Anke Stelling

Horchen

Roman
Cover: Horchen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783100725134
Gebunden, 221 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Katja Rothenberger, 30, kann sich nicht beklagen - sie hat eine glückliche Kinderladenkindheit, einen umsichtigen Freund, eine Berliner Wohnung mit Holzfußboden und eine gut gegliederte Doktorarbeit. Woher nur kommt ihre Unzufriedenheit? Katja reist in die ostsächsische Kleinstadt, in die Reinhardt, ihr Jugendpfarrer, nach der Wende strafversetzt worden ist - er war ihre erste große Liebe. Dort begegnet sie Gernot, einem Anhänger einer fundamentalchristlichen Sekte, der Katja das bietet, was ihr offenbar in ihrem Leben gefehlt hat: Führung statt Freiheit, Gefolgschaft statt Sinnsuche. Selbstbestimmt wie sie ist, liefert sich Katja den neuen Regeln aus - und gerät in eine lebensbedrohliche Liebe zwischen totaler Hingabe und absoluter Abhängigkeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2010

Geschichten über Frauen, die gar nicht dieses selbstbestimmte, aufgeklärte Leben wollen, das ihnen der Westen quasi aufzwingt, liegen ja derzeit im Trend. Und da Rezensent Martin Halter jedes Verständnis für Leute hat, die dem postmodernen Berliner Hauptstadtleben mit seinem "emanzipatorischen Eiapopeia" entkommen wollen, gefällt ihm auch diese Passionsgeschichte von Anke Stellings Roman "Horchen". In seinem Mittelpunkt steht die übergewichtige Exil-Schwäbin Katja, die von ihren 68-Eltern in einen Kinderladen gegeben worden war und auch mit 30 Jahren noch nicht die dort gelernten Rappelkisten-Lieder verwunden hat, ebenso wenig ihre Intellektualität und ihre Freiheit. Deswegen unterwirft sie sich dem fanatisch-sadistischen Gernot und lässt sich von ihm so lange durchvögeln und -prügeln, bis sie nur noch ein psychischen Wrack ist. Dass Stelling sich psychologische Erklärungen spart, beeindruckt Halter besodners, aber auch eine "schmerzhaft lakonische Sachlichkeit" kann er ihr attestieren. Und schließlich freut er sich, dass das Buch keine antiklerikalen Ressentiments schüre. Nur leichte Zweifel kommen ihm angesichts der Darstellung des Ostens als Hort geistloser Dumpfheit.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.03.2010

Was zunächst wie eine interessante, im Gefolge der Post-68er auch irgendwie bekannte Milieustudie daherkommt, nimmt für Susanne Messmer dann doch eine überraschende Wendung: Gegenstand der Erzählung ist die strebsame, kritische und in jeder Hinsicht aufgeklärte Katja, kurz vor der Promotion stehend, zugezogen in den Prenzlauer Berg, Biosupermarktkonsumentin, unter der Fuchtel der indoktrinierten Selbstbestimmung ihrer friedensbewegten Elterngeneration in der Provinz aufgewachsen, seit Kinderladenzeiten darauf trainiert "in sich hineinzuhorchen", subsumiert die Rezensentin. Angeblich aus diesem unverkraftbaren Übermaß an politischer und individueller Selbstverwirklichung verliebt sie sich in einen Sektenanhänger, dem sie hoffnungslos verfällt. Bei allem Verständnis für de Willen zur "Nestbeschmutzung" vermisst die Rezensentin dann doch eine einigermaßen plausible Lösung. Neben einem eklatanten Mangel an Humor kritisiert die Rezensentin außerdem, wie die Autorin ihre Protagonistin in ein Umfeld scheucht, das man der Figur einfach nicht abnehmen möchte, so die Rezensentin.
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