Andrej Platonow

Der Staatsbewohner

Erzählungen
Cover: Der Staatsbewohner
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518431146
Gebunden, 207 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Besten Willens, beim Bau der Republik mitzuarbeiten, brechen Platonows Helden in die Weiten der neuen sowjetischen Erde auf, um nach dem Rechten zu sehen und die menschlichen Fundamente zu überprüfen. Die Fragen, die sie stellen, stoßen auf Unverständnis. Makar, ein kleiner Bauer, gerät darüber in Verzweiflung und landet am Ende im Irrenhaus, wo man den Kranken aus Lenins Schriften vorliest. Anders der für das Transportwesen zuständige Weretennikow. Er spricht den Staat mit "Sie" an und rät jedem, der leidet, er solle gefälligst warten und so lange leben, bis der Staat ihn bemerkt und sich um ihn kümmert.Während sich in diesem "Staatsbewohner" der Prototyp des zynischen Untertanen und Mitläufers ausbildet, tritt in der meisterhaften Reisenovelle "Zu Gute" ein enthusiastisch Suchender auf, der die Mängel, die er entdeckt, nicht verschweigen kann. Die Veröffentlichung dieses Textes, der Stalins Zorn erregte, war der Anfang vom Ende der schriftstellerischen Karriere Platonows. Bis zu seinem Tod 1951 konnte er nichts mehr von vergleichbarem Rang veröffentlichen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.02.2026

Rezensent Christian Thomas ist schwer beeindruckt von Andrej Platonows neuerschienenem Erzählband, auch von der wuchtigen Übersetzung von Gabriele Leupold. Unglaublich auch in diesem Buch, nach einigen anderen hochachtungswürdigen Platonow-Veröffentlichungen des Suhrkamp-Verlags, was einem da an sarkastischer Zersetzung der Sowjet-Ideologie entgegenschlage, vermittelt Thomas: Der gelernte Bauingenieur Platonow, der literarisch schnell verbannt wurde, Stalins Regime aber trotzdem überlebte, erzählt hier auf gewohnt doppelbödige Art und Weise von einem engagierten, aber "beschränkten" Betonschlauch-Erfinder - vordergründig. Eigentlich werde dabei aber wieder der Sozialismus unter Stalin auseinandergenommen, die Typisierung und Normierung, die "Rationalisierungsexzesse" - wobei der eigentliche "Akteur" auch laut Übersetzerin wieder die Sprache sei: höchst fasziniert ist der Kritiker von diesem Platonow'schen "Schauderwelsch", dem schauerlichen Kauderwelsch irgendwo zwischen "bürokratischen Floskeln und ideologischen Parolen", wie Thomas zusammenfasst. Zum Beispiel: "Die Sonne wird organisiert zur Abdeckung des dunklen und trüben Defizits der Himmelsleuchte gleichen Namens." Wie in dieser durchkomponierten Sprache ""alles doppelbödig" wird, und wie Platonow damit gleichzeitig eine Beckett'sche Absurdität vorwegnimmt, all das "haut" den Kritiker schlicht "um".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.01.2026

Beeindruckt bespricht Rezensent Raoul Löbbert diesen Band, der drei Erzählungen Andrej Platonows vereint. Der in den 1930ern bei Stalin in Ungnade gefallene Platonow schreibt hier unter anderem über einen idealistischen, nicht allzu klugen Kommunisten, der das Schwarzerdegebiet bereist und in der Provinz mit allerlei Sonderlingen konfrontiert wird, die mit dem Sozialismus vorläufig noch nicht viel anfangen können. In Platonows laut Löbbert vielleicht "schönsten" Erzählung soll etwa ein Ökonom mit einem Nomadenvolk den "Sozialismus machen", aber die zentralasiatischen Wüstenbewohner wollen nicht einmal ein festes Dach über ihrem Kopf haben. Großartig ist vor allem auch Platonows Sprache, die Archaisches mit diversen Slangs, sozialistischer Behördensprache, Surrealismus und mehr vermischt - unübersetzbar eigentlich, aber Gabriele Leupold überträgt diese außerdem mit religiösen Metaphern angereicherte Prosa phänomenal ins Deutsche, freut sich Löbbert. In gewisser Weise verpasst Platonow mit seinen unzeitgemäß wirkenden Texten "dem Sozialismus einen Gründungsmythos", findet der zufriedene Kritiker. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.12.2025

Lesenswert findet ein nicht komplett enthusiastischer Rezensent Cornelius Wüllenkemper diesen Band, der Erzählungen Andrej Platonows sowie kontextualisierendes Material versammelt. Wüllenkemper geht vor allem auf die von Stalin höchstpersönlich kritisierte Erzählung "Zu Gute" aus dem Jahr 1931 ein, eine Geschichte über einen Mann, der aus dem kapitalistischen System kommt und nun den neuen Sowjet-Sozialismus zu verstehen versucht. Als satirische Darstellung etwa der Zustände in einer Kolchose, in der die Bauern mit der ihnen aufgedrückten Ideologie wenig anfangen können, ist der Text stark, meint Wüllenkemper, erzählerisch hat er jedoch Schwächen. Wie auch Gabriele Leupolds Übersetzung nur teilweise gelungen ist - freilich ist Platonows Text auch im Russischen nicht immer leicht verständlich, merkt Wüllenkemper an. Unterwürfige Briefe Platonows an Stalin sind dieser Ausgabe ebenso beigefügt wie Kommentare und ein Nachwort der Übersetzerin, lesen wir. Trotz der einen oder anderen skeptischen Anmerkung ist der Rezensent insgesamt überzeugt und weist darauf hin, wie gut gealtert Platonows Beschreibung eines Staates, in dem Menschen ihre Meinung nicht öffentlich vertreten können, leider sind.  

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