Franco Cardini

Europa und der Islam

Geschichte eines Missverständnisses
Cover: Europa und der Islam
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406463877
Gebunden, 308 Seiten, 27,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Rita Seuß. Dieses Buch erzählt die Geschichte von 13 Jahrhunderten voller Missverständnisse und Mystifikationen, die Europa und den Islam voneinander getrennt haben. Dabei kommen Kriege und Eroberungen wie die Kreuzzüge, die "Reconquista" oder die Zurückdrängung des Osmanischen Reichs vom Balkan ebenso zur Sprache wie politische und wirtschaftliche Aspekte und nicht zuletzt die vielfältigen kulturellen Beziehungen zwischen Europa und dem Islam. Heute wie früher läuft der Westen Gefahr, den Islam grundlegend misszuverstehen. Das beginnt mit der Ansicht, dass Europa der Hort des Christentums sei und dass alle, die in Europa leben, ohne Christen zu sein, Fremde oder gar Invasoren sind. Aber auch die wohlwollende Hinwendung zum Islam ist sehr oft von Vorurteilen geprägt. Die im Spätmittelalter aufgekommenen Phantasien von fliegenden Teppichen und Wunderlampen sowie die Nachahmung muslimischer Kostüme und Architektur in der Neuzeit prägen bis heute ein Islam-Bild, das sich dem "Geschmack am Exotischen" verdankt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.12.2000

Geteilter Meinung zeigt sich Ludwig Ammann über dieses Buch. Störend findet er die vielen unwichtigen Details, die zur Erhellung des eigentlichen Themas seiner Ansicht nach nur wenig beitragen. Und auch die "manchmal etwas wirre Darstellung" gefällt ihm nicht, was besonders ins Gewicht fällt, weil das Buch keine historischen Karten bietet, die die Ausführungen nachvollziehbarer machen könnten. Auch "kulturtheoretisch informierte Überlegungen zur Identitätsbildung", etwa bei den Spaniern hätte sich der Rezensent gewünscht. Doch insgesamt bescheinigt er dem Autor, hier ein "Stück Aufklärung" zu bieten. Gut gefallen Ammann beispielsweise die Ausführungen über die kulturellen Leistungen der Araber, von denen die Christen profitiert haben - "von Papier über Mathematik und Medizin bis hin zur Philosophie", ein Aspekt, den der Rezensent bei so manch anderer Publikation offenbar bisher vermisst hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2000

Stefan Weidner liefert in seiner Kritik vor allem ein wohlwollendes Referat des Buchs. Er geht zunächst ein auf den seltsamen Begriffsgegensatz des Titels, denn Europa ist ein Kontinent und der Islam eine Religion. Wie er sich rechtfertigt, zeigt er an zwei Grunderfahrungen der europäische Auseinandersetzung mit dem Islam: Er diente einerseits als gemeinsamer Gegner europäischer Adelsparteien oder auch ganzer Länder, die ihre Zerstrittenheit im Kampf gegen die "Heiden" überwinden und auf diese Weise eine Gemeinsamkeit konstruieren konnten. Die Geschichte der Kreuzzüge ist hier ein Beispiel. Zugleich aber diente die Auseinandersetzung mit der Kultur des Islams - vor allem seiner Rezeption der Antike - der Überwindung der Kirchendogmen. Das buch des italienischen Mittelalterhistorikers nennt Weidner "faszinierend" und "unbedingt lesenswert", auch wenn er im Detail Kritik hat. Allzu oft, so Weidner, droht der Leser in der Faktenfülle des Buchs unterzugehen. Auch Cardinis Äußerungen über den Islam selbst mag Weidner nicht folgen zu sehr erscheint ihm der Islam hier als ein homogener Block, der er nie gewesen sei.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Mit "Unbehagen" hat Volker Reinhardt die historische Studie zum Ursprung des Konfliktes zwischen Orient und Okzident von Franco Cardini gelesen. In der Definition dieses komplizierten Verhältnisses als "Missverständnis" sieht der Rezensent das Indiz eines Widerspruches, der leitmotivisch das Buch durchziehe. Cardini zeige die "Instrumentalisierung eines Welt-Gegensatzes", den er aber als "geschichtlich vermeidbar" präsentiere. Dabei beschränke er sich darauf, die Vorurteile des Westens gegen den Osten darzustellen und verkläre dadurch die islamische Seite. Der Rezensent kritisiert das als "moralisierende Historiographie". Die Wechselwirkungen dieses gegenseitigen Wahrnehmungsprozesses habe der Autor nicht "ganzheitlich" durchgehalten. Auch erzählerisch überzeugt ihn die ansonsten "faktengesättigte" Studie mit ihrem Schwerpunkt auf dem Mittelalter und der frühen Neuzeit nicht. Spezielle Fachausdrücke, holperige Übersetzungen und "unfreiwillig komische Sätze" irritierten den Leser.
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