Chaim Nachman Bialik

Wildwuchs

Erzählungen aus Wolhynien
Cover: Wildwuchs
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406826221
Gebunden, 299 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Der Band versammelt drei Geschichten vom jüdischen Leben in Wolhynien, das Bialik mit der gleichen Zärtlichkeit beschreibt, die Siegfried Lenz seinem Suleyken entgegenbrachte. Doch die Erzählungen bieten viel mehr als Blicke in eine versunkene Welt, sie handeln in unvergesslichen tragischen und urkomischen Szenen von Feindschaft und verbotener Liebe, Stolz und Scham eines Heranwachsenden, von der Macht der Tradition und dem Traum vom verlorenen Paradies.Das dörfliche Leben der jüdischen Holzhändlerfamilie ist für die Kinder ein festgefügter Kosmos, doch für die Obrigkeit illegal, und so bahnt sich langsam die Katastrophe an ... Zwei Nachbarskinder, Noah und Marinka, können sich jahrelang nur durch Löcher im Zaun verständigen. Am Ende siegt die Liebe über den Hass der Eltern, aber nur scheinbar ... Ein Junge entzieht sich durch Nichtstun dem strengen Vater und erträumt sich eine ganz eigene Welt, in der Dorf, Felder und Wälder zum gelobten Land werden ...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.08.2025

Chaim Nachman Bialik war ein "israelischer Superstar" bevor der jüdische Staat existierte, hält Rezensentin Judith Leister fest. Einige seiner, nun endlich auf Deutsch erscheinenden, Erzählungen kreisen um die Kindheit in Wolhynien, die, wie Leister erzählt, schwierig war. Der Vater und der Lehrer in der religiösen Schule prügelten ihn, allerdings spricht auch die innige Liebe zur Landschaft aus den Texten, so Leister, was sich in Naturbeschreibungen von "überbordender Sinnlichkeit" widerspiegelt und der Sehnsucht nach "verschwiegenem Schilf und Sumpfland und ewigen Wäldern". Später ging Bialik nach Odessa, einer Hochburg hebräischer Literatur. Von dort aus reiste er 1903 nach  Chisinau, wo ein schreckliches Pogrom an der jüdischen Bevölkerung stattgefunden hatte, das Bialik im zornigen Poem "In der Stadt des Tötens" verarbeitete -  die Pointe des Gedichts gibt wieder, was für viele Juden ein immer dringenderer Gedanke wurde, wie Leister betont: "Geh jetzt!" - Bialik wanderte dann auch 1924 nach Palästina aus. Es gibt bei Bialik einen "lehrhaften Subtext", so die Kritikerin, aber vor allem einen "klaren, klassischen Stil", der schon die Zeitgenossen begeisterte. Manchmal werden die Texte der Kritikerin ein bisschen zu sentimental, doch die Lektüre der Erzählungen dieses vielschichtigen Pioniers der hebräischen Literatur kann sie nur empfehlen.  

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.07.2025

In Israel gilt Chaim Nachman Bialik als Nationaldichter und als einer der Väter des modernen Hebräisch, ein jedes Neugeborene in Tel Aviv erhält von der Stadt einen Band mit seinen Kinderliedern, klärt uns Rezensent Moritz Baumstieger auf. Hierzulande ist er weitgehend unbekannt, was dieser Band mit erstmals auf Deutsch erschienenen Texten hoffentlich ändert, meint der Kritiker. Es ist vor allem das berühmte Poem "In der Stadt des Tötens" über das 1903 an Juden verübte Pogrom in Kischinew, das den Rezensenten beschäftigt und ihn in gespenstiger Gegenwärtigkeit an den 7. Oktober erinnert: Der Text sollte die Juden in Europa wachrütteln und für die zionistische Sache gewinnen, entnimmt Baumstieger unter anderem dem kenntnisreichen Nachwort von Ayelet Gundar-Goshen. Aber, auch wenn Bialik als zionistischer Aktivist auftrat, ist sein Werk von "Ambivalenzen durchzogen", fährt der Kritiker fort. Beeindruckt liest der Rezensent zudem Bialiks mitunter "derbe", "doppelbödige" und "zarte" Beobachtungen jüdischen Lebens im zaristischen Russland.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2025

Kritikerin Christiane Pöhlmann freut sich, dass Chaim Nachman Bialik, der als einer der Väter des Hebräischen als Literatursprache gilt, nun auch auf Deutsch entdeckt werden kann. Bialiks drei Erzählungen widersetzen sich einer eindeutigen Interpretation, erklärt sie: Gewalt gibt es hier gegen Juden, aber sie geht auch von Juden aus, insbesondere die Vorurteile der Ostjuden gegen Kultur und Bildung werden hervorgehoben. Aber es gibt natürlich auch die antisemitischen Pogrome. Beispielhaft scheint Pöhlmann Bialiks Protagonist Noah zu sein, der versuche, Tradition mit Toleranz für andere Lebensweisen zu vereinbaren. Bialiks Themen sind reich an Dilemmata und vielleicht gerade deshalb auch heute noch so stark, resümiert Pöhlmann, die auch das Nachwort von Ayelet Gundar-Goshen mit Gewinn gelesen zu haben scheint.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 25.03.2025

Rezensent Marko Martin freut sich über diese Textauswahl mit Erzählungen von Chaim Nachman Bialik. Bialik, Erneuerer des Hebräischen, Dichter von Kinderliedern stellt sich hier vor mit deutschen Erstübersetzungen von Ruth Achlama. Ob er seinen eigenen Lebensweg schildert wie in der Titelgeschichte oder jüdische Dorfgeschichten erzählt, Bialik schafft empathische Prosa und "Chagallsche Landschafts- und Menschenzeichnungen", so Martin begeistert. Das Nachwort von Ayelet Gundar-Goshen ist für Martin ein einfühlsames Proträt des Autors.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.03.2025

Dass Chaim Nachman Bialik seine Gedichte auf Hebräisch geschrieben hat, war eine durch und durch politische Sache, ist sich Rezensentin Zelda Biller sicher, sein Traum war ein jüdischer Staat statt "Pogrom-Life-Balance" im ukrainischen Shtetl. So ein Staat braucht ein kulturelles Fundament und das wollte Bialik mit seinen Texten schaffen, drei seiner Erzählungen liegen nun endlich in deutscher Übersetzung vor, wie sich die Rezensentin freut. Für sie sind sie "literarische Äquivalente" zu Chagall-Gemälden zwischen Moderne und Kitsch. Bialik schreibe mit der gleichen Zuwendung von Menschen und Gegenständen, von "schreienden Mauern und gekränkten Häusern" in einer jüdischen Dorfwelt, und stelle die schmerzhafte Frage, ob man seine Herkunft hinter sich lassen kann. So sind diese Erzählungen auch für ein heutiges Publikum unbedingt lesenswert sind, auch 90 Jahre nach dem Tod des Autors, bekräftigt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.02.2025

Für israelische Leser sind die Geschichten von Chaim Nachman Bialik schon lange "fester Bestandteil ihres kulturellen Gedächtnisses", weiß Rezensent Jakob Hessing. Endlich erscheinen sie nun auf Deutsch und zwar von Ruth Achlama, in einer "reichen, geschmeidigen" Übersetzung, wie der Kritiker hervorhebt. Bialiks Geschichten bewegen sich in der Spannung zwischen der Revolte gegen eine traditionelle jüdische Erziehung und der tiefen Verwurzelung in der jüdischen Kultur, die auch Bialiks Leben prägte. So verliebt sich sein Protagonist Noah aus "Hinter dem Zaun" in seine Nachbarin - gibt am Ende jedoch der Tradition nach und heiratet eine jüdische Frau. Viele Referenzen an jüdische Erzähltraditionen kann der Kritiker hier erkennen, aber auch motivische Anleihen an die Bibel - blühende Landschaften, in denen sich Liebende treffen, eine trauernde Geliebte als Piétà beispielsweise. Die Schrecken der Judenverfolgung in Osteuropa verarbeitet Bialik in der Geschichte "Stadt des Tötens", die von einem Pogrom in Kischinew im Jahr 1903 handelt. Über das Leben des Autors kann man in diesem "leserfreundlich" gestalteten Band auch einiges erfahren, genauso wie über die aktuelle Rezeption seiner Literatur, lobt Hessing abschließend.

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