Birthe Kundrus

Moderne Imperialisten

Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien. Habil.
Cover: Moderne Imperialisten
Böhlau Verlag, Wien 2003
ISBN 9783412187026
Gebunden, 339 Seiten, 34,90 EUR

Klappentext

Dieses Buch erkundet die Bedeutung des Kolonialismus für die Kultur- und Mentalitätsgeschichte des Kaiserreichs. Blickt man auf die mental-kulturelle Dimension der Kolonialpläne, -utopien und -realisierungen, dann zeigt sich, dass die Schutzgebiete für das schwächelnde nationale Selbstwertgefühl von erheblicher Bedeutung waren. Die bürgerlichen Kolonialakteure stellten sich vor, mit dem Erwerb und Besitz von Kolonien Orientierung und Halt zu bekommen. Die Autorin zeigt, wie facettenreich diese Identitätsfrage auf der Folie der Kolonien verhandelt wurde. Vier Themenbereiche stehen im Mittelpunkt der Untersuchung: die Migrationskonzepte, die Naturwahrnehmungen, die Vorstellungen über eine in Afrika aufzubauende "deutsche Kultur" und die Diskussion um "Mischehen" zwischen Deutschen und Afrikanerinnen. Der Hauptfokus liegt auf der wichtigsten Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.06.2005

Überzeugend findet Rezensentin Ute Frevert diese Studie "Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien", die Birthe Kundrus vorgelegt hat. Im Mittelpunkt der Arbeit sieht Frevert Kolonialpläne und -utopien, wie sie von akademischen und Verwaltungseliten des Kaiserreichs erdacht wurden. Deren Mentalitätsgeschichte entfalte Kundrus "wunderbar sorgfältig und differenziert", Kundrus verstehe die Kolonien als "Vexierbilder nationaler Identität". Sie weise ihnen eine wichtige Rolle für die Ausbildung eines nationalen Selbstverständnisses zu. In den "Kolonialdiskursen" - Denkschriften, Reise- und Erfahrungsberichten von "Kolonialinteressierten" wie Politikern, Administratoren, Siedlern, Soldaten oder Missionaren - lokalisiere die Autoren den bürgerlichen "Krisendiskurs", wie er vor allem die Zeit nach der Jahrhundertwende geprägt habe. Als "großes Verdienst" dieses "gut lesbaren Buches" lobt Frevert, dass es den "Kolonialdiskurs" nicht als monolithisch, sondern als politisch vielstimmig darstellt. Allerdings hält sie auch fest, dass die Wirklichkeit der kolonialen Situation von Kundrus "nur schwach ausgeleuchtet" wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.09.2003

Die Geschichte des deutschen Kolonialismus erfährt in letzter Zeit wieder verstärkte Aufmerksamkeit - eine Entwicklung, die Rezensent Andreas Eckert sehr begrüßenswert findet. So zeigt er sich auch recht angetan von Birthe Kundrus Unterfangen, koloniale Vorstellungswelten in die Mentalitäts- und Kulturgeschichte des deutschen Kaiserreichs zu integrieren. Wie Eckert ausführt, konzentriert sich Kundrus dabei auf Deutsch-Südwestafrika, eine Kolonie, in der sich Fantasien und Utopien des Deutschen Reiches auf besondere Weise entfalteten. Dabei kann Kundrus nach Ansicht Eckerts "überzeugend" darlegen, "dass vor dem Hintergrund der Kolonialherrschaft eine breite Palette von Zeitfragen verhandelt wurden." Darüber hinaus zeige die Autorin, dass die Pläne und Visionen in Bezug auf die Kolonien nicht zuletzt Grundanschauungen der bürgerlichen Gesellschaft im Kaiserreich spiegelten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.09.2003

Nicht überzeugen konnte den Rezensenten Jürgen Zimmer die Habilitationsschrift von Birthe Kundrus zur deutschen Kolonialgeschichte. "Dankbar" könne man der Autorin schon sein für das "exemplarische" Aufzeigen der "Stärken des 'postkolonialen' Ansatzes", bemerkt der Rezensent. Dass die Autorin aber "die These einer Kontinuität zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus" ablehne, empfindet er als eine grobe "Fehleinschätzung". Zu wenig würde der "Herrschaftsalltag" und die "Praxis der Begegnung zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden" in die Überlegungen miteinbezogen. Die seit über 40 Jahren existierende "Kolonial- und Außereuropaforschung" würde sogar fast völlig ignoriert. Und nur weil es über den Nationalsozialismus mehr Publikationen gäbe, heiße das noch lange nicht, dass während der Kolonialzeit weniger "Leid und Blut" zu beklagen gewesen sei, findet der Rezensent.

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