Annika Scheffel

Bevor alles verschwindet

Roman
Cover: Bevor alles verschwindet
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
ISBN 9783518423547
Gebunden, 411 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Wie in einer Hängematte liegt der kleine Ort im Tal, hier haben es sich Jula, Jules und die anderen über die Jahre bequem gemacht. Seit sie zur Taufe durch den spärlichen Flussarm gezogen wurden, fühlen sie sich gewappnet für so ziemlich alles: An Gott glaubt hier keiner, man glaubt an blaue Füchse und an kopflose Löwen. Eines Tages werden in den umliegenden Wäldern "die Verantwortlichen" gesichtet, mit Bauplänen für ein Erholungsgebiet. Eine Umsiedlung des Ortes steht bevor. Mit allem, was sie haben, lehnen die Bewohner sich auf gegen das Urteil. Aber Widerstand fordert Zusammenhalt, und ein jeder muss zuerst die eigenen Gespenster zähmen oder sie jetzt, im Kampf gegen das Verschwinden, endlich und für alle Zeit freilassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2013

Nicht so skurril wie das Debüt, doch fantastisch genug erscheint Andrea Lüthi Annika Scheffels neuer Roman über die Abwicklung eines Dorfes und ihrer Bewohner. Dass Scheffel eine Art Kammerspiel mit geschlossener, zeitlich unbestimmer Welt erschafft und große Themen, wie etwa Vergänglichkeit, angeht, geht für Lüthi in Ordnung. Scheffel überzeugt sie mit Stil, wuchtigen Bildern und einer poetischen Sprache.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2013

Das halbe Jahr mit den Bewohner eines dem Untergang geweihten Dorfes, das Annika Scheffel der Rezensentin beschert hat, hat Anja Hirsch ganz schon zugesetzt. Die Untergangsstimmung, der ausschließende Blickwinkel, die Stille, all das wirkt auf Hirsch wie eine Laborsituation, wie ein früher Versuch Lars von Triers. Doch Scheffel kann noch mehr. Laut Hirsch gelingen der Autorin das Einschmuggeln magisch-realistischer Elemente in diese Begegnung mit der Großelterngeneration, ein klarer, unpathetischer Ausdruck sowie die Entfaltung eines Sogs, unter anderem durch eine ausgeklügelte Farb- und Lichtdramaturgie, der die Rezensentin nicht loslässt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.04.2013

"Eine Lust an der Sprache, zu der sich die des Fabulierens gesellt", attestiert Jörg Aufenanger der Autorin Annika Scheffel in ihrem zweiten Roman "Bevor alles verschwindet". Die Szenerie eines kleinen Dorfes im Nirgendwo, seine anschaulich charakterisierten Bewohner, auch die einsetzende Handlung um eine Firma, die an der Stelle des Dorfes einen Stausee plant und die Umsiedlung der Bevölkerung einleitet, nimmt den Rezensenten gefangen, zumal Scheffel das Geschehen um fantastische und märchenhafte Elemente anzureichern verstehe. Zu seinem vollen Glück - beziehungsweise zu einem "überzeugenderen Roman" - fehlt Aufenanger im Anschluss jedoch eine "entschiedenere Dramaturgie" als die rein chronologische Abfolge der Ereignisse. Trotz dieser Schwäche vernimmt der Rezensent hier die aufregende, eigene Stimme einer vielversprechenden Autorin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.04.2013

So ganz glücklich ist Helmut Böttiger nicht mit Annika Scheffels Roman "Bevor alles verschwindet" über ein Dorf, das einem Staudammprojekt weichen muss. Dass es die junge Autorin nicht auf eine politische Parabel absieht, ist dem Rezensienten rasch klar, dafür sind die mythischen und fantastischen Elemente zu dominant. Aber auch ein klassisches Märchen mit seinen klaren Fronten von Gut und Böse hat Scheffel nicht im Sinn, wie "dem verdutzten Leser allmählich" dämmert: hier werden sämtliche moralischen und raumzeitlichen Kategorien gesprengt, "die Wirklichkeit ist eine bloße Konstruktion". Wirklich abgründig kann Böttiger das jedoch nicht finden, dafür ist ihm alles "zu putzig, zu fein säuberlich".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013

Annika Scheffels Debüt "Ben" hatte Christopher Schmidt noch richtig gut gefallen. In ihrem neuen Roman "Bevor alles verschwindet" sei aber alles, was im Erstling noch leicht und spielerisch war, nun "angestrengt und ausgewalzt". Eine alteingesessene Dorfgemeinschaft setzt sich gegen "Gelbhelme" zur Wehr, die sie umsiedeln wollen, ein Staudamm soll gebaut werden, fasst Schmidt zusammen. Die Dorfbewohner fürchten den erzwungenen Umzug aus verschiedenen Gründen: einige möchten einfach ihren heimatlichen Boden nicht verlassen, andere fürchten um ihre begrabenen Geheimnisse. Das ganze Buch ist gespickt mit Bibel- und Märchenverweisen, berichtet der Rezensent, und Scheffel lässt auch eigene Fabelwesen los, steinerne Löwen zum Beispiel, die gelegentlich zum Leben erwachen und ein blauer, tollwütiger Fuchs, der im Brunnen haust. Die vielen Verweise und Symbole überfrachten den Roman, findet Schmidt, sie überfordern ihn wegen ihrer Anzahl und unterfordern ihn durch mangelnde Komplexität, erklärt er. Für so ein belastetes Thema wie Umsiedlung und Vertreibung ist "verkitschte Menschelei" wahrscheinlich ohnehin ungeeignet, schließt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.03.2013

Christoph Schröder hält Annika Scheffel definitiv für eine der beachtenswertesten jungen Autorinnen im Land - wenn auch eher wegen ihres 2010 in einem Kleinverlag erschienenen Debütromans "Ben", den Schröder nochmals mit Nachdruck empfiehlt. Ihr zweites, nun bei Suhrkamp erschienenes Buch über ein Dorf, das einem Stausee weichen muss, hält er zwar wegen der verschrobenen Stiche ins Märchenhafte mit schauerromantischen Anflügen und nicht zuletzt wegen seines wagevollen Charakters ebenfalls für durchaus gelungen, wenn auch nicht vollends. Sprachlich und kompositorisch bewegt sich Scheffel zweifellos auf hohem Niveau, doch leidet das Buch an mancher Länge, notiert der Rezensent, der zudem der Meinung ist, dass es Scheffels Versuchen, einen "Parallelkosmos" zu schaffen, gelegentlich an innerer Konsistenz mangelt.
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