Bodo Kirchhoff

Parlando

Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783627000844
Gebunden, 536 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Karl Faller, Held des Romans, erwacht im Krankenhaus. Jemand hat ihn in der Neujahrsnacht neben einer erstochenen Frau niedergeschlagen, auf der Tatwaffe ein wahres Gedränge seiner Fingerabdrücke, wie die junge Staatsanwältin Suse Stein bemerkt. Sie vernimmt ihn über Wochen in der Mordsache und beweist trotz aller Selbstbezichtigung des Verdächtigen dessen Unschuld ...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.12.2001

Fesselnd nennt Detlef Krumbach Kirchhoffs Vater-Sohn-Geschichte, diesen "dickleibigen Roman, in dem das Reisen, das rastlose Suchen und das Fabulieren eine fantastische Symbiose eingehen". Gefesselt haben den Rezensenten vor allem das Spiel mit Wahrheit und Lüge und das Durcheinander der Stimmen, mit denen der Autor sein "kriminalistisches Puzzlespiel" inszeniert: Der durch den Blickwinkel des Sohnes, der wiederum eingebunden ist in die Biografie des Autors, "gefilterte" Blick auf den Vater. Und dies, wie Krumbach erleichtert feststellt, ohne dass eine vordergründige Abrechnung mit den Achtundsechzigern oder eine "Houellebcqsche Effekthascherei" daraus würde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Da nennt Martin Lüdke den Roman anfangs ein gescheites und spannendes Buch, zu dem er ebenso viel Gescheites zu sagen hat, um am Ende doch zu meinen: es nervt. Was nervt ist der Typ des Narzissten, den Kirchhoff in seinem Frankfurt-Roman wieder auferstehen lässt. Dort hasst man die alten 68-er gründlich, weil sie einem die Jugend verdorben haben, wie Kristian Faller seinem Sohn Karl in Kirchhoffs "Parlando". Und weil der Vater viele Frauen zu Liebedienerinnen gemacht hat, muss es ihm der Sohn gleichtun. Die Frauen - Opfer, der Sohn - Opfer und Täter zugleich, der Vater - Nutznießer der liberalen politischen Verhältnisse, interpretiert Lüdke den Frankfurter Dichter. Dieser Wiederholungszwang, der im übrigen auch ein Erzählzwang ist, der zum Sog des Buches führt, wird auf Dauer problematisch, sagt Lüdke. Meint er langweilig? Die Exotik der wechselnden Schauplätze der sich gleich bleibenden Geschichte ist auf Dauer nicht gerechtfertigt, meint der Rezensent, im übrigen unterliegt wohl auch der Autor selbst dem Wiederholungszwang: "Parlando" sei wie ein Gang durch seine Werkgeschichte angelegt: na, eitel?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Insgesamt positiv bewertet Ursula März Bodo Kirchhoffs neuem Roman, auch wenn sie bemängelt, dass der über 500 Seiten lange Roman seine Qualität nicht durchgängig halten kann: dem Roman fehle es an der notwendigen gleichmäßigen Strömungsenergie. Deshalb wird es ihrer Ansicht nach vor allem in der zweiten Hälfte oft etwas monoton, ein bisschen weniger Dehnung und Streckung hätte dem Roman gut getan. Trotzdem zeigt sie sich beeindruckt von der Konstruktion der Erzählung: "vom rasanten Kreislauf ins Monströse gesteigerter Motive, von der erzählerischen Zahnradtechnik". Der Roman werde durch ein "atem- und pausenlosen Sprecherzählens" zusammengehalten. Inhaltlich sei die Erzählung eine Kombination aus Vertrautem und Neuem, und manchmal benutzt Kirchhoff zu März Bedauern auch abgegriffene Klischees. Wie immer arbeitet er sich an einem nach März Ansicht typischen Motiv ab: an "einem bestimmten männlichen Typ", dem narzisstischen "einsamen Wolf". Der hat diesmal eine "realitätstüchtige, dauerhaft begehrenswerte Frau" als Gegenüber, und das ist nach Meinung der Rezensentin eine deutliche Zäsur in Kirchhoffs Werk. Kirchhoff, so meint sie, ist mit diesem Roman im Begriff, sich vom Szeniker zum Epiker zu entwickeln. Deshalb interessiert er sich nach März jetzt weniger für die "Projektionen des Selbst" und mehr für Zusammenhänge und Konflikte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.09.2001

Es geht um die halbe Welt in diesem "zwischen Liebes- und Vaterroman" mäandernden Buch. Allerdings hätte der Tribut des Autors an das Nomadentum von Kreditkartenbesitzern für den Geschmack des Rezensenten Karl-Markus Gauß ruhig etwas bescheidener ausfallen können. Das "vernünftige Ende" der Geschichte jedenfalls kommt lange vor der letzten Seite, erklärt uns Gauß, ohne allerdings die atmosphärische Dichte und Plastizität der angesteuerten Schauplätze von Moskau bis Buenos Aires in Zweifel zu ziehen. Auch dass den Leser die hier über der vermeintlichen Heiter- und Leichtigkeit eines echten Parlando dräuenden Wolken einer zwanghaften Konstruiertheit "sehr lange nicht stören", muss Gauß - was bleibt ihm übrig? - dem Autor einfach gutschreiben.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2001

In Bodo Kirchhoffs neuem Roman sterben die Figuren wie die Fliegen. Und trotzdem ist der Krimi-Plot ein Bluff, schreibt Martin Krumbholz, denn in den meisten Fällen ist höhere Gewalt, nicht Menschenwerk im Spiel. Geplant war, weiß der Rezensent, "Parlando" als kosmopolitischen Liebesroman und groß angelegten Versuch über Liebe, Phantasie und Fiktion auszugeben, doch für Krumbholz ist dieses Unternehmen aus zwei Gründen gescheitert. Einmal ist ihm die dramaturgische Grundkonstellation des Vater-Sohn-Verhältnisses zwischen dem Reisebuchschreiber Kristian Faller und dem Protagonisten Karl Faller, einem Krimiserienautor, unplausibel. Zum anderen stört sich der Rezensent am Titel den Buches, der ihm beiläufig-geschmeidiges Plaudern suggeriert, während Kirchhoffs Sprache aber alles andere als süffig und flüssig sei. Im Gegenteil, Krumbholz findet Kirchoffs Stil eher monoton und langatmig, seine Sätze klingen ihm noch nach der Lektüre wie das "unermüdliche Klappern einer deutschen Erzählmühle" in den Ohren.
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