Vogelkind
Roman

Penguin Verlag, München 2025
ISBN
9783328603320
Gebunden, 304 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Die junge Irin Nell verdient ihr Geld mit dem Schreiben von Reiseberichten über Orte, an denen sie nie war. Denn Nell hat Fantasie, und das Schreiben ist ihr Leben. Ihren Großvater, den berühmten Dichter Phil McDaragh, hat sie nie kennengelernt, aber seine Verse sprechen intensiv zu ihr. Auch Nells Mutter Carmel kennt diese Verse gut. Lange hat sie sich vergeblich bemüht, das Image des Dichters und seine Lyrik mit ihren Erinnerungen an den Vater zusammenzubringen. Nun ist es an Nell, um die Versöhnung zu kämpfen, die ihrer Mutter versagt blieb.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2025
Als ein eindrückliches Lektüreerlebnis beschreibt Rezensentin Sandra Kegel Anne Enrights neuen Roman. Drei Menschen aus drei Generationen lernen wir hier kennen, zum einen Carmel, eine Frau Mitte 50, von familiären Problemen gezeichnet, zum anderen ihre Tochter Nell, die versucht, sich von der Mutter zu lösen, aber ihrerseits an einen prügelnden Mann gerät, und schließlich Carmels Vater Phil. Letzterer ist ein bekannter Dichter, im Privatleben jedoch ein ziemlicher Tunichtgut, der seine Frau, Carmels Mutter, nach deren Erkrankung für eine Jüngere verlassen hatte. Die Erzählperspektive wechselt zwischen diesen drei Figuren von Kapitel zu Kapitel, auch Gedichte tauchen auf, doch so fragmentarisch die Form auch anmuten mag, die Autorin behält doch stets den Überblick, staunt die Kritikerin. Lustig und ironisch ist dieses Buch, auch wenn durchaus schwere Themen vorkommen, freut sich Kegel, etwa weil die ganze Zeit Menschen verlassen werden und eben damit klarkommen müssen. Ein tolles Buch ist das über Liebe, Familie und unterschiedliche Bezüge zur Wirklichkeit, so das Fazit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.03.2025
Rezensent Alexander Menden zeigt sich beeindruckt von Anne Enrights Roman, der sich ihrem Lebensthema widmet, den Folgen, die rücksichtslose Männer auf Frauen und Familien haben. Hier steht der Dichter Phil in der Verantwortung, laut Rezensent eine "monströse Mischung aus Ted Hughes und Seamus Heaney". Der Fokus liegt aber in den verschiedenen, zeitlich hin- und herspringenden Teilen der Erzählung auf seiner Tochter Carmel und deren Tochter Nell, so Menden. Ihm erscheint Carmel als eine von Verlustängsten und Beziehungsunfähigkeit geplagte Mutter, ihre Tochter als eine junge, überzeugend geschilderte Frau aus der Gen Z, die noch ihren Platz im Leben sucht - beide zusammen müssen in diesem klugen Buch die Herausforderung bewältigen, sich von der Übermacht des Dichters zu befreien, so der Rezensent, der bei der Lektüre Hoffnung schöpft.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 22.02.2025
Rezensent Uli Hufen applaudiert dem "irischen Zaubertrick", den Anne Enright in ihrem Roman vollziehe. Denn wie Enright in ihrer Geschichte um die Hinterbliebenen eines verstorbenen genialen, aber menschlich problematischen Dichters (Phil) harten Tobak - es geht um Familientraumata, Gewalt und festgefahrene kulturelle Mythen Irlands - mit lakonischem Humor verbinde, beeindruckt den Kritiker immer wieder aufs Neue; besonders lustig findet er etwa eine Stelle über die "faschistische Eisenbahnpünktlichkeit von Männern". Auch, wie die Autorin die verschiedenen Perspektiven - erzählt wird aus der Perspektive von Phils Tochter sowie deren Tochter, ergänzt um eingesprengte Kindheitserinnerungen oder Gedichte Phils - fein ausbalanciere und diese sich gerade nicht zu einer geschlossenen Wahrheit fügen lasse, findet der Kritiker bemerkenswert. Und schließlich überzeugen ihn auch die Figurenzeichnungen: kluge und "empfindsame, aber nie idealisierte Frauen", staunt Hufen. Für ihn ein sorgsam aufgebautes, ernstes und doch humorvolles Buch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 12.02.2025
Rezensentin Sylvia Staude ist beglückt von Anne Enrights Erzählung über zwei Generationen von Frauen, deren Erinnerungen an Erlebtes sich oft unterscheiden. Enright springt erzählerisch zwischen den Figuren Nell, ihrer Mutter Carmel und ihrem Großvater Phil, der als Dichter berühmt wurde, aber seine Familie verließ. Dieses Beziehungsgeflecht birgt ein großes Konfliktpotential, der Wechsel zwischen den Perspektiven sorgt für viel Abwechslung, erfahren wir. Die Autorin "gleitet" durch das Leben der Frauen, erzählt von ihren Männern, die größtenteils nicht "gut wegkommen", aber auch keine eindimensionalen Schurken sind, sondern auch "schüchtern und zierlich". Besonders beeindruckt ist die Kritikerin von Enrights Fähigkeit, jeden Erzählstrang in einem eigenen, treffenden Ton zu gestalten - "famos" ins Deutsche übertragen von Eva Bonné. Enrights lyrische Einsprengsel gefallen der Kritikerin ebenfalls sehr, wobei der Text generell poetisch ist, schwärmt Staude, auch wo nicht gedichtet wird. Immer wieder spielt die Autorin mit der Idee, dass sich Erlebtes und Erinnerungen überlagern. Ein leiser, eleganter Roman über Liebe, Verlust und die Geschichten, die wir uns erzählen - manchmal schmerzhaft, aber letztlich bezwingend, so die Kritikerin.