Vorgeblättert

Leseprobe zu Paul Leautaud: Kriegstagebuch 1939-1945. Teil 1

17.02.2011.
1939

Montag, 17. April. - Ich habe mir einen Revolver gekauft. Ein ganz altmodisches amerikanisches Modell, das nur 4 Schuß hat und mich in der Auslage eines Waffenhändlers auf dem boulevard Saint-Germain (gegenüber der Societe de Geographie) verlockt hatte. 150 Francs. Ich habe 67 Jahre alt werden müssen, ehe ich einen solchen Gegenstand besitze.

Montag, 22. Mai. - Beim Ordnen der Unterlagen für meine letzte Theaterkritik finde ich folgende Aufzeichnung:
     Schriftsteller sein heißt, in seinen Schriften einen Menschen, einen Charakter, einen Geist, Vorzüge oder Mängel, Beobachtungs- und Urteilsgabe, Fortschrittlichkeit zeigen; es heißt, eine kleine oder große, erfreuliche oder unerfreuliche Persönlichkeit bekunden - was, ist gleich. Es heißt außerdem, einen eigenen Stil haben, an dem man den Autor erkennt, ohne seine Signatur zu sehen; es heißt nicht, nur ein Fabrikant von Romanen und anderen Arbeiten sein, mit denen man seine Miete bestreitet.

Donnerstag, 20. Juli. - Das einzige, was zählt, ist: nicht mittelmäßig zu sein.

Freitag, 1. September. - Hitler hat Polen angegriffen, mitten während der Verhandlungen, kann man sagen. Heute allgemeine Mobilmachung in England und Frankreich. Italien rührt sich nicht, und die beiden Spießgesellen verhüllen das mit einem Brief Hitlers an Mussolini, worin er ihm mitteilt, er brauche seine Unterstützung nicht.
Ich habe mich heute abend entschlossen, mir im Gemeindeamt eine Gasmaske zu holen. Es ist nicht auszuhalten. Als sie mir angepaßt wurde, mußte sie mir sofort wieder abgenommen werden; ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.

Dienstag, 5. September. - Wir stehen mit Deutschland im Krieg. England seit dem 3. September mittags, Frankreich seit demselben Tage, 17 Uhr.
     Ich mußte denken, daß eines so gut wie das andere ist. Hitler will sozusagen Europa kolonisieren. Frankreich, England, Italien - wir alle haben friedliche, harmlose Völker kolonisiert, die still vor sich hinlebten, niemand um etwas baten, und mit Waffen, gegen die sie sich nur mit Spielzeug verteidigen konnten, haben wir ihnen ihren Besitz genommen. Höherstehende Rassen, die niedrigstehenden Rassen Zivilisation und Fortschritt gebracht haben. So heißt es bei uns. Man müßte wissen, was die Besiegten davon halten. Ich wiederhole: das eine ist so gut wie das andere.
     Letzte Nacht, gegen drei Uhr früh, erster Alarm mit Sirenen. Eine grauenhafte, langsam hingezogene und schwankende Melodie, ein Angst- und Verzweiflungsruf. Man hätte wirklich etwas anderes wählen können. Die Zeitungen melden nichts über den Weg, den die deutschen Flugzeuge genommen haben. Die verschiedensten Gerüchte sind in Umlauf. Sie sollen bis nach Senlis gekommen sein. Sie sollen Lyon und Rouen bombardiert haben. Im übrigen spricht man diesem Angriff nur "Erkundungs"-Charakter zu. Wenn die deutschen Flugzeuge das "Terrain" kennen, können wir uns sicherlich auf allerhand gefaßt machen.
     Wie lange wird dieser Krieg dauern? Welchen Ausgang, welches Ergebnis wird er haben? Wie wird nach einem solchen Abenteuer die Gesellschaft aussehen? Nichts läßt sich sagen. Und die Literatur? Als ich am Sonntag mit Marie Dormoy (1) über das Manuskript meines Tagebuches sprach, das bei einem Vetter von ihr im Departement Seine-et-Oise in Sicherheit gebracht ist, sagte ich: welches Interesse werden diese Papiere möglicherweise haben?


1940

Freitag, 14. Juni. - Ich komme in Paris an. Nach meiner Gewohnheit überquere ich den boulevard Saint-Michel, um auf den Gehsteig der rue de Medicis am Luxembourg zu gelangen. Dort, dem (geschlossenen) großen Eingangstor zum Garten gegenüber, mit dem Polizeitelefon-Apparat am Rande des Gehsteigs beschäftigt, ein deutscher Soldat neben einem Polizisten, der ihm wohl die Funktionsweise des Apparats zeigt. Mir hat das überhaupt nichts ausgemacht. Ich bin nicht einmal stehengeblieben, um ihm zuzugucken.
     In der Metro erzählt ein Einwohner von Fontenay, er sei gerade am boulevard Haussmann vorbeigekommen. Dort stand ein deutscher Soldat Posten. Eine Gruppe von Leuten hatte Mühe, die Straße zu überqueren, eine Gruppe junger Leute mit Fahrrädern. Er hat sich zu ihnen bemüht, hat ihnen geholfen, die Straße zu überqueren, aufs liebenswürdigste, in ausgezeichnetem Französisch. Wie dieser Mann sagt: "Das ist ausgezeichnete Propaganda." Ich will hinzufügen: "Diese Soldaten müssen ausgesucht worden sein."
     Die Flugzeuge, die man hört und sieht, sie fliegen sehr tief, sind deutsche Flugzeuge.
     Hitler hat einen eintägigen Vorsprung. Als Tag seines Einzugs in Paris hatte er den 15. genannt.
     Das Ärgerlichste ist das Fehlen von Zeitungen und Briefen.
     Es ist Mitternacht. Bei mir brennt noch Licht. Wenn eine deutsche Streife vorbeikäme! Es könnte wohl sein, daß sie neugierig wird. Zum Glück verbergen mich meine Bäume.
     Während ich mit meinen Nachbarn spreche, kommt eine junge Frau vorbei. Sie erzählt, alle müßten um fünf Uhr nachmittags in ihren Häusern sein, es sei am Gemeindeamt angeschlagen. Ich glaube das nicht. Ich werde schauen gehen. Auch müssen anscheinend
Uhren und Taschenuhren eine Stunde vorgestellt werden, damit sie nach deutscher Zeit gehen.
     Anscheinend muß man auch die Waffen, die man im Hause hat, beim Gemeindeamt abgeben. Man erhält darüber eine Quittung. Be kommt sie später zurück. Ich habe einen Bürgersäbel aus dem 18. Jahrhundert, einen kleinen amerikanischen Revolver, vierschüssig, mit winzigen Kugeln, eher eine Kuriosität. Die behalte ich.
     Eine Putzfrau erzählt: vorhin ging eine Frau mit drei Kindern über die avenue de Châtillon, auf den Armen ein ganz kleines viertes Kind. Sie kommt an einer kleinen Gruppe deutscher Soldaten vorbei, die am Straßenrand sitzen. Einer von ihnen steht auf, geht auf sie zu, nimmt ihr das Kind aus den Armen. "Sie können sich vorstellen, wie der zumute war, nach allem Gerede darüber, was sie den Kindern antun." Der Soldat hat das Kleine einem seiner Kameraden auf die Knie gesetzt und die Gruppe fotografiert. Danach hat er das Kind wieder der Mutter in die Arme gelegt. Er hat dann Schokolade aus seiner Tasche geholt und jedem der Kinder ein Stück davon gegeben. "Die Frau hatte noch immer eine Heidenangst. Sie wissen ja, was man uns eingeschärft hat: bloß nicht die Bonbons aufheben ? Selbst die Kinder mochten sie nicht. Der deutsche Soldat: 'Mangez. C?est bon. Gentils petits Français. Pas avoir peur ?' Dabei steckt er ihm selber die Schokolade in den Mund."
     Vorhin sagte ich zu meinem Nachbarn Gafenco: der Einzug Hitlers nach Paris, die deutsche Armee in Paris, die Schande und die Verzweiflung der Franzosen! Und der Einzug Napoleons nach Berlin, und die französische Armee in Berlin, und die Schande und die Verzweiflung der Deutschen! Das eine wiegt so schwer wie das andere, oder doch nicht schwerer. Die Dinge haben die Seite vertauscht, das ist alles. Hitler ist in seiner Rolle. Wir brauchten nur in unserer zu sein.

Montag, 17. Juni. - Es ist vorbei. Feindseligkeiten eingestellt. Die Deutschen wollten keinen Vertrag mit dem Kabinett Reynaud abschließen. Das würde den Wechsel in der Regierung erklären. Gafencos Schwiegersohn erzählte auch, die Deutschen kauften in denKonfektionsk aufhäusern alles, was sie finden. Zahlten in Mark. Eine Mark ist offenbar zwanzig Francs wert.
     Die Niederlage ist mir völlig gleichgültig. Genauso gleichgültig wie der erste Anblick eines deutschen Soldaten neulich morgens. Sie ist der Preis für allzu viele Dummheiten, Unfähigkeiten, Voraussichtslosigkeiten, für allzu vieles Aushecken von Streichen. Das zählt für mich mehr.
     Die meisten meiner Nachbarn weg. Guillons Kinder, diese Brüllaffen, weg. Die Straßen ruhig. Das alles wird wiederkommen. Aus mit meiner Ruhe. Sie wird kurz gewesen sein. Allerdings werden die Verhandlungen Zeit erfordern. Die Besatzung wird anhalten. Regierung Petain.

Dienstag, 18. Juni. - Die Gestapo ist im Hotel Lutetia.
     Wie es heißt, haben sie das Hakenkreuz auf der Spitze des Eiffelturms, auf dem Rathaus gehißt; auf der Abgeordnetenkammer wollten sie es nicht hissen, die sei dessen nicht würdig. Alles, was Verachtung für diese Versammlung von Gaunern und Nichtskönnern ausdrückt, freut mich.
     Der Mercure geschlossen. In der rue de Conde 9 sehe ich die Vertreterin der Concierge. Bernard ist in Paris. Er ist heue morgen gekommen. Der Mercure wird wie vereinbart am 24. wieder aufmachen.
     Das hübsche Louis XIV-Haus aus erkennbar roten Ziegeln, in dessen Erdgeschoß die Buchhandlung Lemasle ist, zwei Schritte von der Buchhandlung Champion entfernt. Ich bleibe stehen. Ich zeige es Georgette: "So etwas werden sie nie bauen können." So schlicht, so elegant. Wie unsere Literatur, leicht, geistvoll, spöttisch, unter ihrer Leichtigkeit so voller Ideen. Wie in der Malerei eine Abfahrt nach Kythera, dieses Wunderwerk, das keine Kunstkritik erklären kann, vor dem man nur, vor Bewunderung verstört, stehen kann und von dem sie übrigens in Berlin das schönste Exemplar haben. Sie sind viel zu plump an Geist und Körper, viel zu sehr in Metaphysik und zähflüssige Romantik verrannt.
     Die Sonne scheint höllisch heiß. Seit mehr als einer halben Stunde machen wir kleine Schritte. Um eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen, gehen wir in eine kleine Bar mit Tabakverkauf am boulevard des Capucines 9, zwei Schritte von der place de l?Opera entfernt, an der Stelle, wo früher Liberty war. Draußen vor dem Lokal deutsche Soldaten. Weitere hinten im Saal. Wir finden einen Tisch weit weg von den einen wie den anderen, genau vor der Theke der Tabakverkäuferin. Georgette fängt eine Unterhaltung mit ihr an. Ich tue es ihr nach. Sie erzählt uns: "Die Deutschen äußerst höflich, benehmen sich sehr gut, keinerlei Herausforderung" (das sind ihre eigenen Worte). Bezahlen alles, was sie kaufen. In allen Kaufhäusern des Viertels sind alle Seidenstrümpfe weggegangen, vor allem höhere Größen. Letzten Montag sind an die tausend französische Gefangene auf offenen Lastwagen über den Boulevard gefahren. (Das ist eine typisch deutsche Taktlosigkeit.) Ein Offizier ist zu der Tabakfrau gekommen. Er hat alle Zigarettenpäckchen gekauft, die sie hatte, und hat sie den Gefangenen auf den Lastwagen zugeworfen. Zu der Frau hat er gesagt: "Warum haben die Franzosen uns den Krieg erklärt? Wir wollten ihnen nichts Böses, wir hatten nichts gegen sie." Scheinheiliger!
     Die Deutschen, denen man begegnet, größtenteils große und stämmige Burschen (ich dachte an den Kontrast: die "kleinen Franzosen"), sehr gut ausgestattet, Uniformen, Stiefel, kurzgeschorener Schädel, rasiertes Gesicht. Ab und zu ein Offizier mit dem Hitlerbart und ein Rothaariger mit viehisch-dreckigem Gesicht.
     Wir verlassen die Bar. Nebenbei: eine Zitronade und ein Schluck Kaffee: 8 Francs. Wir kommen am Napolitain vorbei. Draußen alles voll: französische Zivilisten und deutsche Soldaten und Offiziere in Ellbogennähe. Auch die Nutten zeigen sich allmählich.
     In Fontenay sieht man vom Krieg sehr wenig, nur ein paar vereinzelte Deutsche fahren auf dem Motorrad durch, und zu Hause, ich wohne ja etwas abseits der Stadt, abgeschirmt in meinem großen Garten, hat sich an meinem Leben nichts geändert. Als gäbe es die Stadt nicht.

Mittwoch, 19. Juni. - In Paris angekommen. Ich gehe zum Mercure. Ich klingele, weil ich wissen will, ob jemand da ist. Die Vertreterin der Concierge kommt mir aufmachen. Bernard und Mandin sind da. Bernard wettert gegen Duhamel, der "abgehauen ist", wie man sagt, nachdem er alles Geld genommen hatte, das der Mercure ihm schuldete, ohne sich darum zu kümmern, was aus dem Verlag würde. Abgereist, um in Rennes wieder als Militärarzt (Major) zu arbeiten. Bernard sagt: "Die Deutschen sind in Rennes. Das freut mich so richtig für Duhamel. Er wird mit ihnen zu tun bekommen."Ich weiß nicht, ob ich mir werde verkneifen können, zu Duhamel zu sagen: 'Alles, was recht ist, mein lieber Freund, Sie haben uns sitzen lassen!'"
     Ich vergaß festzuhalten: in Les Batignolles hat man eine Frau hingerichtet, die einem deutschen Soldaten ins Gesicht gespuckt hat.

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