährt, schreibt er einen laut Rezensent über 644 Seiten Spannung gewährenden Roman. Dem Leser entdeckt er, so Schödel, wie der Reaktionismus grundsätzlich zu Wien dazugehört.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.04.2013

Viel Gutes kann Rezensent Franz Haas Robert Schindels neuem und lang erwarteten Roman "Der Kalte" leider nicht abgewinnen. Er wirft dem längst auch als Romanautor tätigen Lyriker vor, in seinen Romanen einmal mehr ein ernstes Thema der Zeitgeschichte zu einem "seichten Prosareigen" um die Wiener Polit- und Kulturschickeria "aufzublasen". Den Kritiker verschlägt es in diesem Fall ins Wien der Jahre 1985 bis 1989, als Österreichs Mitschuld am Nationalsozialismus immer offenkundiger wurde, Kurt Waldheim trotz NS-Vergangenheit Bundespräsident wurde und der rechtsradikale Jörg Haider große Erfolge feierte. Haas liest hier so viele detailreich rekonstruierte Fakten des Polit- und Kulturkampfes, dass ihm die meisten - unnötig verschlüsselten - Romanfiguren, etwa Elfriede Jelinek im Kaffeehaus oder der grimmige Thomas Bernhard, allzu "blutleer" erscheinen. In der wunderbar "poetisch-kathartisch" geschilderten Zusammenkunft zwischen dem KZ-Überlebenden Edmund Fraul und dem ehemaligen KZ-Aufseher Wilhelm Rosinger, die oft beinahe schweigend ihre Erfahrungen "austauschen", erkennt der Rezensent dann allerdings doch noch die Virtuosität, die er an dem Lyriker Schindler schätzt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.04.2013

Am Ende ist die Hauptfigur für Thomas E. Schmidt noch das Größte an diesem Roman. Dass die Schicksalhaftigkeit der Geschichte sich als Grundgefühl sämtlicher Figuren bei Robert Schindel eingeprägt hat, macht es nicht gerade leichter für den Rezensenten, das Personal zu mögen. Und wenn Schindel den Waldheim-Skandal schlüsselromanartig mit Peymann, Bernhard, Pusch und Vranitzky wiederaufleben lässt, die intakten Nazi-Netzwerke in Wien darstellt und allerlei Gewimmel fabriziert, bleibt für Schmidt schließlich doch nur das Gefühl, dass sich nichts verändert hat. Alles ist und bleibt halt todtraurig und starr in Wien. Für Schmidt liegt das am Unvermögen des Autors, die unterschiedlichen Gefühlslagen seines Personals zueinander in Spannung zu setzen. Lesen lässt sich das zäh, meint er, auch wenn die Entschlüsselung der Gestalten mitunter für Spaß sorgt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.02.2013

Isolde Charim schreibt eine Interviewrezension zum neuen Roman von Robert Schindel. Selbstredend trifft man sich im Kaffeehaus, wo der Autor auch arbeitet, wie wir lernen. Der Roman überzeugt Charim durch sein eindeutiges Setting im Wien der Jahre 1985 bis 1989, Ort ist das Künstler- und Intellektuellenmilieu um das "Oswald und Kalb", Schindel kennt es gut, wie Charim erläutert. Dass der Autor die "Waldheimjahre" und seine Geschichte um einen reuigen alten Nazi fast zu sympathisch entwirft, nimmt Charim nicht die Freude daran, der detaillierten und durch ein Glossar gestützten Kartografie Wiens nachzuspüren. Dass Schindel so unwienerisch exzessfrei und lakonisch erzählt, hält sie für ein weiteres Plus des Romans.