Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Hilary Spurling: La Grande Therese. Teil 3

05.03.2007.
Doch unter all den Scharaden, Schloßritualen und Zeremonien lauerte ein sehr viel schmutzigere Wirklichkeit. Hinter den Prunkgemächern der Humberts breitete sich ein Labyrinth von Kammern, Büros und Zellen aus, über das Romain als unumschränkter Herrscher waltete. Ebenso wie seine Geschwister war er mit Thereses Geschichten aufgewachsen, doch was ihn daran reizte, war weniger ihre spektakuläre Pracht als vielmehr ihre Schattenseite. Romain hatte einen fatalen Hang zur Brutalität. Drohungen, Geheimnisse, Gewalt - das war die Atmosphäre, in der er richtig auflebte. Sein Reich befand sich hinter einer Tapetentür in der Wand des großen Treppenaufgangs. In diesen Hinterzimmern trafen sich Anwälte, wurden aufgebrachte Gläubiger abgewimmelt, Händler ausgenommen und geprellt. "Dies war das Feld, auf dem alle Arten von Schlachten mit wütenden Kreditgebern und rachsüchtigen Lieferanten ausgetragen wurden", schrieb F. I. Mouthon, der investigative Journalist, der die Humberts schließlich besser verstehen sollte als jeder andere zeitgenössische Beobachter. "Aus diesen stürmischen, emotional aufgeladenen Konfrontationen ging Romain nicht immer unversehrt hervor."

Einmal wurde er blutend auf dem Fußboden liegend entdeckt, nachdem er sich mit Armands Bruder Alexandre, dem Verwalter von Celeyran, geprügelt hatte, dem sein Gehalt nicht ausgezahlt worden war. Ein andermal richtete die rasende Ehefrau eines ruinierten Zeitungsbesitzers aus Melun einen Revolver auf Therese, und diese verdankte ihr Leben nur der Intervention Romains, der den Schuß durchs Fenster ablenkte. Der erste dieser beiden Zwischenfälle wurde vertuscht ("Romain verband sich selbst, verbiß sich den Schmerz und hielt auch sonst den Mund"). Doch beim zweiten holte man die Polizei, um die unglückliche Dame verhaften zu lassen, die kurzerhand in einer Schweizer Irrenanstalt interniert wurde, wo sie die folgenden beiden Jahre zubringen mußte. Louis Lepine, der berühmte Polizeipräfekt von Paris, war ein ergebener Freund von Madame, und so konnte man sich denn auch getrost darauf verlassen, daß der Chef des örtlichen Kommissariats - ein gewisser Kommissar Wagram - alles unternehmen würde, um der Familie in derlei Angelegenheiten hilfreich zur Seite zu stehen.

Die Zahl der unzufriedenen, oft gefährlichen Kunden, die - manchmal am Rande des Nervenzusammenbruchs - ihr Geld zurückverlangten, erhöhte sich alljährlich in dem Maße, wie der Plan der Humberts seine Opfer zunehmend in Bedrängnis brachte. Wie hoch auch immer die Kosten an menschlicher Misere und Verzweiflung sein mochten - in technischer und rechtlicher Hinsicht funktionierte die Maschinerie äußerst elegant. Im Innern des Safes mit all seinen gefälschten Schuldverschreibungen befanden sich vier Schlüsseldokumente. Das erste war das auf den 6. September 1877 datierte Testament von Robert Henry Crawford, das Therese zur alleinigen Nutznießerin machte. Ein zweites, am selben Tage unterzeichnetes Testament verfügte, daß alles zu gleichen Teilen zwischen Maria Daurignac und den beiden amerikanischen Neffen des im Sterben liegenden Millionärs, Robert und Henry Crawford, aufzuteilen sei. Das dritte Dokument, vom März 1883, war eine Vereinbarung, in der die Crawford-Brüder sich bereit erklärten, das gesamte Vermögen ihres Onkels der Obhut von Madame Humbert anzuvertrauen, unter der Bedingung, daß es bis zur Beilegung des Rechtsstreits unversehrt bleibe (bis dahin sollten die Humberts von dem jährlich anfallenden Zinsertrag aus den Schuldverschreibungen leben). Das letzte war eine achtzehn Monate später aufgesetzte Urkunde, mit der die Crawfords gegen eine Barzahlung von sechs Millionen Francs sowie das Eheversprechen Marias für einen der beiden Brüder auf ihre Ansprüche verzichteten.

Diese vier Dokumente bildeten den Angelpunkt, um den sich der ganze Schwindel drehte. Die Forderungen der Crawford-Neffen, die Madame Humbert daran hinderten, ihres rechtmäßigen Besitzes wirklich je habhaft zu werden, lieferten eine wunderbare Erklärung für ihren nicht enden wollenden Kreditbedarf. Als die Crawfords schließlich den Preis für ihren Rückzug nannten, rissen sich die Geldgeber geradezu darum, der triumphierenden Erbin die sechs Millionen Francs zu äußerst vorteilhaften Zinssätzen zur Verfügung zu stellen. In der Version, wie Madame Humbert die Geschichte erzählte, hatten sich die heimtückischen Crawfords geweigert, ihr Geld anzunehmen, und unter dem Vorwand, daß Maria sich mit keinem von beiden verloben wollte, ihre feste Zusage zurückgezogen. Im Oktober 1885 kam es zu einem Verfahren gegen die beiden Brüder, das vor der Zivilkammer des Departements Seine verhandelt und ein Jahr später zugunsten von Madame Humbert entschieden wurde.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Berenberg
(Copyright Verlag Berenberg)

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