Alissa Walser

Die kleinere Hälfte der Welt

Erzählungen
Cover: Die kleinere Hälfte der Welt
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000
ISBN 9783498073466
Gebunden, 112 Seiten, 13,29 EUR

Klappentext

Als die Mutter ihr die Gebrauchsanweisung gibt, ist es schon lange passiert. Zehn Jahre später berichtet die Tochter ihrer Mutter, wie sie ihre Unschuld verlor - an einem heißen Sommernachmittag, vor den großen Ferien, die Mutter war in der Redaktion, der Vater auf Reisen, und der Nachbar, der amerikanische Kammersänger Mr. Waterhouse, wollte mit ihr, der damals Vierzehnjährigen, ein Lied einstudieren. Dass "Wasserhäuschen", wie die beiden ihn liebevoll nannten, auch der Liebhaber der Mutter ist, dass die Mutter einen ganzen Sommer lang von ihrer Tochter betrogen wurde, das enthüllt diese ihr im Laufe der Erzählung allmählich, voll grausamer Zärtlichkeit, und genüsslich wirft sie einen gnadenlosen Blick zurück auf die banalen Details dieses erwarteten Ereignisses: der Likörfleck auf dem Teppich, die zwei Handtücher, die Haarsträhne über der Glatze ihres ersten Liebhabers, das flache Schächtelchen in seiner Hand ...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.08.2000

Katharina Döbler nimmt die Erzählungen dreier Autorinnen zum Anlass, eine Lanze für das viel geschmähte Genre der Frauenliteratur zu brechen. Dem Kitschverdacht und dem Innerlichkeitsvorwurf sieht sie dabei auf ganz verschiedene Weise begegnet.
1) Maike Wetzel: "Hochzeiten"
Zu Maike Wetzels Roman bemerkt Döbler, dass die Autorin mit ihrer knappen, klaren Sprache, die auf unnötiges schmückendes Beiwerk verzichte, "Fragmente aus der Wirklichkeit" liefere. Dabei entstehen "Dialogfetzen im Originalton", die für Döbler einen hohen Grad an Authentizität haben. Ein wenig erinnert sie der lakonische Ton an Raymond Carver - allerdings gebe es bei Wetzel nur glatte Oberflächen, bei Carver dagegen "schwindelerregende Transparenz". Wetzels Sprache verliert ihre Klarheit nur dann, wenn sie Gefühle beschreibt, dann "rutschen und kippen die Texte ins Angestrengte", beobachtet Döbler.
2) Alissa Walser: "Die kleinere Hälfte der Welt"
Die Erzählungen von Alissa Walser seien dagegen mit Bedeutung aufgeladen. Döbler bewundert Walsers "außerordentliches Gespür für das sexuell Aufreizende, aber auch das Bedrohliche und Gemeine". Wenn Wetzel mit "achselzuckendem Zynismus" die Dinge nimmt, wie sie sind, beschreibe Walser die Entstehung dieser Haltung als "schmerzhaften Prozess". Besonders lobt Döbler auch die elegante Sprache, die das Derbe mit dem nur Angedeuteten gekonnt kombiniere.
3) Marlene Streeruwitz: "Majakowskiring"
Auch an dieser Erzählung lobt Döbler besonders die Sprache Streeruwitz`, die mit ihrer Rhythmisierung und Künstlichkeit bereits zum Markenzeichen der Autorin geworden sei. Dieser "irritierende Sprachduktus" ist für Döbler ein überzeugendes literarisches Verfahren. Das sich bei Liebesgeschichten immer einstellende Problem der Verkitschung löse die Autorin geschickt, indem sie den "Kitschverdacht offensiv in ihre Erzählung hineinzitiert".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.07.2000

Im Grunde nicht angenehm zu lesen findet Kolja Mensing Alissa Walsers zweiten Erzählungsband, aber eben doch recht faszinierend. Es gehe um "den schnellen Sex, Eifersucht und Gewalt", schreibt der Rezensent in seiner Kurzkritik, und dabei sei die Sprache Alissa Walsers "präzise und kalt".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2000

Für Christoph Bartmann steht in Walsers Geschichten vor allem eines im Vordergrund: "die durchaus verheerenden Effekte der Begierde": Immer wieder begeben sich frühreife "Girlies" in verwegene Situationen, bei denen sie einen hohen Preis bezahlen und dies auch offenbar mit einkalkulieren. Auffallend ist für ihn dabei die Distanz, ja Teilnahmslosigkeit der Erzählerin, die sich beispielsweise bei schnellem Sex auf der Rückbank eines Autos gar an "die Rotation von Bürsten in einer Autowaschanlage" erinnert fühlt. Etwas "Unheimliches, Unberechenbares" diagnostiziert Bartmann in diesen Geschichten, die ihn zwar nicht zu Schwärmereien hinreißen, aber offenbar doch stark beeindruckt haben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.05.2000

Katrin Hillgruber kann sich nicht so recht erwärmen für dieses Buch. "Eine erzählerische Entwicklung läßt sich (...) nicht feststellen", bemerkt sie trocken und läßt erkennen, dass sie bereits Walsers Debütroman von 1994 nicht überzeugend fand. Es bleibt ihr zu viel unklar, nur angedeutet, die Personen scheinen ihr manchmal seltsam unbeteiligt. Hillgruber erwähnt eine Szene, in der ein sexuelles Abenteuer mit genau demselben "naturwissenschaftlichen Interesse" beobachtet wird wie das Spülen einer Rastplatztoilette. Sexuelle Gewalt ist in diesem Buch- so Hillgruber - ein zentrales Thema. Die Rezensentin wundert sich jedoch, dass die Mädchen in den Erzählungen diese an "untergeordneten Geschöpfen exerzieren" (wie z. B. "Hummer, Bedienungen"), eine Auseinandersetzung mit Männern auf Augenhöhe jedoch nicht stattfindet. Hillgruber vermutet bei der Plath-Übersetzerin Walser eine Faszination von deren Gewaltverständnis, allerdings in einer Weise bearbeitet, dass "ein Sound entsteht, der die Nachtseite von Frauenzeitschriften der höheren Preiskategorie verkörpert", so die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.05.2000

Hedwig Appelt hat durchaus noch Mitleid, wenn sie Alissa Walsers Erzählungen verreißt. Den Texten sei anzumerken, dass ihre Autorin viel Arbeit hineingesteckt habe, aber hier liegt schon ein gewaltiges Manko, wie die Rezensentin findet. Denn den Erzählungen sei der Drang anzumerken, "zu metaphorisieren, zu symbolisieren und assoziieren", was den dargestellten Figuren jede Lebendigkeit nehme. Die erzählten Geschichten - "so bekannt und lästig wie die Erinnerungen an die eigene Spätpubertät" - schreckten auch vor Klischees nicht zurück. Sie hätten unfreiwilliges Pathos und bemühten Bilder und Vergleiche, die nur allzuhäufig "schief" seien. Und so fällt die Rezensentin am Schluß das harte Urteil, dass die Erzählungen der "kleineren Hälfte der Welt", die Literatur heiße, nicht zuzurechnen sei.
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