Andreas Maier

Der Teufel

Roman
Cover: Der Teufel
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518432310
Gebunden, 247 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau … Willkommen in der Welt der Guten und der Bösen! Wir schreiben die siebziger und achtziger Jahre, die Zeit des Blauen Bocks: Onkel J. sitzt vor den Nachrichten und versteht auf paradiesische Weise nichts, derweil seine geliebte Mutter während des schier endlosen ersten Golfkriegs älter und älter wird. Mittendrin hat Andreas seinen ersten linksutopisch unterfütterten Sex bei Räucherkerzenduft, und zu Besuch kommt das Tante Lenchen, das die DDR unverdrossen für das bessere System hält. Nicht zu vergessen Saddam Hussein: Eben noch im Kampf gegen dämonische Regime unterstützt, dann plötzlich selbst zum Teufel geworden. Wie konstruiert man das: Gut und Böse? Und aus was genau besteht eigentlich jugoslawisches Hackfleisch? Wie wir untergehen im täglichen Meinungswettstreit, wie wir einem Überblick ständig ferngehalten werden, wie wir diesen Überblick vielleicht sowieso nie bekommen können, davon handelt dieser Roman.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.06.2025

Ein "untrügliches Gespür für pointenhafte Augenblicke" attestiert Rezensent Paul Jandl dem Autor Andreas Maier auch im vorletzten Buch seines Roman-Zyklus über eine Jugend in den siebziger und achtziger Jahren. Der Fernseher ist hier allgegenwärtig und will den Bürgern in einfachen Schwarz/Weiß-Botschaften vermitteln, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Damals war es ziemlich einfach, meint der Kritiker: Die Alten waren rechts, deshalb konnten die Jungen links sein. So eine Jugend zwischen Rebellion, "Arafat-Tüchern", und dem ersten Sex, bei dem sich das Erzähler-Ich unbedingt an feministische Kriterien halten möchte, erzählt Maier in diesem Roman, inspiriert von seiner eigenen Lebensgeschichte. Jandl gefällt die "ernsthafte Komik" in Maiers Werk, wenn zum Beispiel die Tante aus der DDR anreist und mit ihrer "rotwangigen Lebenslust" so gar nicht zu den Vorstellungen ihrer West-Verwandten passt. Wenn es ums Politische geht, ist Jandl weniger begeistert, ein wenig "lustlos" referriert Maier hier die politischen Ereignisse. Da gefällt ihm die "Privatarchäologie" viel mehr.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.05.2025

Rezensentin Judith von Sternburg fühlt sich wohl im Maier-Kosmos, erkennt sie doch vieles, was der Autor im nun mehr zehnten Band seiner "Ortsumgehung" beschreibt, wieder. Der aktuelle Band spielt in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern, die Welt scheint verhältnismäßig überschaubar und die großen Fragen sind: Märklin oder Fleischmann, Led Zeppelin oder Spandau Ballett, CDU oder SPD. Heiter geht es zu, wenn Maier seine Erinnerungsarbeit mit zahlreiche Pointen versieht, zugleich spielt die Weltpolitik, etwa in Form des ersten Golfkriegs eine Rolle. Das Lockere des Aufwachsens im kleinen Friedberg kann der Autor der Rezensentin ebenso gut vermitteln wie die Enge.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2025

Popliteratur im Guten und - hier leider doch eher überwiegend - Schlechten ist das neue Buch Andreas Maiers für Rezensent Jan Wiele. Im nunmehr zehnten von geplanten elf "Ortsumgehung"-Romanen beschäftigt sich Maier vorwiegend mit dem (west-)deutschen Fernsehen von den 1970ern bis in die Nullerjahre, wobei typische Ferseherfahrungen von Zeichentrick bis nackten Frauen aufgelistet werden. Ganz lustig findet Wiele das teils, aber doch altbekannt und nah am Klischee, erst recht, wenn es medienkritisch wird in Betrachtungen über den zweiten Golfkrieg und die Dämonisierung Saddam Husseins. Das haben wir doch schon bei Kempowski gelesen, ärgert sich Wiele, dem es deutlich besser gefällt, wenn Maier sich autofiktional dem Geschehen diesseits der Mattscheibe zuwendet und zum Beispiel mit viel Liebe zum peinlichen Detail über Sexvorbereitungen im Haus seiner Freundin schreibt. Mehr in diese Richtung hätte Wiele schön gefunden, mit den Medienreflexionen, die er stattdessen geliefert bekommt, wird er nicht ganz glücklich.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.05.2025

Eine "skurril-kluge Heimathommage" sieht Rezensentin Nicole Strecker im zehnten Teil von Andreas Maiers Erinnerungschronik: Der Autor geht hier wieder zurück in seine Jugend im hessischen Wetterau. Das Aufwachsen in den siebziger bis neunziger Jahren ist geprägt von "übersichtlicher Dichotomien", so die Kritikerin, Gut und Böse, Protestanten und Katholiken, Ost und West. Als "gewitzter Literat" und gleichzeitig "mentalitätsgeschichtlich versierter Soziologe" dekliniert der Autor an seinem jugendlichen, langhaarigen linksalternativen Helden die gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD durch: Erste Sex-Erfahrungen, die der durch feministische Lektüre ausgebildete Protagonist so politisch korrekt wie möglich ablaufen lassen will (das beschert der Rezensentin sehr lustige Szenen), ideologische Verwirrung angesichts einer Tante aus dem Osten, die so gar kein Problem mit der DDR hat und dann natürlich die großen, politischen Umwälzungen der Zeit - das alles versammelt Maier hier und untergräbt dabei fortlaufend vermeintliche Gewissheiten. Ein zentrales Element bilde außerdem das Motiv Fernsehen, das die NATO-Osterweiterung und die Jugoslawienkriege nach Wetterau holt und dessen einseitige Berichterstattung Maier mit "linguistischer Erklärwut"  attackiere. Klare Leseempfehlung von Strecker!

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.03.2025

Rezensentin Andrea Gerk wünscht sich, dass Andreas Maiers autobiografisches Großprojekt der "Ortsumgehung" niemals ende. Der nunmehr 10. Band liegt vor, und Gerk versenkt sich in die Ära "Blauer Bock", als noch alle regelmäßig zur Tagesschau vor der Flimmerkiste saßen, und Oma noch glaubte, Ivan Rebroff sei ein echter Russe. Die Welt war also noch in Ordnung, weil man glaubte, was man sah. Die 70er und 80er, wie Maier sie mit dem aus den anderen Bänden bekannten Personal plus neuen Figuren zeichnet, scheint Gerk so präzise wie stimmungsvoll eingefangen. Doch Maier beschreibt auch den Moment, als alte Gewissheiten zu bröckeln beginnen. Ein humorvolles wie unsentimentales, doch poetisches Zeitpanorama aus dem Geist des Alltäglichen, lobt sie.

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