Nichts ist mehr so, wie es vor zwanzig Jahren war. 1985 begann eine neue Zeitrechnung: Die heute 30-jährigen wuchsen auf in Frieden, Freiheit und Wohlstand, verbanden mit dem Begriff Politik Helmut Kohl und mit der Zukunft ewigen Fortschritt. Ihr Lebensgefühl war beherrscht von der Überzeugung, nichts sei unmöglich. Sie wurden erzogen zur Selbstinszenierung, keinerlei Tradition verpflichtete sie. Freier konnte man nicht sein. Es kam alles anders. Sie sind die ersten arbeitslosen Akademiker. Gott ist tot, die Nation passt, und der einzelne ist auf sich allein gestellt. Es gibt keine Gewissheiten mehr, keine Sicherheiten und kaum Halt. Was tun? Zu neuen Ufern aufbrechen! Eine Kohorte von Individualisten macht sich auf, die Zukunft der Republik zu gestalten. Doch mit welchen Überzeugungen? Hat sie Utopien?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.08.2006
Viel Schulterklopfen wird Christian Schüle bei seiner Vermessung der misslichen Lage der Nation von Rezensent Alexander Kissler zuteil. Aber auch der dezente Hinweis, dass Schüles Angriff gegen eine romantische Vorstellung vom Wohlfahrtsstaat selbst zutiefst an das romantische Denken von Fichte, Schelling, Schlegel und Schelling um 1800 erinnere. Insbesondere fragt der Rezensent, wer denn da Deutschland so herkulisch vom Kopf auf die Füße von "Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit, und Demut" stellen möchte. Das Produkt einer Ich-zentrierten Wohlstandsepoche nämlich, die 1985 mit Boris Becker und dem Privatfernsehen begonnen habe. Die zwanghafte Wir-Rhetorik des Autors wird für den Rezensenten erst so verständlich, auch wenn sie nicht immer nach seinem Geschmack ist. Der detailliert vorgetragenen Diagnose allerdings sei voll und ganz zuzustimmen, hier erinnere Christian Schüle beispielsweise an die leidige Debatte um Martin Walsers Paulskirchenrede. Alles in allem eine wenig erbauliche, so der Rezensent, aber gleichwohl "erfrischende" Lektüre.
Der Rezensent Peter Luley kommt zu einem gemischten Fazit über diese Zeitdiagnose des Journalisten und Autors Christian Schüle. Einerseits tappe er in die eine oder andere Falle, die die Analyse einer Generation mit sich bringen kann - auch wenn der Autor konstatiert, in erster Linie einmal "für sich selbst zu sprechen." Auf der anderen Seite gelingen Schüle nach Meinung des Rezensenten doch einige gute Beobachtungen, zum Beispiel was die Mediengesellschaft und die Auflösung klassischer Milieus betrifft. Auch seine differenzierte Bewertung der Vor- und Nachteile dieser Entwicklungen überzeugt den Rezensenten im Großen und Ganzen. Alles in allem ist das Buch seiner Meinung nach ein "gehaltvolles, nüchtern vorgetragenes Gedankenspiel". Auch der Wechsel zwischen verschiedenen Erzählhaltungen gefällt Luley. Lediglich die Mischung aus akademischer und neudeutscher Sprache geht ihm ein wenig auf die Nerven.
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