Christopher R. Browning

Judenmord

NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter
Cover: Judenmord
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783100052100
Gebunden, 288 Seiten, 25,51 EUR

Klappentext

Das Buch präsentiert die Summe von Brownings neuen Erkenntnissen zum Mord an den europäischen Juden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2001

Christoph Jahr urteilt nicht sehr ausführlich. Vielmehr stellt er vor allem den Inhalt des Buches dar. Dennoch, das Buch sei empfehlenswert, und der Autor wird als Kenner der Materie gelobt. Im Gegensatz zu seinen früheren Forschungen, messe der Autor der Ideologie einen größeren Stellenwert bei. In dem strittigen Punkt der Grundsatzentscheidung zur systematischen Ermordung aller Juden, beharre der Autor auf seiner Interpretation, diese sei bereits im Oktober 1941 von Hitler getroffen worden. Trotz der im Buch angeführten mündlichen Aussagen und des zeitlichen Abstandes zu Ereignis und Protokoll, klingen die Argumente des Autors plausibel, meint Jahr. Der Rezensent fordert abschließend zusätzliche Detailforschung, die sich den Fragen nach dem Warum und Wie weiter annähern sollen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2001

Zwei neu erschienene Bände zum Thema "Zwangsarbeiter im Dritten Reich" stellt Bernd Jürgen Wendt in seiner Doppelbesprechung vor. Sie erscheinen nun, findet er, "gerade zum rechten Zeitpunkt", für beide findet er nur lobende Worte.
1.) Christopher R. Browning: "Judenmord"
Im Buch des amerikanischen Historikers geht es um "drei zentrale Themenkomplexe": die Vor-Geschichte von Völkermord und "Endlösung", um Zwangsarbeit von Juden in Polen und der Sowjetunion und schließlich um die Untersuchung von "Einstellungen, Motivationen, Initiativen und Ermessensspielräume" nachgeordneter Beamter, die vor Ort über das Schicksal von Internierten und Zwangsarbeitern entschieden. Es gelingt Browning dabei, so Wendt, das Geschehen anschaulich zu machen, und zwar durch authentische Zeugnisse, die den Blick auf die Opfer statt die Täter, die "Mordgehilfen" statt die Machthaber und auf die "Peripherie" statt das Berliner Machtzentrum richten.
2.) Mark Spoerer: "Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz"
Das Buch des Stuttgarter Historikers Mark Spoerer ist die "erste Gesamtdarstellung zur Zwangsarbeit im 'Dritten Reich'" - und auch sie ist nach Meinung des Rezensenten gelungen. Innovativ die Schwerpunktsetzung: Spoerer beschreibt die "Zwangsarbeit in den besetzten Gebieten Europas", bietet genaue Statistiken, fragt nach der Verantwortung von Staat und Wirtschaft und zeichnet die Diskussion um die Entschädigung nach. Heraus kommt dabei, so Wendt, ein "außerordentlich facettenreiches Bild", zugleich die deprimierende Erkenntnis, dass die finanzielle Grundlage mancher heute erfolgreichen Industrieunternehmen zu einem nicht geringen Teil den Zwangsarbeitern geschuldet ist.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.05.2001

Birgit Weidinger weist in ihrer Kritik dieses Bandes zunächst daraufhin, dass Browning 1992 mit seinem Buch "Ganz normale Männer" über ein Polizeibataillon, das an den Judenmorden beteiligt war, als erster die Frage nach der Mordbereitschaft der "normalen" Bevölkerung zur Nazizeit gestellt hatte. In den Vorlesungen aus Cambridge von 1999, die hier publiziert werden, so Weidinger, verfolgt Browning seine Thesen weiter und sieht sich auch durch seine neuesten Forschungen bestätigt. Einziger Abstrich gegenüber seinem Buch sei die Richtigstellung, dass nicht eine "Mehrheit", sondern eine "gewichtige Minderheit" der Polizisten mit Passion an den Morden teilnahmen. Auch Neues und Anregendes über Machtstrukturen und Hierarchien in der Nazizeit hat Weidinger in Brownings Buch gefunden. Abschließend lobt sie die "klare und geduldig argumentierende Sprache" Brownings und seines Übersetzers Heinz Siber.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.04.2001

Der amerikanische Historiker Christopher R. Browning gehört für Werner Renz zu der kleinen Gruppe von Forschern, die durch die minutiöse Auswertung von Archivquellen neue Erkenntnisse über den Holocaust erbracht haben. So auch in dem neuen Buch von Browning, in dem zahlreiche seiner in Cambridge gehaltenen Vorlesungen über den Völkermord an den Juden versammelt sind. Inhaltlich hat der Rezensent an dem Band denn auch nichts auszusetzen. Aber er bemängelt das Lektorat der deutschen Ausgabe. Im Original sehr hilfreiche Verweise auf Abkürzungen, Abbreviaturen, ein Siglenverzeichnis und umfangreiche Indices seien im Deutschen zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit gekürzt worden oder schlicht weggefallen. Wer also Brownings "erhellende" Schriften gut und ganz nachvollziehen möchte, den verweist Renz auf die amerikanische Originalausgabe.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.04.2001

Christian Semler stimmt mit dem Autor des Buches überein, der die Diskussion zwischen sogenannten Intentionalisten und Funktionalisten, ob und wie zielbewusst die Nazis den Judenmord geplant hätten, für überholt hält. Es war, schreibt Semler, "mörderisches Vorpreschen mit nachträglicher Billigung von oben". Einen eigenen Weg geht der Autor nach Semler, indem er die Zeitspanne Juli bis Oktober 1941 als ausschlaggebend bezeichne: da gab es zunächst den Siegestaumel beim Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion, der aus dem Mord an den sowjetischen Juden schnell den Mord an europäischen Juden allgemein machte. Dem Autor sei bewusst, lobt Semler, wie schwierig es sei, trotz neuer Archivfunde über Geschehnisse zu schreiben, zu denen keine schriftlichen Beweise oder Zeugenaussagen vorliegen. Und doch gebe es keinen Weg an diesen Fragen und Mutmaßungen von "scheinhafter Logik" vorbei, auch um sich der moralischen Frage zu stellen, so Semler, wer war wie und in welchem Ausmaß beteiligt.
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