Was hält jene Jahrhunderte der Geschichte zusammen, die wir "Mittelalter" nennen? Bernhard Jussen sucht die Antwort in kulturspezifischen Sprechweisen. Er untersucht, wie um das Jahr 400 Grundideen der christlichen Gesellschaft in eine standardisierte Sprache übersetzt worden sind, deren bloßer Gebrauch die kulturelle Stabilität maßgeblich sicherte. Im Zentrum steht eine Denkfigur, die um das Jahr 400 von den christlichen Autoren buchstäblich erfunden worden ist: die immerfort klagende und büßende Witwe, die Trauer als Lebensform. Sie war Signum der Menschheit auf Erden, der ecclesia als klagender Witwe des verstorbenen Christus. Untersucht wird insbesondere das Gesellschaftsmodell der "Jungfrauen - Witwen - Verheirateten", mit dem die moralische Hierarchie der Gesellschaft artikuliert wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2001
Als beispielhafte Analyse der Wechselbeziehung von Gesellschaftsstruktur und Semantik hat Rezensent Johannes Fried die Habilitationsschrift des Mediävisten Bernhard Jussen gelesen. Und das trotz anfänglicher Vorbehalte: Wozu der Aufwand auf fast 400 Seiten für ein "marginales Thema", die semantische Erforschung des Begriffs "Witwe" - wo doch jedes Konversationslexikon Antworten liefern könne? Doch die Lektüre von Jussens Studie "Der Name der Witwe", versichert Fried schon eingangs, habe sich durchaus gelohnt. Sie gestatte sogar eine "Neudefinition von 'Mittelalter'": der Epoche, die mit der Geburt der "Witwe" und der zu dieser Rolle gehörenden Moralvorstellungen beginne und mit der Abkehr von solchen Normen im Zuge der Reformation ende. Hier kommt die Semantik ins Spiel: Das Wort "Witwe" hat über die Zeitalter hinweg nicht immer dieselbe Bedeutung. Die antiken Worte - griechisch "chera", lateinisch "vidua" - bedeuteten einfach nur "Frau ohne Mann" und seien in späteren Lektüren oft missverstanden worden. Erst die Kirchenväter um 400, fasst der Rezensent seine Lektüre-Erkenntnisse zusammen, erfanden den Sozialtypus der "Witwe", die bis zu ihrem Lebensende um den toten Gatten trauere, enthaltsam lebe und für sich selbst und den Toten Buße tue. Erst um 400 sei so die Formel "Jungfrauen - Witwen - Verheiratete" aufgekommen, als "Rangfolge der Seligkeit": Im Himmel erwartet die Jungfrauen hundertfacher, die Witwen sechzigfacher, die Eheleute bloß dreißigfacher Lohn, erklärt Fried. Jussen entschlüssele nicht nur solche Semantiken, schließt der Rezensent, sondern zeige auch ihre Allgegenwärtigkeit und die von ihnen geprägte Wahrnehmungsweise.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2001
Marie Theres Fögen ist voll Lob über diese Studie, die Bedeutung und Status der Witwe im Mittelalter erkundet. Besonders hervorhebenswert findet sie, dass Autor Bernhard Jussen - ein Göttinger Historiker - nicht nur wie in seiner Zunft üblich "gelehrte Texte" auswertet, sondern ebenso Bildmaterial und literarische Texte befragt. "Kulturwissenschaft" im besten Sinne sei das, meint die Rezensentin angetan. Um so ärgerlicher findet sie es, dass Jussen sich für seine Vorgehensweise entschuldigen zu müssen glaubt, Einwände der Leser vorwegnimmt und versucht, über den "Weg der Selbstrezension" die Rezeption seines Buches zu steuern. Das ist aber auch der einzige Einwand gegen diese Untersuchung; denn ansonsten ist die Rezensentin mit dieser "innovativen, spannenden und fabelhaften" Studie vollauf zufrieden.
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