Aus dem Italienischen von Katharina List. Carlo Emilio Gadda zog als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, überzeugt von der Notwendigkeit, für sein "verdammtes Vaterland" und gegen den "übermächtigen Germanismus" zu kämpfen. Sein Idealismus, das Pflichtbewusstsein und Ordnungsbedürfnis des Ingenieurstudenten prallen jedoch auf eine Kriegsrealität, in der Chaos und Desorganisation herrschen, während die ersehnte Gelegenheit zu heroischen Taten auf sich warten lässt. Sein Tagebuch berichtet vom Frontalltag im Gebirge, registriert gnadenlos die Unfähigkeit der Generäle und die mangelhafte Ausstattung der Soldaten; Gadda wütet gegen Drückeberger und Feiglinge, zeichnet nebenbei ein Psychogramm der Italiener allgemein - und führt den heftigsten Konflikt doch gegen sich selbst, gegen seine übermäßige Sensibilität, ständiges Hemmnis im Umgang mit den Kameraden. Bei der Schlacht von Karfreit gerät er in deutsche Gefangenschaft, durchlebt Hunger, Kälte und moralische Krisen, schreibt aber auch erste literarische Texte und lernt intensiv Deutsch. Seine scharfe Beobachtungsgabe, die überbordende sprachliche Experimentierlust und eine impulsive Emotionalität, die sich in Beleidigungen, Begeisterungsstürmen oder Wehklagen auf den Seiten niederschlägt, machen das Tagebuch zu einem Dokument, in dem die Zeitläufte und die Persönlichkeit des Verfassers gleichermaßen lebendig werden: Es ist die Geburtsstunde des größten italienischen Erzählers des 20. Jahrhunderts.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2026
Zwischen Kriegsbegeisterung und bitterer Desillusionierung entfaltet sich dieses Tagebuch, das Rezensent Niklas Bender als eindrucksvolles Dokument einer "ambivalenten Faszination für Deutschland" liest. Der junge Gadda zieht 1915 voller Pathos in den Krieg, schimpft bald über "Niedertracht" und das "inexistente Pflichtgefühl" seiner Anführer, gerät 1917 in Gefangenschaft und verbringt Monate im Lager bei Celle, wo ihn der "graue, eintönige, entsetzliche Himmel" niederdrückt, resümiert der Kritiker. Gleichzeitig entdeckt er dort das Schreiben als eigentliche Berufung: Diskussionen, Übersetzungen, literarische Skizzen, erste Erzählversuche. Bender hebt hervor, wie aus "krankhafter Sensibilität" eine produktive literarische Energie wird. Dank der sorgfältigen Übersetzung und Edition von Katharina List liegt erstmals die vollständige Fassung aller bekannten Hefte vor, ein Buch, das historisches Zeugnis, psychologische Selbstanalyse und die Geburt eines Autors zugleich ist, lobt der Kritiker zuletzt.
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