Bodo Kirchhoff

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt

Roman
Cover: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
dtv, München 2026
ISBN 9783423284912
Gebunden, 576 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Er: Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung. Sie: Terese Weiler, Kinder- und Jugendtherapeutin. Was sie teilen, ist fast nur noch das Gefühl, aus dem anderen jeweils das Schlechteste herauszuholen. Sollen sie zusammen alt werden? Die Frage ist plötzlich unausweichlich. Gehen oder bleiben? In Indien weiß Terese, dass sie Vigo verlassen muss. Als er um eine letzte Chance bittet, antwortet sie: "Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Nur einmal im Leben." Worauf Vigo einen Roman zu schreiben beginnt, erzählt aus der Sicht seiner Frau, ihre ganze gemeinsame Geschichte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.02.2026

Rezensentin Gabriela Herpell begegnet in ihrer Doppelkritik zwei unterschiedlich tiefgehenden Ehebilanz-Romanen. Während sich die niederländische Autorin in "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" ehrlich und fair in die Auseinandersetzung mit ihrem verstorbenen narzisstischen Ehemann und mit den eigenen Abhängigkeiten begibt, geht es bei Bodo Kirchhoff etwas oberflächlicher zu: Vom "genialen" Titel "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt", ist sie anfangs noch ganz begeistert, und auch, dass hier sogar aus Männerperspektive mal eine Frau jenseits der 60 auftritt, die trotzdem noch Sex hat, hier mit einem jungen Inder, sei ja "eigentlich erfrischend". Dann stört sie aber zunehmend die Perspektive des Ehemannes, der seine Ehefrau bei aller Bewunderung letztlich doch auf ihr Äußeres reduziert und gewissermaßen mit ihr "abrechnet" - die Affäre habe etwa zu Vernachlässigung des gemeinsamen Kindes geführt. Dieses Framing kann natürlich auch Absicht von Kirchhoff sein, überlegt Herpell, aber für sie geht es trotzdem auf Kosten der weiblichen Perspektive und der realistischen Einschätzung der Beziehung.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.01.2026

Den neuen Bodo Kirchhoff sollte man möglichst schnell vergessen, empfiehlt Rezensent Adam Soboczynski. Der Kritiker schätzt Kirchhoff sonst durchaus, aber was hat er sich nur bei dieser Geschichte gedacht? Eine eifersüchtige Frau reist ihrem Mann nach Indien hinterher, um ihn mit seiner Geliebten zu erwischen. Die Frau fängt dann gleich selbst etwas mit einem Hotelbesitzer an, warum auch immer. Die Indien-Impressionen, die Kirchhoff nebenbei einfängt, sind dabei gar nicht mal so schlecht, aber arg exotistisch ist das alles schon und vor allem bleiben die Figuren durchweg in Klischees stecken, seufzt der Rezensent. Soboczynski hofft, dass die Komik, die hier und da im Buch steckt, nicht durchweg unfreiwillig ist. Aber insgesamt ist hier schlichtweg nicht viel zu holen, heißt es am Schluss.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.01.2026

Für den Rezensenten Jörg Magenau ist der neue Roman von Bodo Kirchhoff eine hochkonzentrierte Erkundung der Liebe in all ihren "Aggregatzuständen". Ausgangspunkt ist eine Trennung: Therese folgt ihrem verschwundenen Mann nach Indien und verliebt sich selbst neu. Erzählt wird alles aus Vigos Perspektive, der seiner Frau "hinterher erzählt" und sie dabei zur Figur seines eigenen Romans macht, ein "doppelt verdrehtes" und riskantes Verfahren, das Kirchhoff allerdings meistert. Die Figuren erscheinen "in all ihrer Ambivalenz", der Erzähler hält sich auffallend zurück. Sinnlich und "nie pornografisch" schildert Kirchhoff Begehren, Routine und Verlust, ergänzt um politische Gegenwart, Reisebilder aus Mumbai und die Utopie einer Welt ohne Waffen. Ein vielschichtiger, intensiver Liebesroman eines Verlassenen, schließt der Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.01.2026

Rezensentin Pia Reinacher ist weitgehend enttäuscht von diesem langatmigen Trennungsroman des sonst erzählökonomisch bedachteren Schriftstellers. Hier erzählt Viktor von den langen Ehejahren mit seiner Frau Terese, nachdem diese ihn nach dem Tod ihres Doktorvaters, mit dem sie eine Affäre hatte, verlassen hat, erklärt Reinacher. Der Roman versuche, die Erlebnisse und Innenwelt der Ehefrau zu zentrieren und gleichzeitig ein politisch relevanter Text zu sein, indem er dabei gleichzeitig über eine Welt ohne Waffen nachdenkt. Beides gerät zu oberflächlich und kitschig, seufzt die Kritikerin: Die Gedanken über Abrüstung zeugen von wenig Expertise und der Versuch, sogenanntes "weibliches Denken" darzustellen, geht für Reinacher nie über das Spiel eines "maskierten Mannes" hinaus. Es gibt zwar eine kurze Szene in einem Londoner Teehaus, die in ihrer kühlen Sprache die Distanz der Ehe perfekt einzufangen weiß, und Reinacher ebenso kurz versöhnlich stimmt, der Rest ist leider weniger überzeugend. 

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