Antoni Libera

Madame

Roman
Cover: Madame
dtv, München 2000
ISBN 9783423242226
Broschiert, 493 Seiten, 17,38 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen übersetzt von Karin Wolff. Polen in den 60er Jahren: Madame La Directrice, die neue Schuldirektorin und Französischlehrerin, sorgt für Unruhe unter den Abiturienten. Auch der siebzehnjährige Erzähler der Geschichte ist wie elektrisiert von ihrer makellosen Schönheit und weltläufigen Eleganz. Wer ist diese Frau, woher rührt ihre offenkundige Nähe zum Westen und was geschah in ihrer Vergangenheit, daß sie dennoch Direktorin der Schule werden konnte? Der junge Abiturient ist ihrer Anziehungskraft verfallen. Mit wachsender Obsession versucht er, ihr Geheimnis zu ergründen, und wird auf unerwartete Weise fündig.
Antoni Liberas erster Roman löste in Polen zum Teil heftige Reaktionen aus. Gegenstand der Diskussion war nicht nur die literarische Qualität des Buches, sondern vor allem die Thematisierung von Widerstand und Anpassung, Kleinbürgertum und Weltoffenheit im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.01.2001

Im Großen und Ganzen positiv wertet Marta Kijowska dieses Buch, an dem sie vor allem Liberas - in der neueren polnischen Literatur eher selten zu beobachtende - Auseinandersetzung mit dem Kommunismus schätzt und auch den Umgang des Autors mit der "Sprache als `realitätsgestalterischen` Mittel als besondere Stärke herausstellt. Der Leser erfährt, dass es hier viel um das Erleben von Gegenwart bzw. Realität und die Wahrnehmung und auch Verklärung von Vergangenheit geht. Dass der Autor seine Geschichte in den sechziger Jahren angesiedelt hat, wertet die Rezensentin als "eine zusätzliche, interessante Note". Lediglich eine "massive Bildungsfracht" moniert Kijowska an diesem Roman, die den Lesefluss eher behindere. Zwar verraten ihrer Ansicht nach Liberas ausführliche Erläuterungen zur Kultur und Geschichte ein immenses Wissen. Doch dass auch der 18-Jährige Protagonist mit diesem enormen Bildungshintergrund erscheint und sich zudem auch stets entsprechend ausdrückt, erscheint ihr bisweilen so, als ob er "gleich als 60-Jähriger auf die Welt gekommen" sei.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2000

Mit einer Doppelrezension bespricht Ulrich M. Schmid zwei Romane polnischer Autoren, die - trotz großer Unterschiede - einige Gemeinsamkeiten aufweisen. So haben beide Romane nicht nur die aussichtslose Liebe eines pubertierenden Jungen zum Thema, sondern zeigen auch, dass die "sozialistische Vergangenheit Polens noch nicht als aufgearbeitet (...) gelten darf". Schmid stimmt mit einigen polnischen Kritikern überein, dass beide Roman eher für die über Vierzigjährigen interessant sind, bei denen sich ein "Wiedererkennungseffekt" einstellen dürfte. Darüber hinaus sieht der Rezensent in beiden Büchern einen speziell polnischen Machismus beschrieben, bei dem das in erotischer Hinsicht beschädigte narzisstische Ich mit einer "gesteigerten Phantasieproduktion antwortet", anstatt einen Reifungsprozess durchzumachen.
1.) Antoni Libera: "Madame" (dtv Verlag)
Schmid betont bei diesem Buch die "konsequent subjektive Erzählhaltung", die ihm offenbar besonders gut gefallen hat. Denn dass Leben der begehrten Französischlehrerin wird hier, wie er feststellt, erst nach und nach durch die Nachforschungen des Protagonisten deutlich. Daneben hebt der Rezensent die komischen Aspekte des Romans hervor, die gerade bei polnischen Lesern mit einem Wiedererkennungseffekt rechnen können. Dazu zählen nach Schmid von Libera geschilderte sozialistische Relikte im Alltagsleben, Schwarzhandel an den Universitäten, bürokratische Kleinkariertheit, auf der anderen Seite jedoch auch die Flucht in Traumwelten, die vom Autor nicht ohne Ironie beschrieben werde.
2.) Witold Horwath: "Séance" (Hoffmann und Campe)
Von Liberas Roman unterscheidet sich der Horwaths schon durch die Konzeption, so Schmid. Keine "fiktiven Erinnerungen" werden hier geschildert, vielmehr sei das Buch eine "Collage einzelner Bewusstseinsfragmente". Was zunächst als eine Sammlung scheinbar unzusammenhängender Teile erscheint, erweist sich, wie Schmid betont, am Ende doch als logische Notwendigkeit. Denn erst am Ende werde klar, dass es sich um eine Beichte handelt, eine "raffinierte Wendung", wie der Rezensent anerkennend anmerkt.
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