Arwed Messmer

Zelle

Cover: Zelle
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016
ISBN 9783775741859
Gebunden, 212 Seiten, 45,00 EUR

Klappentext

Am 27. Februar 1975 wurde der Westberliner CDU-Politiker Peter Lorenz von der Bewegung 2. Juni entführt. Gibt man heute die Schlüsselbegriffe in eine Internet-Suchmaschine ein, erscheint nur ein Foto, das (noch) im kollektiven Bildgedächtnis verankert ist. Es zeigt Peter Lorenz auf einem mehrfach reproduzierten, unscharfen Foto als Opfer in seiner Zelle. Versteckt im Archiv aber hat ein bisher unbekanntes Konvolut aus circa 3.000 Negativen die Zeit überdauert. Sie entstanden im Rahmen der Ermittlungen des Berliner Staatsschutzes, darunter auch die Dokumentation eines minutiösen Reenactments der Polizei aus den Originalbaustoffen des Kellerraums. Im Gegensatz zu den Ereignissen im Deutschen Herbst 1977 ging diese Entführung unblutig zu Ende. In seiner künstlerischen Arbeit setzt Arwed Messmer die Archivmaterialien durch eine Reihe von Entscheidungen über Material, Größe, Ausschnitt und Platzierung zueinander in Beziehung, erschließt sie so erstmalig visuell und verknüpft sie in seiner nicht linearen Erzählung mit eigenen Fotos. Ausstellung: Museum Folkwang, Essen 9.6.-3.9.2017

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.12.2016

Katrin Bettina Müller lernt mit diesem aus Archivmaterial zusammengestellten Bildband des Fotografen Arwed Messmer, dass Erinnerung immer neu justiert werden und Vergangenheit also ein fragiles Konstrukt ist. Wenn Müller die von Messmer gezeigten Polizeibilder aus den Jahren 1975/76 ansieht, während der Fahndung nach den Entführern von Peter Lorenz entstandene Gebrauchsfotografie zur Dokumentation und Beweissicherung, vergisst sie mitunter den Zweck der Bilder und fühlt sich von der Erinnerung "getriggert" und ins alte Westberlin in all seiner Hässlichkeit versetzt. Eine detektivische Lust erwacht in der Rezensentin, sie zoomt sich an Bücherregale und Plakate heran und entdeckt das Milieu einer den Aufbruch suchenden Generation. Messmers Interesse an der Ästhetik von visueller Information und ihrem Wandel, das sich im Band in der Strukturierung und Rhythmisierung des Bildmaterials niederschlägt, wie Müller erklärt, kann die Rezensentin teilen.