Vorgeblättert

Leseprobe zu ZZ Packer: Kaffee trinken anderswo. Teil 2

28.09.2009.
Wir haben die Staatsgrenze nach Indiana überquert, aber mein Vater ist noch immer am Schwadronieren. "Ganz recht! Du redest mit Ray Bivens junior! Und vergiss das ja nicht!"
     Draußen ist der Herbst vorbei, und trotzdem ist es noch nicht ganz Winter. Indiana-Ackerland huscht links und rechts in Schwarz-Weiß vorüber. Wunderschön. Bis einem wieder einfällt, dass die Welt eigentlich in Farbe sein sollte.


Später, inzwischen wieder ruhig, sagt er: "Stell dir eine Aktie vor. Sagen wir mal, die Aktie, von der ich dir erzählt habe, Scudder MidCap. Die Aktie steht bei fünfzig Dollar. Wenn die auf Erfolgskurs fährt, dann bleibt die nicht lange bei fünfzig. Sie steigt, sagen wir, auf hundert oder zweihundert. Aber dazu muss sie erst auf einundfünfzig steigen, zweiundfünfzig, und so weiter. Wenn der Preis einer Aktie steigt, ist das ein gutes Zeichen. Dann musst du kaufen."
     Ich vergesse natürlich nicht, mich für diese Information zu bedanken.
     "Spielt auch gar keine Rolle, in was du investierst", sagt Ray Bivens junior. "Das ist das Schöne daran. Brauchst nicht mal darüber nachzudenken. Das ist etwas, was du von keinem Steuerberater zu hören bekommst."
     "Du meinst Börsenmakler. Bei Aktiengeschäften lässt man sich von einem Börsenmakler beraten. Nicht von einem Steuerberater."
     Er bekommt einen bitteren Gesichtsausdruck, als wollte er mir eine knallen, dann überlegt er es sich anders und sagt: "Dann weißt du also, an wen du dich wenden musst, wenn du überschüssiges Geld hast."
     "Hör mal. Ich hab dir doch gerade gesagt, dass ich kein Geld habe." Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, im Dunkeln nach Tankstellenschildern Ausschau zu halten.
     "Wirst du schon noch, Spurgeon", sagt er. Er legt mir den Arm um die Schultern, als wären wir ein Pärchen auf dem Weg zum Abschlussball, und ich kann seinen Gefängnisgeruch riechen. Ich brauche ihn nicht anzuschauen, um zu wissen, wie sein Gesicht in diesem Augenblick aussieht. Inständig ernst, ein bisschen zu ehrlich. Wie bei einem Mann, der seiner Frau erklärt, warum er so spät nach Hause kommt. "Ich werde dir jeden Penny zurückzahlen. Das ist mein Ernst."
     "Ich glaube dir", sage ich und wuchte seinen Arm von meinem Nacken.
     "Du glaubst mir also", sagt er, "aber glaubst du auch an mich?" Er legt seinen Arm wieder dahin, wo er gewesen war, wie ein Bungalowviertel-Daddy, ein Amateurliga-Coach, der seinem Schützling gratuliert.
     "Ich glaube an dich."
     Sein Arm gleitet selbsttätig von mir ab, als er es sich mit diesem Wissen im Sitz bequemer macht und der Lederbezug unter ihm seufzt und stöhnt. Ich nehme die Ausfahrt, die eine Citgo-Tankstelle verspricht, halte an einer Zapfsäule. Zu dieser Jahreszeit sieht man normalerweise keine Insekten, aber die Mülltonne zwischen Diesel und Bleifrei wimmelt von Fliegen. Die Leuchtstoffröhren stottern an und aus, während ich anfange zu tanken. Ich höre, was meine Mutter sagen würde: dass mein Vater ein Kreuz ist, das ich tragen muss; dass die Bibel sagt: "Ein kleiner Knabe wird sie leiten", und den ganzen Scheiß, der sich im Wesentlichen darauf reduzieren lässt: "Er ist dein Vater. Dein Blut, nicht meins." Ray Bivens jr. lehnt sich gegen den Wagen und streckt sich. Dann putzt er die Windschutzscheibe mit einem Gummiwischer. Anschließend schnieft er und schaut sich um, als betrachte er die Landschaft. Als ich fertig getankt habe, sagt er: "Hey, Spurgeon. Wie wär?s mit ein paar Lappen? Im Knast haben die mich restlos gerupft."
     Ich gebe ihm einen Zwanziger und warte im Auto. Er bleibt, wie es mir vorkommt, eine halbe Stunde im Citgo-Shop. Er bleibt so lange weg, dass ich aussteige und die Wischstreifen beseitige, die er auf der Frontscheibe hinterlassen hat. Endlich kommt er mit einem Sixpack Schlitz und einer Familienpackung Maismehlchips mit Zwiebelgeschmack zurück. "Hör zu", sagt er und drückt mir ein Bier in die Hand, "wir müssen kurz in Jasper halten."
     Jasper, Indiana, ist da, wo seine Exfreundin Lupita wohnt.
     "Das wusste ich", sage ich und gebe ihm das ungeöffnete Bier zurück, bevor ich den Wagen anlasse. "Du steckst in Schwierigkeiten."
     Er reißt die Dose auf und macht dabei ein Gesicht, als sei er vom Schlitz ebenso enttäuscht wie von mir. Eine der Leuchtstoffröhren über uns gibt den Geist auf. "Wovon zum Teufel redest du?"
     "Warum müssen wir auf einmal nach Jasper fahren?"
     "Wenn du die Klappe hältst und nach Jasper fährst, wirst du?s schon noch rauskriegen."
     "Das ist Mamas Auto", erinnere ich ihn. "Sie will es wiederhaben."
     "Warum musst du so tun, als würde dich alles, worum ich dich bitte, umbringen? Du bist mein Sohn. Ich sag dir, was du tun sollst, du gehorchst."
     Ich gehorche und hasse mich dafür, während ich wende und aus der Raststätte rausfahre. Ich versuche, mir das Schlimmste vorzustellen, das ihn in Seymour erwarten könnte, male mir aus, wovor er wegläuft: Männer, die ihn mit vorgehaltener Kanone wie ein Paket verschnüren und die zwanzig Dollar einfordern, die er ihnen schuldet, Polizisten, die vor seiner Tür warten; aber diese Gedanken leiten rasch zu der einen und einzigen Sache über, die wir in Jasper antreffen werden: Lupita, die sich vor dem laufenden Fernseher die Zehennägel lackiert. Ich bin erst zweimal in Lupitas Wohnung gewesen, aber das ist mehr als genug. Da wimmelt?s von Vögeln. Riesige blau-goldene Aras. Gelbnacken-Amazonen. Allfarbloris, die einen mit ihrer fauligen Frugivoren-Scheiße bespritzen. Tonnenweise Vögel, und nicht mal eingesperrt. Ich glaube nicht, dass es meinem Vater auch nur einen Strich besser gefiel als mir, denen als Schlafbaum zu dienen, aber auf Lupita konnten die Vögel nach Belieben landen, und sie trug sie wie Familienjuwelen.
     Dann wird mir bewusst, dass das überhaupt der einzige Grund ist, warum er die Windschutzscheibe geputzt hat. "Du willst, dass ich dich und Lupita durch die Gegend fahre, damit ihr euch besaufen könnt. Das wusste ich."
     "Wenn du nicht die Klappe hältst ..."
     Ich rede nicht mit ihm, er redet nicht mit mir. Wir passieren eine Plakatwand mit der Aufschrift: WENN DAS LEBEN DIR LIMONEN GIBT, MACH LIMONADE DRAUS. Ich versuche, mir vorzustellen, was meine Mutter sagen wird. Sie weiß, dass ich ihn aus dem Gefängnis holen musste, deshalb hat sie mir den Wagen geliehen. Aber sie hatte nicht vor, Kaution zu zahlen, und es wird ihr bestimmt nicht gefallen, wenn ich erst um Mitternacht heimkomme und ihr Auto nach Zigaretten und Mad Dog riecht.
     Mein Vater sieht, dass ich am Kochen bin, und sagt: "Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir dein Geld zurückgeben werde, oder? Schön, morgen gibt?s einen Marsch. Eine Demo. Eine Million Menschen in Washington, D.C. Eine. Million. Menschen."
     "Nein", sage ich. "Lieber Gott, nein."
     "Genau", sagt er.
     Obwohl die Fenster geschlossen sind, spüre ich, wie ein kalter Luftzug durch mich hindurchgeht. Zu irgendeinem Zeitpunkt wollte ich an der Demonstration teilnehmen; ich stellte mir vor, sie würde ein so historisches Ereignis werden wie Martin Luther Kings Marsch nach Washington, so historisch wie der Fall der Mauer. Der Männerchor der Kirche meiner Mutter ging hin, aber ich hatte keine Lust, mit einem Haufen Kirchenlieder absingenden Männern in einem Bus eingeschlossen zu sein und mir dafür leidzutun, als Sohn des Ray Bivens jr. auf die Welt gekommen zu sein. Und wichtiger noch, ich habe ein Debattierturnier vor mir. Ich stelle mir vor, wie sich Sarah Vogedes, meine Debattierpartnerin, auf unsere Debatte über die Chinapolitik der USA vorbereitet und dabei immer wieder auf ihre Uhr schaut. Sie würde auf unsere Ersatzleute zurückgreifen müssen, vielleicht sogar auf Derron Ellersby, einen Basketballspieler, der sich so sicher war, dass er es in die NBA schaffen würde, dass er unserem Rede- und Debattier-Team beigetreten ist, "um bei den Interviews nach den Spielen flüssig reden zu können". Das ist derselbe Derron Ellersby, der seine Erwiderungen grundsätzlich damit abschließt, dass er auf mich zeigt und sagt: "Little Man hier klamüsert?s dann für euch auseinander", oder der in der Cafeteria auf mich zeigt und seinen Freunden sagt: "Little Man hat was drauf, yo! Führ mal vor, was du drauf hast!", als erwartete er von mir, dass ich mit meinem Thunfischauflauf eine Debatte führe.
     Ich habe in meinem ganzen Leben nicht einen Tag in der Schule gefehlt, und meine Mutter hat das von der Schulleitung schwarz auf weiß und gerahmt an der Wand hängen, aber der Gedanke an Sarah Vogedes? gelassenes Gesicht, das plötzlich in sich zusammenfällt, weil Derron der Gegenseite Recht gibt, erfüllt mich mit so etwas wie Seligkeit; ich stelle mir Derron vor, wie er, Notizkarten vor sich ausgebreitet, verwirrt dreinschaut, als wäre er bei einem Korbleger ausgetrickst worden, und sagt: "Yo! Sarah V! Wo is Little Man? Wo steckt er?"
     Ich bin ausnahmsweise froh, dass Ray Bivens jr. so konzentriert dabei ist, Pläne auszuhecken, dass er mich nicht lächeln sieht. Wenn er es sähe - wenn er auch nur entfernt ahnte, dass ich einverstanden sein könnte -, würde er einen Weg finden, die ganze Sache abzublasen.
     "Das ist in Washington, D.C.", erinnere ich ihn, "gut elfhundert Kilometer von hier."
"Ich weiß. Aber erst fahren wir nach Jasper", sagt er. "Die Vögel holen."


Strenggenommen gehören die Vögel nicht Lupita, sondern meinem Vater. Er hat sie gekauft, als er zu der Überzeugung gelangte, die Vögel seien eine "Investition". Er hat versucht, sie von Tür zu Tür zu verkaufen. Als das nicht funktionierte und er es sich nicht leisten konnte, sie zu behalten, hat Lupita angeboten, sich um sie zu kümmern. Sie kennt sich mit Vögeln aus, weil sie früher mal, mit fünf, in Guatemala einen Hahn hatte.
     Es ist vollkommen dunkel, und die Straße verrät ihre Geheimnisse nur eines nach dem anderen. Ich frage noch einmal, was er mit den Vögeln vorhat.
     Er erklärt mir, dass er plant, sie zu verkaufen.
     "Aber du bist sie das erste Mal doch auch nicht losgeworden."
     "Das erste Mal hatte ich auch keine Million potenzielle Käufer."
     Einen Moment lang hatte ich den Wunsch, zur Demo zu fahren, vielleicht sogar zu sehen, ob Ray Bivens jr. da wirklich etwas rausschlagen konnte, aber jetzt nicht mehr. Ich sage ihm, dass ich ihn nach Jasper, Indiana, fahren kann. Dass ich ihn sogar anschließend nach Hause fahren kann, was ursprünglich meine einzige Aufgabe gewesen ist, aber dass ich unter keinen Umständen die Schule schwänzen und mein Debattierturnier ausfallen lassen kann, um ihn nach D.C. zu fahren.
     "Willst du nicht dein Geld wiederhaben?", fragt er. "Ein einziger Ara bringt das Dreifache der Kaution."
     "Was sollen eine Million schwarze Männer mit einem Haufen Vögel anfangen? Und selbst, wenn du sie verkaufen könntest - wie willst du sie dort hinschaffen?"
     "Würdest du einfach fahren?", sagt er, schnalzt anschließend mit der Zunge gegen die Zähne und erzeugt dadurch ein Geräusch, das ebenso gut ein Fluch sein könnte. Er streckt sich in seinem Sitz aus, kommt dann wieder in Fahrt und erklärt mir, als litte ich an einem besonders heftigen Anfall von Amnesie: "Da werden Afrozentriker sein. Afrozentriker und Afrikaner, Tonnen von Afrikanern. Und was fehlt den Afrikanern am meisten? Genau. Das Land der Väter. Und was hat Mutter Afrika tonnenweise? Affen, Löwen, und rat mal, was noch? Vögel. Und nicht irgendwelche Stadttauben, sondern richtige Vögel, so wie die, die ich verkaufe. Aras und Kongo-Graupapageien. Loris und Gelbnacken und weiß der Geier." Er hätte ebenso gut "Da hast du?s" hinzufügen können.
     Er ist so dumm, dass er schon wieder brillant ist; steht so weit außerhalb jeglicher Rationalität, dass die Vernunft, mit ihm konfrontiert, nur noch stammeln und stottern kann. Ich sage nichts, überhaupt nichts, fahre einfach weiter, aber langsam, während meine Gedanken rasen. Er haut auf das Armaturenbrett, als würde er an eine Tür klopfen, damit ich Gas gebe.
     Erst einmal von der Interstate runter, wird die Straße so schmal und unbedeutend, dass sie ohne Weiteres in jemandes Vorgarten enden könnte. Die paar Läden, die wir von Zeit zu Zeit passieren, sehen geschlossen aus. Wir kommen durch Paoli Peaks und den Hoosier National Forest und erreichen schließlich Jasper.

Teil 3