Vorgeblättert

Walter Grond: Almasy, Teil 2

Vom Brunnen hört Hana verhaltene Kinderstimmen. Sie hat den Sack mit Gemüse gefüllt, das sie im zerbombten Garten unterhalb der Villa anpflanzte. Noch einmal sieht sie sich um. Die hohen Regale, das Klavier, die Bücher. Auch der Mann aus der Wüste hatte einen Band durch das Feuer gerettet, ein Exemplar der Historien von Herodot, an den Seitenrändern vollgeschrieben, ergänzt, winzig klein, voll Notizen und eingeklebter Zettel, die er aus Büchern herausgeschnitten hatte, sein Herodot-Tagebuch. 
Hana winkt hinunter, durch das Loch in der Wand sieht sie die hohen Zypressen im Wind wanken. Der Mann aus der Wüste, in gewisser Weise ihr Vater zugleich und ihr Kind, das tote. Das Baby, das sie in ihrem Bauch getragen hatte, der Sproß einer flüchtigen Umarmung. Sie sprach mit dem Kind, während sie die Patienten wusch und versorgte, und als der Soldat, der Vater des Kindes, fiel, sprach sie weiter. Als aber ihr eigener Vater starb, verlor sie das Kind, sie mußte es verlieren, es war Krieg. Bald darauf entdeckte Hana im Lazarett den Flieger, der über der Wüste abgestürzt war, er konnte sich nicht an seinen Namen erinnern, war so entstellt, daß er jeder sein mochte, ein Niemand. Der Freund ihres Vaters sagt, er heiße Almasy. 
Almasy, ein Ungar, ein selbstvergessener Mann, Laszlo, wie die Dünen, über die er fantasierte, flüchtig. Sie klammerte sich an den sterbenden Mann, ihr Vaterkomplex. Hana war erst zwanzig, Gefahren schenkte sie keine Aufmerksamkeit mehr. Sie wollte den Tod des Vaters nicht wahrhaben. Sie schnitt ihr Haar kurz, eine Büßerin, die nicht mehr in den Spiegel schaut. 
Jetzt ist auch Almasy tot. Er lag im oberen Stockwerk, im Zimmer mit den Bäumen und Lauben, die auf die Wände und die Decke gemalt sind. Dämmerte er nicht vor sich hin, sprach er in einem fort. Von seiner Leidenschaft für die Wüste und seiner Liebe zu Katharine Clifton, für deren Tod er sich schuldig fühlte. Hana konnte sich in ihm verbergen und vom Erwachsensein abwenden. 
Sie schließt den kleinen Koffer aus Pappkarton. 
Ein letztes Mal steigt Hana über die Bücher nach unten, über die kleinen Stapel, die sie an die Stelle der verkohlten Stufen genagelt hatte. In der Küche schlüpft sie in die Turnschuhe, wirft sich die Uniformjacke über die Schulter, mit dem Ernst einer Frau, die den Willen hat, eine ganz bestimmte Person zu sein. 

Bis nach Florenz treibt der Lastwagen, durch das Gedränge von Frauen, Alten und Kindern mit ihren Habseligkeiten, die sie auf Karren hinter sich her ziehen. Panzerwracks versperren den Weg. Soldaten weisen die Herumirrenden einmal in diese, einmal in jene Richtung. Die Äcker sind niedergetreten, Zypressen geknickt, dumpfe Gesichter ziehen an Hana vorbei. 
Während das Land und seine Menschen verwundet sind, sind die Städte Italiens heil geblieben. Der kunstsinnige Krieg tastete die Klöster, Kirchen und Paläste nicht an. Lebendig gewordene Fresken, durch die Hana treibt, eine geschützte Zone für Marmor, Putz und Rötel, wo Städte wie im Dreißigjährigen Krieg eingenommen, anstatt mit Flugzeugen bombardiert wurden. Das Land ein Schindacker, die Kirchen und Paläste sichere Unterkunft für die Heere.
Lang nach Mittag rollt der Lastwagen in Florenz ein. Selbst der Bahnhof ist unversehrt, das gläserne Dach, das hohe und undurchsichtige, die gewaltigen Säulen, die hellen Steinplatten des pathetischen Zweckbaus. Nur ein einziges Gleis führt für Hana nach draußen,die anderen sind mit Kriegsgerät belegt. In ihrer Uniformjacke wird sie rasch bis zur Kontrollstelle vorgelassen. Hinter dem Metallzaun mischen sich Zivilisten unter die Soldaten, tauschen ein Stück Brot gegen Zigaretten. Ein Soldat stellt die Durchfahrtsvisa und Tickets aus. Hana wartet in der Menschenschlange vor dem Bretterkiosk, in Gedanken ist sie noch im Kreis ihrer Toten. Die Armschleifen der Militärpolizei, weiß wie Bettleinen, erinnern sie an das Lazarett. An etwas, das schmerzt, weil es so unangebracht wirkt. 
"Es ist nicht mehr weit", hört sie mittendrin eine Stimme, die britische Aussprache fällt ihr auf. Das kommt von nicht weit hinter ihr. Wie ein Refrain klingt, was der Mann sagt, etwas steif und gehorsam. Hana wendet sich um, ein langes Gesicht lächelt sie an und sagt noch einmal: "Es ist nicht mehr weit." 
Er schmunzelt, ein älterer Mann, kein Hüne, dazu ist er zu schmal, mit hoher Stirn, markanten Ohren. Sein ergrautes Haar trägt er sauber nach hinten gekämmt. So ungezwungen, wie er in seiner weiten Hose und der Fliegerjacke dasteht, geht etwas Abenteuerliches von ihm aus, und doch wirken seine Bewegungen allzu kontrolliert. Die eine Hand steckt in der Hosentasche, in der anderen verbirgt er eine brennende Zigarette. Seine Augen sind müde. Um seine Mundwinkel liegt Güte, eine bürokratisch geordnete. Pflichtbewußt zugleich und gelassen.
"Ich kehre nach Kanada zurück", sagt sie. 
Mit einem Nicken entschuldigt sich der Fremde, ein Engländer durch und durch. Sein Name ist Patrick Clayton, ein Offizier der Long Range Dessert Group, den die Deutschen in der Libyschen Wüste faßten und an die Italiener auslieferten, er kommt aus einem Kriegsgefangenenlager in den Abruzzen. 
Sie stehen nebeneinander, warten auf ihre Tickets, er will heim auf die Britischen Inseln, und doch spricht Patrick Clayton nur von Kairo, von seiner Arbeit in der Sahara. Ein Kartograph ist er, wie ihr Mann aus der Wüste. Und schon verliert sich Hana in dessen Aufzählung der verschiedenen Winde, ereifert sich über die Funde einer frühzeitlichen Zivilisation und kommt auch auf Katharine Clifton zu sprechen. 
Patrick Clayton runzelt die Stirn. 
"Er heißt Almasy", sagt sie, "gestern ist er gestorben." 
"Doch nicht Teddy!" 
Mehr als die Erwähnung des ihr fremden Namens erschrecken Hana die Augen Patrick Claytons, die ihr bedeuten, sie rede von irgend jemandem, nicht aber von dem, den sie meint. Sie hat ihn doch eben begraben, und nun kommt er nicht zur Ruhe?
"Teddy und tot? Er besitzt so viele Leben wie der Teufel selbst."
Daß Patrick Clayton ungläubig, fast höhnisch auflacht, will nicht in Hanas Bild dieses Mannes passen.

Monate später hält sich Hana immer noch in Florenz auf, arbeitet im Lazarett, hilft im Kinderspital aus. Nach Kanada will sie nicht zurück. Wessen Leben wäre es, das sie dort leben würde? Die Hana, die dem Vater in den Krieg folgte, die - wie es scheint - einen verbrannten Patienten gepflegt hat, gibt es nicht mehr.
Im Herbst trifft sie Patrick Clayton wieder, er kommt gerade aus Triest. Im Offizierskasino essen sie zu Abend, trinken Wein.
Patrick Clayton erzählt von Almasy, der kürzlich von einem ungarischen Volksgericht auf freien Fuß gesetzt wurde.

Auszug aus Walter Gronds Roman "Almasy". Mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlags.