Vorgeblättert

Leseprobe zu Skype Mama. Teil 3

11.03.2013.
Der letzte Sommer war ungewöhnlich heiß. Volle drei Monate fiel kein einziger Tropfen Regen, und die alten Leute gingen traurig durch ihre Gärten und sagten: "„Oje, oje, was soll nur werden, was soll nur werden?!“" Das Gemüse vertrocknete, und die Erde wurde so rissig, dass man in diese Risse die ganze Hand stecken konnte. Nur die Bäume kümmerten sich nicht um die Trockenheit, denn sie erreichten mit ihren Wurzeln das Grundwasser. Und wir kümmerten uns nicht darum, denn dafür hätte wir begreifen müssen, was Zukunft bedeutet. Aber wir wussten noch nichts von der Zukunft. Wir verbrachten jeden Tag, als wäre er ein ganzes Leben. Abends tauchten wir dann in einen tiefen Schlaf, und morgens wachten wir auf, erinnerten uns an nichts und jagten weiter.

Der jüngste Ort unserer Vergnügungen wurde der Klub, in den wir zum Tanzen gingen. Das heißt, die Mädchen gingen hin. Die Jungs galten nach den lokalen Gesetzmäßigkeiten als zu klein fürs Tanzen. Die Älteren ließen sie nicht rein. Also blieb unseren Jungs nichts anderes übrig, als draußen zu warten und durchs Fenster etwas von der verlockenden Welt aus Rauch, Flirt, Alkohol und Russenpop zu erhaschen. Das populärste Lied damals hieß "„Tutschi kak ljudi"“. Es wurde an einem Abend dutzende Male gespielt, und jedes Mal, wenn die ersten Noten erklangen, schrieen alle fröhlich „"Aaaa!"“ und klatschten in die Hände. Auf dem Nachhauseweg grölten wir dann aus voller Kehle, dass "„Wolken wie Menschen sind"“, und die von unserem Gegröle um Mitternacht aufgeschreckten Hunde bellten unzufrieden, aber doch als Zeichen der Zustimmung: "Ja, „Wolken sind einsam wie Menschen, doch nicht so grausam“."
     Die Hrynkow-Schwestern waren unbestritten die Stars im Klub. Sie waren, für uns überraschend plötzlich, keine Kinder mehr und verwandelten sich in hübsche junge Nymphen. Sie schnitten ihr pechschwarzes lockiges Haar ab und färbten es schließlich blond. Und abgesehen davon, dass das für uns alle ein Trauma war, blieben die Zwillinge die schönsten Menschen, die wir kannten. Sie hatten als erste Schuhe mit hohen Absätzen, sie benutzten als erste Lippenstift, sie waren die ersten, die ihre perfekten Knie frei ließen, sie rauchten als erste, sie probierten als erste Alkohol und Männer. Die Zwillingsmädchen fuhren auf die andere Seite des Flusses. Wir aber blieben uns selbst überlassen, traten beleidigt auf der Stelle und konnten nur von Ferne ihren triumphalen Einzug in die Erwachsenenwelt beobachten.
     Die Zwillinge verbrachten immer weniger Zeit mit uns und immer mehr Zeit mit unbekannten Männern. Unsere Bande fiel auseinander. Das, wofür wir bis gestern gelebt hatten, interessierte die Hrinkow-Mädchen jetzt nicht mehr. Sie wurden in teuren Autos abgeholt, stiegen geschminkt und parfümiert ein und wurden nach Kolomea oder Frankiwsk gefahren. Erst am Nachmittag des nächsten Tages kamen sie müde und blass zurück, die Schminke im Gesicht verschmiert. Wir warteten geduldig auf sie und verziehen ihnen alles.
     Unsere Versammlungen vergingen nun in quälendem Schweigen. Die Hrinkow-Schwestern lackierten sich in der Zeit die Nägel und sagten zu uns: "„Na, erzählt mal was“." Dann erzählten wir und wunderten uns selbst, wie lächerlich und kindisch plötzlich unsere alten Geschichten klangen. Die Puten kollerten nicht mehr in ihrem Gatter. Sie waren im Winter geschlachtet und verkauft worden, weil die Zwillinge sich nicht mehr um sie hatten kümmern wollen. Die uralte Großmutter saß noch immer am Fenster ihrer Hütte und lächelte uns zu, als würde sie sich verabschieden.
     Man müsste zu Fedirko auf den Dachboden und endlich herausfinden, was dort ist, schlugen wir unsicher vor. Doch die Hrinkow-Schwestern rasierten sich nur gelangweilt die Beine.
     Vor Fedirko fürchteten wir uns schon lange nicht mehr. Wir hätten jetzt sofort zu ihm auf den Dachboden klettern können. Aber plötzlich faszinierte niemanden mehr das Geheimnis unserer ganzen Kindheit. Fedirkos Mutter war gestorben, der Hund krepiert, und für uns wurde uninteressant, WAS DORT IST, bei Fedirko auf dem Dachboden. Was sollte dort anderes sein als Ratten und alter Kram.
     Für kurze Zeit kamen die Hrinkow-Eltern aus Griechenland. Diesmal brachten sie aber nichts mit. Sie schlossen sich mit den Töchtern ein und schimpft en so laut, dass wir draußen auf der Straße jedes Wort hören konnten. Die Eltern schrieen, dass sie den Mädchen kein Geld mehr schicken würden, wenn sie sich nicht sofort anders benähmen. Die Zwillinge antworteten, dass sie das Geld der Eltern nicht bräuchten, weil sie ihr eigenes hätten, und überhaupt "„fahrt in eurer Griechenland zurück, euch brauchen wir hier auch nicht mehr“." Die Eltern fuhren mit gesenkten Köpfen wieder ab. Wir verabschiedeten sie alle gemeinsam, und sie sagten
zu uns: "„Seid brav."“

Als die Leute dann jeden Tag in der Kirche um Regen beteten, weil die Erde schon so trocken war, dass Leute in die Risse fielen, gerade da kamen eines Nachts Diebe ins Dorf und stahlen alles, was irgend wie von Wert war. Die Diebe kannten jedes Versteck und waren schnell, so als hätten sie einen genauen Plan mit Ein- und Ausgängen und Markierungen all dessen, was sie wo mitnehmen konnten, wo sie auf Erwachsene und wo nur auf alte Leute stoßen würden, wo Hunde waren und wo nicht. Fedirko verteidigte seine Festung mit dem Stock in der Hand. Die Diebe verprügelten ihn und banden ihn an einem Stuhl fest. So saß er tagelang da, weil niemand auf die Idee kam, zu ihm zu gehen. Andere, die in jener Nacht das Pech hatten, nicht zu schlafen, brachten die Diebe mit Klebeband zum Schweigen, und einem Mann, der sein altes Moped verteidigte, stießen sie ein Messer in den Bauch.
     Am Morgen rauchte das Dorf, als hätten es die Tataren heimgesucht. Die Leute waren aufgebracht. Jemand aus dem Dorf musste die Diebe hergeführt haben. Der Verdacht fiel natürlich gleich auf uns, und die Polizei wurde gerufen.
     Da kochten wir ein letztes Mal Eier, machten Brote mit Zwiebeln und liefen auf die fernen Felder, um uns zu verstecken. Diesmal fanden wir das nicht lustig. Als wir flohen, zertraten wir mit den Schuhsohlen achtlos die Walderdbeeren und machten keine Witze mehr. Alle schauten einander misstrauisch an, um herauszufinden, welcher einstige Freund nun ein Verräter war. Wir hatten schon einen Verdacht, wer uns verraten haben könnte. Unsere Zwillingsschwestern. Und dieser Verdacht zerfraß unsere Seelen, wir fühlten uns wie betrogene Untertanen, die ihrem listigen König blind gefolgt waren und nun dafür bezahlten. Die Zwillinge wussten, dass wir sie verdächtigten, sagten aber kein einziges Wort zu ihrer Verteidigung. Sie hielten sich abseits, und ihre stolzen, kurz geschnittenen und blondierten Haarschöpfe konnte man im bleichen Gras unter der Augustsonne kaum sehen.
     Früher als sonst, nach nur zwei Tagen, flatterte auf dem Dach von Wasyl eine weiße Flagge als Zeichen, dass die Polizei weg war und wir gefahrlos zurückkehren konnten. Aber als wir ins Dorf kamen, empfing uns eine bewaff nete Einheit von Gesetzeshütern. Überrascht, dass auch Wasyl uns verraten hatte, ergaben wir uns kampflos.
     Die Zwillingsschwestern wurden in einem gesonderten Auto abtransportiert, wahrscheinlich damit wir uns keine gemeinsame Geschichte ausdenken konnten. Aber wir hätten uns auch so nichts ausgedacht. Wir hassten uns alle miteinander und jeden einzelnen. Wir hassten uns selbst. Wir hassten die Ruine, in der wir geboren worden waren. Wir hassten den Krieg, der uns die Eltern genommen hatte. Wir hassten Polen, wir hassten Italien und Portugal, und dich, Königin aller Länder, dich Hellas, hassten wir am meisten.

Nachdem wir mehrere Stunden verhört worden waren, holten uns unsere Verwandten ab. Die Zwillingsschwestern hielt man am längsten in der Polizeistation fest, vielleicht eine Woche. Dann ließ man sie gehen, doch die Sache mit dem Raub war damit noch nicht erledigt. Die Zwillinge sollten für mindestens fünf Jahre in eine Strafk olonie für Jugendliche kommen. Die alte Großmutter der Hrinkow-Schwestern schrieb einen Brief nach Griechenland: "„Kommt nach Hause und kümmert Euch um Eure Kinder“". "„Wir kommen in einem Monat“", war die Antwort.

Ich sah die Zwillingsschwestern danach nur noch ein einziges Mal. Ich traf sie zufällig beim Einkaufen. Sie sagten mir leise, ohne Erklärung und ohne den leisesten Hauch von Scham: "„Wir waren das nicht.“"

Doch ich drehte mich angewidert weg und ging. Untertanen verzeihen ihrem König nicht, wenn er sie verrät.

An einem der Abende kurz danach holte ein Auto die geschminkten und parfümierten Hrinkow-Schwestern ab und fuhr in die süße Ungewissheit der Dämmerung. Auf der Chaussee nach Frankiwsk verlor der Fahrer die Kontrolle über den Wagen. Wie sich später herausstellte, hatte er zwanzigmal mehr Alkohol im Blut als erlaubt. Die Zwillinge waren auf der Stelle tot. Der Junge, der bei ihnen war, verblutete im Krankenhaus. Der Fahrer überlebte, blieb aber sein ganzes Leben ans Bett gefesselt. Seine Eltern waren übrigens auch im Ausland, ich glaube in Deutschland.
     Die Hrinkow-Eltern kamen gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung. Sie zu sehen, war schrecklich. Die Mutter warf sich auf die Särge der Töchter und verfluchte die ganze Welt, Gott und Griechenland eingeschlossen. Sie schrie, dass sie alles nur für sie getan hätte, damit sie es besser hätten als sie selbst, und dass sie auch unter die Erde wolle, denn sie sei genauso tot. Und bald würde auch sie zerfallen und die ganze Welt verpesten. Wir standen hilflos daneben und versteckten uns hinter den Rücken unserer Eltern. Die waren nämlich, von den Geschehnissen aufgeschreckt, nach Hause geeilt, um den eigenen Nachwuchs zu retten.
     Und dann kam der Regen. Es schüttete so stark, dass der Pfarrer die Grabrede abbrechen musste. Man versuchte schnell das Loch zuzuschütten, doch es sammelte sich immer mehr und mehr Wasser darin, so dass die beiden Särge wie Boote herum schwammen. Jemand sagte: „"Gelobt seiest du, Regen“". Und es regnete und regnete, regnete und regnete, und es wusch unsere Waisenkindertränen fort.

Es war eine lustige Zeit. Es war eine gefährliche Zeit. Wenn ich an die Plätze unseres einstigen Ruhmes komme, sehe ich dort verschwommen im Nebel die erstarrten Kindergesichter. Ich höre ihre Stimmen und sehe pechschwarze Locken, die wie Reif auf die fernen Felder fallen. Ich treffe oft Wasyl, der als einziger noch im Dorf wohnt. Er ist nicht verheiratet. Er hütet das Vieh, liest viel und redet wenig. Er redet immer weniger, eigentlich fast überhaupt nicht mehr. Er hat zum Beispiel nie gesagt, dass nicht er die weiße Flagge auf seinem Dach gehisst hatte, sondern dass das Iwanotschka war, die sich für die Sonnenblumen rächen wollte. Höchstwahrscheinlich war sie es auch, die die Diebe ins Dorf gelotst hatte. Sie hat das wichtigste Gesetz der Diebe nicht befolgt: nämlich nicht bei den Seinen zu stehlen. Zuletzt bestahl sie ihre eigene Großmutter und verschwand dann in die Vereinigten Staaten, wo niemand sie kennt. Die Eltern der Zwillinge ließen sich für immer in Griechenland nieder. Es hielt sie hier nichts mehr. Fedirko bewacht noch immer wer weiß vor wem seine Schätze. Er hat eine neue, noch höhere Eisenwand gebaut. Vielleicht zu Recht Denn über die Weiden und durch fremde Gärten jagen jetzt neue Kinder. Sie haben uns abgelöst, voller Energie und berauscht von ihrer Freiheit. Danke dir, Polen! Danke euch Italien und Portugal! Danke dir Hellas, du Königin aller Länder!

Aus dem Ukrainischen von Kati Brunner

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Auszug aus "Skype Mama" mit freundlicher Genehmigung der edition.fototapeta

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