Bernd Cailloux

Das Geschäftsjahr 1968/69

Roman
Cover: Das Geschäftsjahr 1968/69
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518124086
Kartoniert, 254 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

BRD, 1965. Auf einem Fortbildungslehrgang für Journalisten lernen sich zwei junge Männer kennen, die gleich spüren, daß sie Großes miteinander vorhaben. Doch noch bremst der Muff der Zeit: Die Schlammstrecke der allgemeinen Wehrpflicht will durchrobbt sein, der dahinterliegende Morast aus bürgerlicher Paarbeziehung und Provinzreporterdasein ebenso. Dann aber geht es Schlag auf Schlag: nach Düsseldorf, ins Beuys-Umfeld, die beiden Freunde gründen eine Hippie-Gartenlaubenfirma, in durchwachten Nächten wird das erste discoreife Stroboskop-Blitzlicht gebaut, Premiere in Hamburgs coolstem Psychedelic-Club, euphorische Verzückung, weiter zu den Essener Songtagen, Frank Zappa, Freakout-Pfingsten, fette Aufträge und der Traum vom antikapitalistischen Betrieb im Kapitalismus - das "Geschäftsjahr 1968/69" kommt in Fahrt - Bernd Cailloux zeigt die 68er in grellem, aber um so realistischerem Licht: nicht als Polit-, sondern als Start-up-Unternehmen, dessen Visionen, Illusionen, Drogen- und Finanzcrashs unvermutet an die Neunziger erinnern - wie das Technoflimmern an die Flickershows der Sixties.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.02.2006

Ina Hartwig versucht in ihrer Rezension des Romans "Das Geschäftsjahr 1968/69" von Bernd Cailloux dem "Rätsel" und dem "Charme" dieses Buches, das von der Kritik als der "beste Roman" über die Zeit bejubelt wurde, auf den Grund zu gehen. Denn "zu Recht" hat man die Abwesenheit jeglicher "Klischees" über die 68er gepriesen, stimmt die Rezensentin zu, die erleichtert wirkt, dass der Autor sich weder larmoyant noch als "eitel eingelullter Generationsgenosse" zu Wort meldet. Im Mittelpunkt des Buches steht das Wiedersehen eines Ich-Erzählers mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Andreas Büdinger, mit dem er 1968 eine Discolichtanlage erfunden und mit großem Erfolg vertrieben hat, fasst Hartwig zusammen. Während der Ich-Erzähler immer noch der "alte Hippie" ist, dem die Drogenexzesse von einst zusetzen, ist Büdinger geschäftlich etabliert und hat die alten Zeiten hinter sich gelassen, so die Rezensentin weiter. Dass dieses Ich aber ohne zu "lamentieren", sondern statt dessen mit viel "Lakonie und Situationskomik" erzählt, stellt für Hartwig eines der "Geheimnisse" dar, die den Roman so einnehmend machen. Sie preist, dass Cailloux damit einen ganz neuen "Ton" gefunden hat, mit der er die Literatur über die 68er entschieden bereichert hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.12.2005

"Ohne jeden Zorn" blickt Bernd Cailloux zurück auf die 68er-Generation, stellt Joseph von Westphalen fest. Wunderbar sei die Sprache des Romans "Das Geschäftsjahr 1968/69", "komisch und liebenswert" die Zeit, von der berichtet wird, und wenn von den "linken Hoffnungen" heute auch nichts übrig geblieben ist: wie Cailloux mit der "Stupidität" der Bundeswehr und der "niederträchtigen Psychologie des Gehorchens" abrechnet - das entlockt dem Rezensenten ein leises Jauchzen der Begeisterung, auch weil es so "schön trocken" erzählt wird. Ein großes Aufräumen stellt in Westphalens Perspektive dieser Roman dar, keine Abrechnung, aber eine Relativierung - denn es gab ja, stellt der Rezensent fest, unter den 68ern auch "schräge und großspurige Vögel", die lieber Drogen nahmen als Marx lasen. Wie es diesen "Hippie-Businessmen" erging, dass stelle Cailloux gekonnt dar, in dem er die Illusionen aller Seiten auf die Wirklichkeiten prallen lässt. Ein "intellektueller Roman", so das Fazit des Rezensenten, der gleichwohl "Anteilnahme" erweckt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005

Sehr angetan ist Christoph Bartmann von Bernd Cailloux' "Geschäftsjahr 1968/69", das "den Großteil der 68er Literatur in den Schatten stellt". Der Roman erzählt von einer Geschäftsidee, dem Einsatz des Stroboskops bei Konzerten und Tanzveranstaltungen, von Hippie-Jungunternehmern, die nichts so erschreckt wie der Erfolg und ihre Firma entsprechend den Bach runtergehen lassen, von einem Männerbündnis, das durch persönliche Macht- und politische Richtungskämpfe zerfällt, von Drogen, Musik, Tanz, das alles in einer, versichert Bartmann, nahtlosen Abfolge von Einzelbildern, einem in Einzelszenen grell beleuchteten Erzählfluss, der den Rezensenten an den Einsatz des Stroboskops in der Disco erinnert. Trotzdem sei Cailloux' Sprache nüchtern, so Bartmann, "lässig und abgebrüht" und dann blitzartig zuschlagend. Im Rückblick erinnert sich der Protagonist an die baden gegangene "Muße-Gesellschaft", wie seine Firma hieß, und das Erfreuliche ist, hält der Rezensent fest, dass er die Geschichte ihres Scheiterns gelassen schildert, aber ihre improvisierte Machart, ja auch die Gründe ihrer Gründung - auf der "Suche nach besseren Lebenszwecken" - nach wie vor für eine gute Sache hält. Das findet Bartmann sympathisch wie das ganze Buch.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.06.2005

Gerrit Bartels ist begeistert von Bernd Caillox' Porträt einer Epoche, ihrer Menschen und ihres Lebensgefühls. So nüchtern, wie der Titel "Das Geschäftsjahr 1968/69" daherkomme, sei auch der Erzählstil gehalten, was der Rezensent angesichts einer Zeit, über die "in der Regel überhöht, nostalgisch verklärt oder ausschließlich akademisch debattiert wird", als äußerst wohltuend empfindet. Aus der Ich-Perspektive eines Mitbegründers einer Firma, die Stroboskope und Diskoleuchten herstellt, werde die Entwicklung der Firma geschildert, fasst Bartels die Handlung zusammen. Dabei verliere sich der Held des Romans als Firmenteilhaber im Konflikt zwischen den Gesetzen des Marktes und den suberversiven Forderungen, die das Zeitgefühl diktiert, bis die ganze Sache schließlich "ganz unpeinlich und ohne Bitternis" scheitert. Die Ambivalenzen und Widersprüche jener Epoche findet der Rezensent in Cailloux' Roman sehr realitätsnah beschrieben, unter anderem auch in der zentralen Metapher des Blitzlichts, die hier für die Initialzündung zur Firmengründung, für ein gesellschaftliches Erweckungsmoment und gleichzeitig für das "68er Menetekel" des Helden stehe.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.06.2005

Als "mitreißende Tragikomödie vom Widerspruch zwischen Ökonomie und Subkultur" lobt Rezensentin Dorothea Dieckmann den Debütroman "Das Geschäftsjahr 1968/69" von Bernd Cailloux. Wie sie berichtet, erzählt Cailloux die Geschichte von drei jungen Männern, die als "Musse-Gesellschaft" in einer Gartenlaube 1968 das Stroboskop erfinden und damit im subkulturellen Untergrund einen Bombenerfolg landen, was letztlich zur Spaltung der Gruppe und zum Ausverkauf ihrer Träume führt. Dieckmann liest den Roman primär als "satirisch grelle und bitter ernste" Erzählung aus dem "Innern eines Lebensgefühls", das durch nostalgische Legendenbildung und akademische Bewältigungsstrategien weitgehend verschüttet worden sei. Sie versteht den Roman aber auch als Darstellung des "Exempels des kapitalistischen Sündenfalls", als "Lehrstück", dessen Stärke darin bestehe, an keiner Stelle lehrstückhaft zu wirken.