Drei Asketen wollten etwas Löbliches tun: der erste jede Nacht beten, der zweite tagsüber fasten, der dritte nicht heiraten. Als der Prophet Mohammed davon hörte, ermahnte er sie: "Manchmal bete ich, und manchmal schlafe ich, und ich heirate die Frauen. Dies ist meine Lebensweise. Wer sie ablehnt, gehört nicht zu mir." Ganz im Sinne des Propheten war für die vormodernen muslimischen Gelehrten die Lust Teil der Natur, die zu ihrem Recht kommen muss. Gerade in den Städten konnte man "Genussbeziehungen" pflegen. Doch mit dem Kolonialismus wurden zunehmend westliche Eheideale und Prüderie in muslimische Länder getragen. Was uns heute als "typisch islamisch" erscheint, ist teils das Erbe von Clangesellschaften, teils ein Spiegelbild puritanischer Moral. Ali Ghandour macht das reichhaltige muslimische Erbe zu Liebe und Sex wieder bewusst. Sein Buch sollte nicht nur bärtigen Islamisten und finsteren Islam-Kritikern zu denken geben.
Rezensentin Eva Berger hält das Buch des muslimischen Theologen und Bloggers Ali Ghandour nur für bedingt erkenntnisfördernd. Wenn der Autor die tolerante, lustfreundliche Tradition der islamischen Welt der Vormoderne herausstreicht, ist das für Berger nicht repräsentativ, schon da Frauen von dieser Lusttoleranz ausgeschlossen waren, wie sie betont. Dass der Autor den Kolonialismus und die christliche Dogmatik für den Traditionsbruch in der islamischen Welt verantwortlich macht, findet Berger allzu pauschal gedacht. Dem Autor, meint sie, fehlt hier die historische Expertise. Was vom Buch übrig bleibt, ist für Berger eine Apologie des islamischen Glaubens, die aus feministischer Sicht reaktionär wirkt.
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