Carolin Emcke

Wie wir begehren

Cover: Wie wir begehren
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
ISBN 9783100170187
Gebunden, 256 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Entdecken wir das Begehren oder entdeckt das Begehren uns? Wie frei sind wir, unser Begehren zu leben? Hat es nur eine Form oder ändert es sich, wird tiefer, zarter, radikaler? Carolin Emcke schildert das Suchen und die allmähliche Entdeckung des eigenen, etwas anderen Begehrens. Sie erzählt von einem homosexuellen Coming of Age, von einer Jugend in den 1980er Jahren, in der über Sexualität nicht gesprochen wurde. Sie buchstabiert die vielen Dialekte des Begehrens aus, beschreibt die Lust der Erfüllung, aber auch die Tragik, die gesellschaftliche Ausgrenzung dessen, der sein Begehren nicht artikulieren kann.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.03.2012

Andrea Roedig ist sich sehr uneins: Einerseits ist Emckes "erotische Autobiografie" über das Erwachen und Formen der eigenen, homosexuellen Lust über weite Strecken "exzellent und dicht" geschrieben und nicht zuletzt eine "wilde und schöne Liebeserklärung an die lesbische Lust", auch wenn sie manche der jugendlichen Erweckungserlebnisse für den Geschmack der Rezensentin oft eine Spur zu sehr mit nerviger Selbstbefragerei vollgestellt findet. Andererseits stört sich Roedig aber sehr an der Art und Weise, wie Emcke die Person Daniel benutzt, einen Mitschüler aus Jugendtagen, der sich umgebracht hat, womöglich weil er schwul war. Wofür Daniel alles herhalten muss, findet die Rezensentin doch etwas sehr unbekümmert, schließlich habe die Autorin den Jungen kaum gekannt. Ob sie das Buch deshalb "ärgerlich" findet, will Roedig daher abschließend nicht entscheiden, ziemlicher sicher ist sie aber, dass man auch im Namen der Aufklärung gut überlegen solle, was man "vom Schmerz und vom Zauber des Verschwiegenen" preisgeben solle.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.03.2012

Im Aufmacher des Sachbuchteils der Literaturbeilage feiert Jens Bisky das Buch seiner Journalistenkollegin Carolin Emcke. Vom hohen Ton des Titels sollte man sich dabei offenbar nicht in die Irre führen lassen, laut Bisky erzählt Emcke mal unterhaltsam, mal eindrücklich von ihren Erfahrungen als lesbische Frau und Reporterin in der aufgeklärten deutschen Gegenwart oder im Gaza-Streifen. Dabei verbinde sie Erzählung, Erlebnis und Reflexion, freut sich Bisky, der die fehlende Eindeutigkeit eher als ein Plus des Buchs begreift. Was er diesem Buch vor allem positiv anrechnet, ist Emckes Versuch, eine Sprache für ihre Homosexualität zu entwickeln, die sie nicht in eine Gruppenidentität zwingt, sondern einen individuellen Ausdruck ihres Begehrens findet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.03.2012

Mit viel Lob bedenkt Rezensentin Natascha Freundel dieses Buch Carolin Emckes über die Entdeckung ihres homosexuellen Begehrens. Sie schätzt die Arbeiten der Journalistin, die auf die "Maske des abgeklärten Berichterstatters" verzichte und stattdessen auf Empathie setze. So auch im vorliegenden Buch, das die Rezensentin ebenso intim wie mutig. Wie die Autorin ihre Kindheit und Jugend in den 70er und 80er Jahren schildert, Szenen ihres Erwachsenenwerdens, Schule, Sexualkunde-Unterricht, sexuelle Erfahrungen, wie sie dabei auch die Mechanismen der Ausgrenzung analysiert, hat Freundel überaus beeindruckt. Das Buch liefert für sie eben keine "Selbstentblösung als Nabelschau", sondern es beschreibe ein Leben, das den Freiraum des Anders-Seins verteidige.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2012

Großes Buch, findet Verena Lueken, die besonders den autobiografisch erzählerischen Ansatz der Autorin schätzt. Wie sexuelle Identitäten theoretisch entstehen, weiß Lueken von Judith Butler, Carolin Emcke, erläutert sie die Bedeutung des Buches, liefert den persönlichen, den praktischen Teil dazu, indem sie auf ihre Kindheit und Jugend in den 70ern und 80ern zurückschaut, prägende Musiklehrer und ebenso prägenden, die Lust ausklammernden Sexualkundeunterricht Revue passieren lässt und schließlich ihre eigene Homosexualität. Laut Lueken macht Emcke das ganz bewusst ohne auf Festschreibungen hereinzufallen; Identität bleibt so etwas Offenes, Prekäres, schreibt Lueken. Trotz alledem ist das Ergebnis für Lueken ein Sachbuch, in dem es auch um Schwulenparagrafen geht, um Denunziation und sexuelle Gewalt, zum Beispiel in der Odenwaldschule.