Die Sprache der Liebe ist die Muttersprache des Orients. In keiner anderen Region der Welt wurde so viel und so schön über die Liebe gedichtet. Das Erstaunliche ist, daß sich durch die Zeiten und Räume die Worte und Bilder der Liebe ähneln und bis heute aufeinander Bezug nehmen. Teils freimütig erotisch, teils kunstvoll stilisiert handeln die Gedichte von schönen Männern und Frauen, von verzehrender Sehnsucht und von Paradiesen der Lüste, vom Glück der Vereinigung und vom Liebestod. Claudia Ott hat die Gedichte teils selbst übersetzt und teils auf klassische Übersetzungen zurückgegriffen. Alle Gedichte werden im Anhang durch Erläuterungen erschlossen. Auf wunderbare Weise beweist dieses Buch, daß die orientalische Sprache der Liebe auch im Abendland unmittelbar verstanden werden kann.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.03.2009
Für Stefan Weidner war orientalische Dichtung bislang vor allem ein großer Mythos. Jetzt spitzt er die Ohren, wenn Claudia Ott eine, wie Weidner einräumt, höchst subjektive Anthologie mit hundert der schönsten Liebesgedichte aus dem Orient in frischen Übersetzungen vorlegt. Weidner stellt fest, dass sich das nicht einfach wegliest, eher als Konfekt zu genießen ist, Stück für Stück. Sein Eindruck, die Texte könnten auch auf Deutsch verfasst worden sein, "vor hundert oder zweihundert Jahren", bezieht sich auf den zahmeren Teil, der meist nur Versgruppen, orientiert an der Metrik der klassischen Originale, wiedergibt. Weidner hat hier mitunter das Gefühl, in einem Poesiealbum zu blättern. Oft sind es Lebensweisheiten, "nicht gerade revolutionäre Erkenntnisse", die ihm diese Auszüge vermitteln. Anders dagegen die moderneren Gedichte. Durch sie bekommt der Rezensent ein Gefühl für Kontinuitäten und Unterschiede in Thematik und Ton über die Zeiten hinweg. Ein wenig mehr von diesem Kontrastprogramm hätte ihm gefallen. So kann er die Sammlung zwar als "schön" empfehlen, aber nicht unbedingt als Einführung in eine fremde Dichtungstradition.
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