Anna Lanyon

Malinche

Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos
Cover: Malinche
Ammann Verlag, Zürich 2001
ISBN 9783250104285
Gebunden, 239 Seiten, 20,40 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Christa Krüger. "Als Hernan Cortes im Juli 1519 zu dem folgenreichen Abenteuer aufbrach, das wir heute die Eroberung Mexikos nennen, stand ihm eine Indianerin zur Seite. Sie wurde Zeugin der katastrophalen Ereignisse, und sie nahm aktiv an ihnen teil. Cortes kannte sie als Marina; in der Geschichtsschreibung hat sie den Namen Malinche. Als ich begann, mich für diese Frau zu interessieren, war ich überrascht, wie wenige zuverlässige biografische Daten über sie vorhanden waren." (Anne Lanyon)

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.08.2001

Malinche, Mexikanerin, Geliebte, Übersetzerin und Leibeigene des spanischen Eroberers Hernán Cortéz, Mutter aller Mestizen, Verräterin - das sind die Schlagworte, mit denen diese Frau immer wieder in Verbindung gebracht wird, berichtet Alexander Honold. Um das Leben dieser Frau ranken sich viele Geschichten. Um Wahrheit und Legende geht es auch in den drei jüngst erschienenen Bänden, denen der Rezensent eine jeweils eigene Qualität abgewonnen hat.
1) Anna Lanyon: "Malinche. Die andere Geschichte der Eroberung Mexikos"
Die australische Historikerin Anna Lanyon hat aus der Not eine Tugend gemacht, ist auf Spurensuche nach Malinche durch Mexiko gereist und hat darüber einen erzählenden Bericht abgefasst. Dabei war ihr keine Legende zu abwegig, und sie hatte keine Scheu, Hunderte von Kilometern zurückzulegen, um mehr über ein Gerücht zu erfahren, berichtet der Rezensent beeindruckt, wenn gleich er auch denkt, dass einige von Lanyons Erkenntnissen auf ihre suggestive Fragetechnik zurückgehen. Ihre Recherchen über Malinches Kinder - eines hatte sie mit Cortez, eines mit einem anderen - lesen sich "fast wie eine Detektivgeschichte", meint Honold. Als Mischlingskinder mussten sie ihre Legitimität erst erstreiten, und dieser Rechtsstreit sei gut dokumentiert, auch bei der Autorin.
2) Barbara Dröscher / Carlos Rincón (Hg.): "La Malinche. Übersetzung, Interkulturalität und Geschlecht"
Die von der Lateinamerikanistin Barbara Dröscher und von Carlos Rincón zusammengestellten Studien zeigen ein genaueres, wenn auch eher widersprüchliches Bild der Malinche. Weder verurteilten die Autoren sie als "Hure der Macht" und ihre Nachkommen entsprechend als "Hurensöhne Mexikos", noch legten sie einen Glorienschein um die "Urmutter Mexikos", erzählt der Rezensent. Besonders empfiehlt er den Beitrag der New Yorker Kulturwissenschaftlerin Jean Franco, die in Malinche als historischer Figur den ambivalenten Schauplatz kolonialer Gewalt sehe.
3) Sabine Scholl: "Die geheimen Aufzeichnungen Marinas"
Die in Chicago lebende Österreicherin Sabine Scholl hat einen anderen Weg gewählt, sich der umstrittenen Figur Malinche zu nähern. Sie hat eine literarische Figur, die Mestizin Marina, geschaffen, die in einem mexikanischen Viertel in Chicago aufwächst, ihre Herkunft erforschen will und deshalb jahrelang durch die Regenwälder Brasiliens streift und dabei allerlei skurrile Menschen trifft, fasst Honold den Inhalt zusammen. Ein ganzer "tropischer Menschenzoo" mache hier seine Aufwartung, meint der Rezensent. Dass der wiederum aktuellen Theoriedebatten stark nachempfunden sei, stört ihn wenig. Eher sind ihm Scholls Reminiszenzen an Hubert Fichte, Carl Peters, Quax und Sting sowie ihr "etwas angestrengter futuristischer Fimmel" etwas säuerlich aufgestoßen. Allerdings, denkt Honold, ein bisschen Freiheit darf sein, gerade, wenn man die sagenumworbene Lebensgeschichte der Malinche zur Grundlage nimmt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2001

Die Quellenlage sei nun mal spärlich (wie die Autorin zum Leidwesen des Rezensenten auch nicht müde wird zu betonen), und so hätten die Forschungen der Verfasserin "nichts wirklich Neues zutage" gebracht über Malinche. Das wenige Bekannte aber ruft uns Kersten Knipp noch mal in Erinnerung, bevor er die tatsächlich spärlich plätschernden Quellen der vorliegenden Arbeit aufzählt. Neben der aktuellen Forschungsliteratur sind das Augenzeugen wie Bernal Diaz, Historiker wie Frei Bernardino de Sahagun und schließlich Cortes selbst. In ihren besten Momenten, so Knipp, komponiere die Autorin daraus "ein überaus lebendiges Bild ihrer Heldin". Aber, ach, apropos Heldin, "ein weiblich- allzuweiblicher Lobgesang durchzieht das Buch vom Anfang bis zum Ende" und teilt dem Leser nicht nur die Geschichte Malinches, sondern leider auch die weltanschauliche Position der Autorin mit. Wäre das nicht, meint Knipp, wäre es schön gewesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2001

Leichte Kost, findet der Rezensent Georg Eickhoff und meint dies keineswegs abschätzig. In Form des Reiseberichts nähere sich die Autorin ihren Möglichkeiten entsprechend dem mexikanischen Malinche-Mythos. Malinche war eine Sklavin, die zwischen dem spanischen Konquistador Hernan Cortes und dem Aztekenherrscher Montezuma gedolmetscht hatte. Wo Lanyon etwas zu Malinche sage, sei sie "informiert, einfühlsam und verhalten feministisch". Die "typischen Touristenerfahrungen" schildere sie "kurz und treffend". Besonders dankbar ist der Rezensent, dass die Autorin uns auf diese Weise vor einem kitschigen "historischen" Roman oder - wahrscheinlich für ihn noch schlimmer - vor einer "drögen" wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema Malinchen bewahrt. Zwar sei das Buch nicht mehr als ein "stimmungsvoller Reisebericht", der auch die Situation im Heimatland der australischen Philologin zu spiegeln weiß, aber das ist, glaubt man dem Rezensenten, bei diesem Thema schon ganz schön viel und vor allem in diesem Fall sehr gut gelungen. Einzig den Titel hätte er anders übersetzt.
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