Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Hasan Ali Toptas: Die Schattenlosen. Teil 3

13.07.2006.
Als die Zigeuner mit ihren Pferdewagen wieder kamen, war deshalb bei Jung und Alt Hoffnung aufgekeimt, und alle waren zu den schwarzen Zelten vor dem Dorf gelaufen. Die Frauen tuschelten mit den Zigeunerinnen, während ihre Gatten die Zigeunermänner mit ihren verwegen schief sitzenden Hüten und den hochgezwirbelten Schnurrbärten ins Kaffeehaus oder zu sich nach Hause luden, wo dann draußen im Hof krügeweise Wein getrunken wurde, rotkämmige Hähne dranglauben mussten und Lämmer geschlachtet wurden. Die dunklen Frauen mit den vollen Lippen kamen aus ihren Zelten hervor und verteilten sich über das Dorf, strömten von den Straßen hinein in die Höfe, von dort in die Häuser, in die Küchen gar und bis in den Schatten, den die Truhen mit der Aussteuer warfen. Über Nuri jedoch brachte man nichts in Erfahrung.
     Neue Hoffnung wurde lebendig, als man des Verzinners ansichtig wurde, der jeden Sommer mit einem Zweig Bergsafran hinter dem Ohr wiegenden Schrittes seinen räudigen Esel in das Dorf trieb und dort seine Gerätschaften aufbaute. Noch bevor der Mann seinen Esel abladen konnte, wurde er mit Fragen bestürmt. Ob er denn da, wo er durchgekommen sei, in den Bergen, in den Hochebenen, in den Dörfern der Flüchtlinge, nicht irgendetwas von Nuri gehört habe? Doch als ob der Verzinner den vielen Glanz, den seiner Hände Arbeit hervorbrachte, ausgleichen wollte, hüllte er sich in finsteres Schweigen. Nachdem er hunderten von kupfernen Töpfen, Schüsseln, Löffeln und Trinkkellen wieder zu herrschaftlichem Glanz verholfen hatte, packte er seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg. Dass er, und sei es auch nur ganz am Rande, mit dem Verschwinden eines Mannes in Zusammenhang gebracht wurde und noch dazu nicht das Geringste ausrichten konnte, machte ihn so betroffen, dass er in einem fort vor sich hin seufzte. Beim Abschied sagte er noch zum Dorfwächter: "Jetzt gehe ich dorthin, wo ich lebe."
     Doch erst als der Verzinner schon den Mühlbach überquerte, begriff der Wächter, was er damit gemeint hatte, und erstarrte verblüfft. "Ja lebt er denn an mehreren Orten zugleich?"
     Der Verzinner war noch keine Woche fort, als bei der Mühle, mit einem Zylinderhut auf dem Kopf und einem dunkelbraunen Esel, der Färber auftauchte. Unter der gleißenden Sonne sah man Färber und Esel, mal größer, mal kleiner, auf das Dorf zuschreiten. Nach einer Weile glich der Färber in der flimmernden Hitze immer mehr seinem Esel, und unter ziemlichem Gewackel seiner großen Ohren stieg er zum Bachlauf hinab. Als sie in die Ebene kamen, war plötzlich der Esel der Färber; er hatte den Zylinder auf, und seinem Maul entströmte Zigarettenrauch. So gingen sie eine Weile nebeneinander her. Als sie im Dorf ankamen, waren sie todmüde. An der Platane auf dem Dorfplatz trennten sie sich; da war der Färber wieder Färber und der Esel Esel. Die Männer vor dem Kaffeehaus wiesen dem Färber sogleich einen Platz zu, während der mit zwei Farbkesseln beladene Esel wie jedes Jahr unter den Maulbeerbaum trottete und nach Eselsart die Ohren hängen ließ.
     Kaum saß der Färber, da erkundigte er sich nach Cµngµl Nuri, und jeder erzählte das, was er wusste. In der Hoffnung, nun werde man von ihm mehr erfahren, wurden die Stühle gerückt. Doch der Färber hatte lediglich von Nuris Verschwinden gehört und wusste sonst gar nichts. Das musste er eigentlich auch nicht, und dennoch blickten ihn flehende Augen an. Und als er am nächsten Tag unter seinen Farbkesseln Feuer entfachte, kam Nuris Frau mit ihren drei Kindern, baute sich vor ihm auf und wollte lange, lange nicht weichen. Der Färber, der die im Winter gesponnene Wolle für gewöhnlich in Flaggenrot, Paradiesgrün, Türkisblau oder Pechschwarz färbte, entschied sich daher diesmal zu Ehren Nuris für eine Fehlfarbe.
     Schließlich kündigte der Bürgermeister an, er werde die Sache höheren Orts melden, damit sich Polizei und Militär auf eine Suchaktion begeben. Dann schwang er sich aufs Pferd und ritt in die Kreisstadt. Damit aber verschwand Nuri endgültig, und sein verwaister Frisörsalon verstaubte noch ein wenig rascher. Die Dorfbewohner harrten auf ihren Flachdächern tagelang der Rückkehr des Bürgermeisters und schauten von morgens bis abends in Richtung Stadt. Nuris Frau wiederum stellte sich vor, wie der Bürgermeister durch Berg und Tal, über Stock und Stein unterwegs war, und eines Tages setzte sie sich auf den Steinhaufen vor seinem Haus und sah zu der wehenden Fahne auf dem Dach empor. In deren Farbe erkannte sie, groß und mächtig, den Staat, was sie mächtig erschauern ließ. Ob nun aus Furcht oder aus Freude, war ungewiss; falls es Freude war, so furchtsame Freude, falls Furcht, so freudvolle Furcht.
     Als nach einer langen Zeit, die den Dorfbewohnern wie tausend Jahre vorkam, der Bürgermeister aus der Kreisstadt zurückkehrte, sagte er zu der Frau mit einer Stimme, die so müde klang wie sein Pferd: "Geschafft. Nun geht alles seinen Gang."
     Allenorts habe er Bericht erstattet, in jeder Behörde sein Sprüchlein aufgesagt, Nuris Verschwinden überall zu Protokoll gegeben und registrieren lassen, und außerdem habe er in allen Kaffeehäusern, Gasthäusern und Badehäusern, die es in der Kreisstadt nur gab, die ganze Geschichte erzählt. Es wisse nun wirklich jeder über alles Bescheid, und Nuris Verschwinden sei von jedermann geradezu verinnerlicht. Nun heiße es, geduldig abzuwarten, und in Bälde schon werde auf roten Schwingen eine frohe Botschaft eintreffen.
     Da freute sich Nuris Frau so sehr, als sei ihr Mann schon gefunden. Schluchzend wuselte sie um ihre Kinder herum und herzte und drückte sie hundertmal. Nach wie vor aber ging sie jeden Tag zum Haus des Bürgermeisters, setzte sich auf den Steinhaufen und sah zur Fahne hoch. Der Staat, den sie in jener Farbe wahrnahm, stand ihr nun noch deutlicher vor Augen. Manchmal war ihr, als sitze sie in seinem Schatten, und aufgeregt stand sie dann auf und streckte den Kopf vor, um zu sehen, was sich hinter seiner Fassade verbarg. Nun, es lag ein großer Saal dahinter, in dämmrigem Licht. Darin saßen um einen langen Tisch langgesichtige Schreiber und notierten den Namen ihres Gatten. Die Stifte, die sie in Händen hielten, waren lang wie Hirtenstäbe und blitzten beim Schreiben immer wieder auf. Dann wurden die Papiere gestempelt, mit einem Stempel aber, der ungleich größer war als der Stempel des Bürgermeisters. So groß nämlich war er, dass er als der Großvater aller Stempel gelten durfte, und was mit ihm gestempelt war, durfte der Mensch nicht einmal mit seinem Schatten berühren.
     Dann wurden die Papiere in Umschläge gesteckt. Vor der Tür nahmen spitzgesichtige Boten die Umschläge entgegen und schoben sie in ihre Taschen, bis auf einen Umschlag, der vergessen worden war und nun inmitten des Saales, in dem die Boten mit den Flügeln schlugen, herrenlos herumlag. Nuris Frau geriet in Aufregung, denn gerade in diesem Umschlag konnte doch das Nuri betreffende Papier sein, und als sie einige Schritte darauf zuging, stand ihr plötzlich der Bürgermeister gegenüber, der soeben aus dem Haus getreten war.
     Ihm zufolge war alles nur noch eine Frage von Tagen.
     Wieder ging leise die Tür auf; die Katze streckte ihre Zunge heraus wie ein rotes Taschentuch und leckte sich.
     "Re·it wartet noch immer draußen", sagte die Frau des Bürgermeisters. "Wann kommst du denn endlich?"
     Der Bürgermeister zog sich das Unterhemd mit dem Erbrochenen vom Leib und warf es an die Wand.
     "Ich komme ja schon", rief er ungehalten. "Der soll gefälligst warten!"

5

Als der Frisör den Blick von der Straße abwandte und sich wieder dem Ziegenbärtigen widmete, hatte er noch immer diesen Henkersblick.
     "Ihnen wachsen ja die Haare schon in den Bart hinein", sagte er in einem Ton, der über seinen Blick hinwegtäuschen sollte.
     Der Ziegenbärtige gab keine Antwort. Als fürchte er, sich im Spiegel zu sehen, saß er mit geschlossenen Augen da. Er tat so, als wäre nicht er es, dem die Haare in den Bart hineinwuchsen, weil ein Teil von ihm an einem ganz anderen Ort lebte und ein anderer Teil hier im Frisörstuhl vor sich hin döste. Als der Frisör jedoch zur Schere griff und kurz damit schnippte, wachte der Mann auf.
     "Schneiden Sie nur vom Schnurrbart weg, was mir in den Mund wächst", sagte er und sah dabei auf die Taubenzeichung über dem Spiegel. "Haben Sie das gezeichnet?"
     "Ja, aber das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Jedes Mal fragen Sie mich danach."
     Der Ziegenbärtige saß stumm da wie ein gescholtenes Kind. Sein Blick glitt von der Zeichnung zurück in den Spiegel. Der Lehrling holte hinter einem Vorhang einen Besen hervor und fegte die auf den Boden gefallenen Haare zusammen.
     "Halt", rief da der Ziegenbärtige. "Halt!"
     Der Lehrling erstarrte. Mit aufgerissenen Augen blickte er den Ziegenbärtigen an, der aus dem Frisörstuhl aufstand. Wem der Ausruf eigentlich gegolten hatte, war niemandem klar.
     Hastig ging der Mann auf die Tür zu, doch bevor er sich ins Straßengetümmel stürzte, drehte er sich noch einmal um. "Geld gibts keins, draußen ist alles voller Skelette", sagte er zum Frisör. Der Frisör nickte. Wehmütig sah er dem Ziegenbärtigen nach, der sich durch die Autos schlängelte und schließlich um die Ecke bog. Dem Frisör schien irgendetwas zu fehlen.
     "Wer war denn das?", fragte ich scheu.
     "Nuri heißt er", antwortete der Frisör, "aber woher und was er ist, weiß ich auch nicht."

Mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlages

Mehr Informationen zum Buch und Autor hier