Erika Burkart beschreibt ihr Elternhaus, die Mutter, Lehrerin, eine großmütige Leidende, der Vater Großwildjäger und freudiger Alkoholist. Gemeinsam bewohnen sie ein verwunschenes Haus, die ehemalige Sommerresidenz der Fürstäbte von Muri, und betreiben darin eine Gastwirtschaft. Die junge Erika wird Lehrerin, doch ohne feste Anstellung: Sie macht Stellvertretungen, springt da und dort im Lande ein, wo eine Lehrerin gefragt ist. Deshalb auch der Titel, die Vikarin, was in der Schweiz für Stellvertreterin steht. Wir erahnen viel über die Kriegszeit in der Schweiz, die Not und Armut allenthalben, viel über die verschiedenen sozialen Schichten, aus denen die Schülerinnen und Schüler kommen, wir erahnen aber auch das Liebesleben der Erzählerin, die sich während des Krieges zweimal mit in der Schweiz Internierten liiert hat. Das Buch umspannt den Zeitraum von 1930 bis zur Begegnung Burkarts mit ihrem jetzigen Ehemann, gegen das Ende der 60er Jahre.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.10.2006
Die Lyrikerin und Prosaistin Erika Burkart berichtet aus ihren frühen Jahren als umherziehende Hilfslehrerin während des Krieges in der Abgeschiedenheit Schweizer Dörfer und beschwört dabei das eigene Leben, die Natur, das Schreiben und die Erziehung aus der Erinnerung herauf, schreibt Nico Bleutge. Genau, sinnlich und atmosphärisch beschreibe Burkart die ärmlichen Dorfschulen, die oft nur aus einem Klassenzimmer bestanden. Auf einer weniger realistischen Ebene, dort wo die Erinnerung fehlt, entgleite der Text ins Visionäre, in Traum- und Trancebereiche, wo "Gelesenes, Gelebtes, Bilder, Gedanken und Emotionen" in der poetischen Zusammenschau die Welt in einen "Sagenbereich" verwandeln. Das Verfahren stoße allerdings auf seine Grenzen, wenn es um die Darstellung der Kriegserlebnisse gehe, wo etwa Bombenangriffe zur "deutschen Walpurgisnacht" mythologisiert werden. Am besten gefallen dem Rezensenten die Passagen, wo die Autorin aus der Zeit hinausfalle und die "Wälder zu wachsen" beginnen.
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