Der Umgang der Wissenschaften mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland ist Gegenstand der Untersuchungen in diesem Sammelband. Wie verwandelte sich die deutsche Wissenschaft im Übergang vom Nationalsozialismus in die zweite deutsche Demokratie? Die Geschichtswissenschaft streitet seit einigen Jahren über den Werdegang führender Historiker, deren frühere Nützlichkeit später mit Schweigen übergangen wurde. Der vorliegende Band begnügt sich nicht mit moralischen Urteilen über Schuld und mangelnde Bewältigung. Vielmehr geht er davon aus, dass die Erfahrung der professionellen Selbstmobilisierung vor 1945 in allen Disziplinen konstitutiv für die Ausrichtung auf eine neue wissenschaftliche Zukunft gewesen ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.10.2002
Die Umerziehung und Entnazifizierung der Deutschen nach 1945 scheiterte auch deshalb, weil wichtige staatstragende Institutionen wie die Kirchen, der Justiz- und Verwaltungsapparat und die Universitäten samt Forschungsförderungseinrichtungen ungeschoren blieben, notiert Rezensent Frank-Rutger Hausmann in seiner Besprechung des von Bernd Weisbrod herausgegebenen Sammelbandes "Akademische Vergangenheitspolitik". Wie Hausmann ausführt, beschreibt der Band in dreizehn Beiträgen anhand von unterschiedlichen Fallbeispiele die Rituale, Verdrängungsmechanismen und diskursiven Strategien, mit denen nach 1945 Kontinuität hergestellt wurde. Er hebt hervor, dass neben der "Persilscheinkultur" insbesondere die Anpassung wissenschaftlicher Sachverhalte, die in der NS-Zeit publiziert waren, an das nun demokratisch verfasste Gemeinwesen, thematisiert werden. "Man sollte diesen vorzüglich komponierten und lektorierten Band in einem Zuge lesen", empfiehlt der Rezensent abschließend, "um den Ideen- und Fintenreichtum deutscher Professoren zu bewundern, die alle einmal angetreten waren, um der Wahrheit zu dienen, und hernach nicht vor Fälschungen und Lügen zurückschreckten, um ihre Verantwortung zu minimieren und ihren früheren Mandarin-Status wiederzugewinnen."
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