Philipp Tingler

Fischtal

Roman
Cover: Fischtal
Kein und Aber Verlag, Zürich 2007
ISBN 9783036955063
Gebunden, 304 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Die letzten Tage von Westberlin sind angebrochen. Allerdings merkt davon niemand etwas, jedenfalls nicht in Zehlendorf, jenem Teil der Stadt, "wo die Gärten so groß sind, dass man seine Nachbarn nicht sieht". Dort bewohnt der siebzehnjährige Gustav zusammen mit seiner Großmutter ein Haus namens Fischtal, inmitten einer Gesellschaft, deren größte Sorge es zu sein scheint, dass die Putzfrau heimlich das Konfekt isst, und deren Wohnzimmer von den merkwürdigsten Gestalten bevölkert werden. An denen herrscht auch in seiner eigenen weitverzweigten Verwandtschaft kein Mangel. Als die Großmutter Jahre später stirbt, kehrt Gustav zur "Sichtung der Erbmasse" ins Fischtal zurück. In den verfallenden Kulissen längst vergangener Tage entsinnt er sich seiner Familie und einer Welt, in der kühler Realitätssinn, glatte Oberfläche und puritanische Sittenstrenge gepredigt werden, in der man über andere Menschen streng Gericht hält - dabei in der krokodilledernen Handtasche stets griffbereit: der silberne Flachmann und die Pillendose von Cartier.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2007

Beate Tröger hat sich vom Debütroman Philipp Tinglers eine "bitterböse" Studie der besseren Kreise von Berlin-Zehlendorf erhofft, stellt aber enttäuscht fest, dass sich der Autor selbst das Wasser abgräbt. Beim Ausräumen der großbürgerlichen Villa erinnert sich ein Ich-Erzähler an seine Kindheit unter den rigiden Erziehungsmaximen seiner Großmutter und legt Stück für Stück das starre Haltungskorsett einer Familie dar, die innerlich umso beschädigter ist, erklärt die Rezensentin. Zum Teil liest sich das sehr unterhaltsam, wenn man auch befürchten muss, dass Tingler hier Teile seiner eigenen Biografie verarbeitet hat, so Tröger etwas mitleidig. Während sie die Anlage zu einer sehr gelungenen "Milieustudie" sieht, ärgert sie sich gleichzeitig über die Erzählweise, die dem Geschilderten durch ständige Wiederholungen, eitle Selbstbespiegelung des Erzählers, allzu plakative Figurennamen und durch jede Menge ziemlich gedrechselter Phrasen die Spitze nimmt. Was ein fesselnder Querschnitt durch eine preußischen Idealen verpflichtete Familie hätte werden können, ist so passagenweise einfach langweilig, so die Rezensentin ernüchtert.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.12.2007

Eine begeisterte Leserin hat dieses Romandebüt in Rezensentin Brigitte Werneburg gefunden. Nicht nur, dass sie darin einer großbürgerlichen Großmutter begegnet ist, die aus ihrer Sicht "quer zu den gängigen Mustern der Gegenwartsliteratur" steht. Auch deren Enkel, Philipp Tinglers Protagonist Gustav, könnte als "eine Art Thomas-Mann-Figur" gelesen werden, findet die Rezensentin. Trotzdem hat das Buch für ihren Geschmack nichts Epigonales, überzeugt besonders durch die Entschiedenheit, mit der hier vor der großbürgerlichen Folie einer untergehenden Lebenswelt jede "Verheißung einer Neuen Bürgerlichkeit" blamiert und als kleinkariert vorgeführt wird. Es geht, wie man Werneburgs Ausführungen entnehmen kann, vordergründig um ein Erbe, dass von gierigen Nachkommen mit Stilaugen ins Visier genommen wird. Dahinter verhandelt Tingler - und zwar so "verzweifelt amüsant" wie "zum Heulen komisch" - die emotionale Verwahrlosung, Kälte und Fühllosigkeit, die mit Ethos und Codizes des Großbürgertums einhergingen, das daher wohl nicht allein aus ökonomischen Gründen, sondern auch emotional reif für den Untergang war.
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