Vorgeblättert

Walter Grond: Almasy, Teil 1

Auf dem höchsten Plateau machten sie ein zweites Mal halt. Im Panorama von Pyramiden und Stadt funkelte Licht; es mochte von den Glasdächern der Messehallen reflektiert werden. Der Beduine legte dem Pferd einen Leinensack um den Hals, aus dem das Tier das Heu zupfte. Zwischen den Zelten mit den Touristenläden lagerten Kamele, ein wenig abseits knieten Muslime auf Teppichen und beteten.
"Eine Pyramide wurde für einen einzigen Menschen gebaut", sagte Rita, "zusammen mit einer Sphinx und einer Barke eine Abbildung der gesamten Welt. Für einen einzigen Toten arbeitete eine ganze Generation und ging daran zugrunde." 
Sie hatte das Kinn angehoben, höher als gewöhnlich, wie Nicolas bemerkte, und der Wind schmiegte das knielange Kleid an ihren Körper. Sie reichte ihm die Hand, und doch schien sie ihm eine unendliche Wegstrecke entfernt. Er umfaßte ihre Hand ohne jeden Druck und bemerkte, wie alles in ihm losließ und er sich ohnmächtig fühlte. 
In der Dünensohle ragten die Stelen eines moslemischen Friedhofs aus dem Sand, daneben hatten sich unter hölzernen Sonnenschirmen weiß uniformierte Soldaten plaziert. Der Alte trieb das Pferd bergab. Das Tier kam auf dem Asphalt ins Rutschen, Nicolas konnte sich vor Angst nicht rühren. Der wundgescheuerte Gaul drohte unter dem Gewicht der Droschke zusammenzubrechen, da schliff der Beduine die Räder am Randstein ein und riß mit dem engen Ledergeschirr den Kopf des Pferdes nach hinten. 
"Schaut zur Pyramide", rief der Alte. 
Nicolas aber fixierte das Pferd, das Leiden dieser Kreatur bewegte ihn. Er zitterte; Rupert hätte ihm nie geglaubt, daß er Mitleid mit einem Gaul empfand und ihm die Sphinx nichts bedeudete. 
Vor der großen Pyramide, im Gedränge der Touristen, fühlte sich Nicolas schwächer und schwächer. Ein riesiger Steinhaufen, dieses Bauwerk, dessen Alabasterverkleidung über die Jahrtausende abgetragen worden war. Die Steinquadern bildeten Stufen bis zur Spitze, die die Kugeln der Mameluken lange vor Napoleons Ankunft gesprengt hatten. 
"Warum wollte Hana, daß ich hierhergehe?" 
"Sie war mit Almasy in die Pyramide gestiegen?", sagte Rita und brach ihren Satz ab. 
Keinen Augenblick, kam es Nicolas vor, werde er von diesen Ägyptern in Ruhe gelassen. Sie verkauften Cola und Wasser, und gegen Bakschisch wußten sie Rat, wie man sich an der wartenden Menschenmenge zur Pyramide vorbeischwindeln konnte. 
Langsam rückten sie zum Einstieg vor, der etwa fünfzig Meter über dem Erdboden lag. Nicolas schwante nichts Gutes, da die Leute, die aus dem Inneren der Pyramide kamen, auf den Stufen niedersackten. Rita ging voraus. Durch einen kindshohen Schlund mußte er zwanzig Meter nach unten kriechen. Es folgte ein Aufstieg, eine stufenlose Rampe, die steil nach oben ging und in gebückter Haltung zu erklimmen war. Ein Menschenknäuel quälte sich die Metalleitern hoch, daneben rutschten Erschöpfte nach unten. Es war heiß, die Luft so feucht, daß jeder Atemzug schwerfiel, es roch nach Schimmel und Moder. Zwischen dem Gemäuer hallte das Jammern der Touristen wider, die schweißüberströmt nach draußen drängten. 
In der Königskammer würgte es Nicolas. Er setzte sich auf den Sarkophag, entsetzt über das Nichts, das dieses schmucklose Loch im Stein bedeutete. So stellte er sich das Leben im Mutterleib vor. Zuerst zogen sich die Wände um ihn zusammen, rückten näher und näher, dann kam es ihm vor, sein Auge löse sich aus seinem Gesicht und dringe Meter um Meter in den Stein vor, der kein Ende nahm. Die dichte Materie ließ die Aussichtslosigkeit des Daseins noch stärker erscheinen, dann wiederum war alles um ihn leer. Kein Schrei, und wäre er noch so laut, würde über den kurzen Abstand vom Mund zum Ohr dringen, das war die Ewigkeit, das war die Hölle. 
Rita lehnte an der Wand, und Nicolas wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihr Gesicht verschwamm, fahl erschien sie ihm. Ihre Lippen, die Wörter formten, wucherten ihm entgegen, während die Übelkeit in seinen Brustkorb ausstrahlte. Als er plötzlich Hanas Stimme vernahm, auch jene von Goma, wurde ihm schwarz vor den Augen, schmerzlos. Ihre unartikulierten Rufe blendeten langsam in das Geräusch einer Landschaft über, das jetzt deutlich zu hören war, sie mochte feucht und üppig und fruchtbar sein.
Blätter rascheln, der Wind weht durch Bäume, läßt sich vermuten, Gebüsch, vielleicht hohes Gras. Eine Grille zirpt, in der Ferne trällert ein Vogel, Motorenlärm nähert sich, Schotter knirscht, eine Wagentür knarrt und eine fistelige männliche Stimme ruft auf italienisch, kommen Sie, Fräulein, wir haben es eilig, die Straße nach Florenz ist heute frei? 

Die Luft riecht modrig, es regnet viel in diesem Herbst nach dem Krieg. Durch das Loch in der Mauer fallen Sonnenstrahlen in die Bibliothek, verschwinden und kommen wieder, leuchten wie ein Signallicht zwischen die gestürzten Balken. Eine junge Frau, es ist Hana, öffnet einen Fensterladen. Über dem toskanischen Bergstädtchen bricht die Wolkendecke auf, das Blau erinnert an den barocken Freskenhimmel in der zerstörten Kapelle. Unten vor der Einfahrt hupt der Lastwagen, der Hana fortbringen wird, ein zusammengeflicktes Truppenfahrzeug, sie möchte heim nach Kanada. 
"Bleiben Sie in der Allee", ruft sie. 
"Der Park ist nicht entmint?" fragt der Mann mit der Fistelstimme, ein Schafhirte vielleicht oder ein Bauer, der den Wagen chauffiert. 
"Warten Sie. Ich komme sofort." 
Er lehnt sich an die Boilerhaube und raucht. Auf der Ladefläche kauern Kinder und Frauen. Die Deutschen kapitulierten schon vor Wochen, für Hana endet der Krieg erst jetzt. Gestern gab sie dem Mann aus der Wüste das restliche Morphium. Er streckte seine Hand aus, berührte den Band, sein Herodot-Tagebuch, ließ sie auf die vernarbte Brust zurücksinken. Hanas verzweifelnder Heiliger. Ein englischer Flieger, wie er sagt, über der nordafrikanischen Wüste abgestürzt, von Beduinen aus den Flammen gerettet, in ein italienisches Lazarett überstellt, seine Haut bis zur Unkenntlichkeit versengt, ein Mumiengesicht. Der englische Patient. 
Jetzt verläßt Hana den Ort ihrer Trauer, ihren Taubenschlag, wie sie die Villa San Girolamo nennt. In einem Taubenschlag starb ihr Vater, vor wenigen Monaten, an der französischen Front. Die Europäer und ihre Tauben, die sie in kirchenähnlichen Gebäuden züchten, größer als die meisten Häuser, im oberen Drittel mit einem Mauervorsprung gesäumt, um die Ratten daran zu hindern, den Backstein hinaufzulaufen. Sicher wie in einem Taubenschlag. Geschützt wie an einem heiligen Ort, einem tröstlichen. 
Gestern ging der Alliiertenspion und Freund ihres Vaters fort, er hatte von Hanas Bombenneurose gehört und sie in der Villa San Girolamo ausfindig gemacht. Nun ist auch ihr Krieg vorbei, und jeder verschwindet in eine andere Richtung. Hana war mit den Lazaretten hinter den Truppen die Adria hochgekommen, bis an diesen verlassenen Ort in der Toskana. Das Städtchen, von den Deutschen besetzt, von Brandbomben auseinandergerissen. Die Villa, ein Nonnenkloster, in den oberen Etagen zerstört und vermint, nach der Einnahme ein Notlazarett, halb verbrannt und ohne Elektrizität, Hanas Wachtposten. Als der Troß der Krankenschwestern und Patienten zu einem sicheren Ort weiterzog, blieben nur Hana und der Engländer zurück, sie bestanden darauf. 
Ausharren. Hanas Weg, aus dem Krieg herauszukommen. Dann tauchte der Freund ihres Vaters bei ihr auf, der gute Onkel aus Kindheitstagen, Wollstrümpfe schützen die Stümpfe an seinen Händen, die Deutschen hatten ihn während eines Botengangs in Libyen gefaßt und ihm die Finger abgehackt. Ihr Patient ist kein Engländer, fand der Unglückliche im Lauf der Wochen heraus, sondern kein anderer als der, von dem er in einem fort erzählte: Ladislaus Almasy, Ungar, Saharaforscher, ein Verrückter nach der Wüste, kein Alliierter, ein deutscher Spion. Rommel selbst hatte Almasy gebeten, seine Männer durch die Wüste nach Kairo zu lotsen, danach war der Ungar verschwunden. Ihr verzweifelnder Heiliger - ein deutscher Spion. Sie muß an den Freund ihres Vaters denken, seine Hand, von Gestapo-Leuten verstümmelt. Hana kann Europa nicht mehr ertragen.
"Beeilen Sie sich, Fräulein!" 
"Das Wasser im Brunnen ist sauber", ruft Hana, "geben Sie den Kindern Wasser. Ich komme gleich."

Teil 2