Vorgeblättert

Leseprobe zu Paul Leautaud: Kriegstagebuch 1939-1945. Teil 2

17.02.2011.
1941


Montag, 6. Januar. - La France au travail, ein widerliches Blatt: antisemitische Angriffe in Polizeiton, Denunziationen jeder Art, vielleicht sogar Erpressungen, könnte man denken. Ich lese es aus Lust am Ekel. In einem Artikel über den Kaffee schreibt Dyssord (im selben Blatt): das Getränk, das Voltaire so sehr liebte und im Übermaß genoß - und woran er starb.

Mittwoch, 8. Januar. - Wegen der schwachen Beheizung ist das ganze Leben im Hause auf mein Schlafzimmer konzentriert: die Meerkatze auf dem Heizkörper, die Hündin Miss auf ihrem Sofa; auf ihr liegen zwei oder drei Katzen. Der Hund Toto liegt am Fußende meines Bettes, drei oder vier Katzen liegen mit mir im Bett, ein oder zwei andere darauf, die Hündin Barbette ist in der Nebenkammer, deren Tür mit einem Gitter versperrt ist. Wenn irgendwelche Leute das sähen, würden sie - allen voran Marie Dormoy - rufen: "Daß man so leben kann!" Aber es ist wunderbar, es ist köstlich; ein ständiges Vergnügen: das Einvernehmen zwischen Katzen und Hunden, die Gesichter, die die Meerkatze macht, wenn sie das Treiben der einen und der anderen beobachtet und mit ihren kleinen Schreien auf sie einredet; manchmal nimmt sie die eine oder die andere Katze neben sich auf dem Heizkörper auf. Nur ein Schatten fällt darauf: der Gedanke an diejenigen, die nicht mehr da sind.

Freitag, 10. Januar. - Die neueste Nummer der NRF: die "Literatur" feiert darin verheerendste Urständ.
     Drieu La Rochelle war gut unterrichtet, als er es mir ankündigte: Hauptmann Kaiser, der Duhamel den Garaus gemacht hat, ist nach Deutschland zurückversetzt worden, und mit ihm ein General.

Dienstag, 21. Januar. - Zu Brennstoff habe ich in den beiden vergangenen Wochen verwandelt: eine Leiter, einen alten Schrank, einen Holzsessel und einen riesigen, sehr schweren Tisch. Eine gute Tat. Man hat immer zu viele Möbel.

Mittwoch, 22. Januar. - Unter den gegenwärtigen Umständen kann man noch von Glück sagen, wenn man gesund ist, etwas Geld, eine Anstellung hat, auch bei herabgesetzter Bezahlung, und wenn man angesichts der Besatzung, die uns doch zu etwas wie Gefangenen
macht, die Freiheit seines Zuhause behalten hat und darin sein eigener Herr bleibt.

Mittwoch, 5. Februar. - Mit meiner Bäckersfrau am carrefour de l?Odeon stehe ich mich sehr gut. Sie hat mir ganze Kilo Zucker, Honig, Dosenmilch, Zwiebäcke verkauft, täglich bis zu drei Brote ohne Marken gegeben, einen Block reinen Kakao, Schokolade und fünfkiloweise "Kaffeebohnen" (Bonbons). In ihrem Laden und sogar in ihrem Hinterzimmer bin ich wie zu Hause.

Sonntag, 9. Februar. - Die Arbeitslosen aus Fontenay sind zum Freiräumen der Straßen erfaßt worden, wo der Verkehr unmöglich und infolge der Schneelawinen gefährlich war. 60 Francs am Tag. Nach zwei Tagen haben diese Individuen sich zusammengetan und 10 Francs mehr verlangt. Wie schwach muß die Energie, muß die Autorität in Frankreichs Direktorien geworden sein. Diesem Lumpenpack müsste man sagen: "Ihr werdet diese Arbeit tun. 60 Francs am Tag. Wenn ihr euch weigert, wird jegliches Arbeitslosengeld sofort und für immer gestrichen. Und auf Ordnungswidrigkeiten steht Haftstrafe."

Montag, 10. Februar. - Heute morgen die Februarnummer der NRF bekommen. Auf der Umschlagrückseite, in der Liste der Mitarbeiter ("In den kommenden Nummern") ist mein Name noch immer weggelassen. Ich wollte Paulhan sehen, um von ihm zu erfahren, ob er etwas darüber weiß, was Drieu La Rochelle mit mir vorhat. Er ist nur zwischen 5 und 7 Uhr da, und auch nicht jeden Tag.
     Das Honorar für meine Kritik in der Januarnummer habe ich erhalten, fünfhundert Francs.

Freitag, 14. Februar. - Wir kommen der Freiheit immer näher. Das Justizministerium bereitet anscheinend einen Gesetzentwurf vor, der jedem Hausbesitzer zur Pflicht macht, Wohnraum an kinderreiche Familien zu vermieten. Nicht nur der Freiheit kommen wir immer
näher, sogar der Gerechtigkeit, wie man sieht.
     Louise Faure-Favier erzählt mir, sie habe die Gebäude von Port-Royal-des Champs vor der Beschlagnahme gerettet. Sie hatte sich dort eingerichtet. Die Deutschen kamen. Der Offizier: "Wir möchten die Räume beschlagnahmen." Sie antwortete: "Aber Herr Offizier, ich bitte Sie! Sie können unmöglich das Haus von Racine und Pascal beschlagnahmen! Wären die Franzosen im vorigen Krieg in Weimar gewesen, sie hätten doch nicht Goethes Haus beschlagnahmt." Wie sie mir sagte, hatte es ihr am Ende dieser Antwort die Stimme verschlagen. Der Offizier habe sich verbeugt: "Schon gut. Wir beschlagnahmen nicht." Nur ihre Pack- und Lastwagen haben sie im Park abgestellt und ihn in einen jämmerlichen Zustand versetzt.

Montag, 17. Februar. - Nach allem, was Combelle mir von Celine erzählt hat, verdient er Achtung und Sympathie. Ein wüster Menschenhasser. Combelle hat mir folgenden Ausspruch von ihm zitiert: "Nicht Arzt hätte ich werden sollen, sondern General. Ich hätte die Menschen in den Tod schicken - oder sie retten können." Sein erstes Buch Reise ans Ende der Nacht wurde von Gallimard abgelehnt. Von einem zweiten Verleger ebenfalls abgelehnt. Celine nimmt einen Bogen Packpapier, wickelt sein Manuskript hinein und hinterlegt es ohne Angabe einer Adresse, nur mit "Celine" gezeichnet, eines Samstagabends beim Hausmeister des Verlegers Denoël. Denoël liest, begeistert, hingerissen, und über einen Bekannten, dem er davon erzählt, gelingt es ihm herauszubekommen, daß Celine Doktor Destouches ist. Er war Arzt in einer Ambulanz am Stadtrand oder in den Außenbezirken. Wegen seines Antisemitismus abgesetzt von Leon Blum (ach nee! das also war die Freiheit, die der Front populaire für sich beanspruchte!). Gide findet zwar das Vokabular seiner Bücher und seine Unflätigkeit schockierend, meint aber, dass darin geniale Seiten seien und er stellenweise an Rabelais heranreiche. Er kann Gallimard nicht verzeihen, daß er Reise ans Ende der Nacht abgelehnt hat.

Dienstag, 18. Februar. - Combelle hat mir auch erzählt - und hat es bestimmt von Drieu La Rochelle, der seit Jahren mit ihm in Verbindung steht und der ihn häufig sieht -, daß Otto Abetz, heute deutscher Botschafter in Frankreich, tief enttäuscht, entmutigt, innerlich getroffen ist davon, wie wenig Neigung er bei der Mehrheit der Franzosen zu einer Annäherung an und einer Kollaboration mit Deutschland verspürt, entdeckt. Für ihn war es eine Sache, die keine Schwierigkeiten bereiten würde, und dafür hatte er sich bei Kanzler Hitler verbürgt. Wenn er nach Deutschland fährt, um ihn aufzusuchen, sagt er zu Drieu La Rochelle: "Ich bin stets darauf gefaßt, daß er mir sagt: 'Je nun, Abetz, Sie haben sich geirrt!' Und an dem Tage fliege ich auf!" Drieu La Rochelle tröstet ihn nach Kräften, richtet ihn wieder auf, spricht ihm Mut zu: "Machen Sie weiter, Abetz! Halten Sie durch. Lassen Sie sich nicht kleinkriegen. Lassen Sie in Ihren Bemühungen nicht nach. Am Ende werden Sie Erfolg haben."
     Otto Abetz, mit einer Französin verheiratet, lebt seit langem in Frankreich und ist anscheinend ein großer Franzosenfreund. Zudem ein Mann, mit dem man, bei größter Aufmerksamkeit und größtem Verständnis seinerseits, die dornenreichsten Fragen diskutieren kann.

Donnerstag, 20. Februar. - Wer aus einer Zone in die andere über wechselt, wird durchsucht. Diejenigen, die ohne gültigen Passierschein erwischt werden, kommen ins Gefängnis. Frau F., die nach Paris gekommen ist (sie hält sich hier seit mehreren Wochen auf), hat Schwierigkeiten mit der Rückkehr, denn wenn man ihr einen Passier schein für den Wiedereintritt in die freie Zone ausstellt, muß sie rechtfertigen und erklären, wie sie hat herüberkommen können. Das bringt sie in große Verlegenheit, denn sie will auf keinen
Fall, daß die Leute, die ihr den Übertritt erleichtert haben, Ärger bekommen.

Samstag, 22. Februar. - Die Dritte Republik hat nichts gebracht, es sei denn im Sinne gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und geistiger Unordnung.

Dienstag, 25. Februar. - Die Männer, die heute mit Hitler an der Macht sind, sind dieselben, die mit ihm die politische Bewegung des Nationalsozialismus angefangen haben, unter Einsatz ihrer Freiheit und sogar ihres Lebens. In seiner letzten Rede an das deutsche Volk rühmt er ihre Treue in dieser Hinsicht. Er hat recht. Das ist etwas.

Montag, 3. März. - Heute morgen die Märznummer der NRF bekommen. Fast das ganze Heft unlesbar. Die Phrasendrescher werden mir immer verhaßter.

Freitag, 7. März. -
Vorhin ein hübscher Ausspruch von Bernard, der zweimal in der Woche drei deutsche Offiziere zum Essen bei sich hat: "Das ist würdelos. Es gibt Leute, die um die Deutschen katz buckeln, vor ihnen auf dem Bauch kriechen. Gerade erfahre ich, daß S. morgen mit Leutnant Heller essen wird." Er möchte wohl das Monopol haben.

Sonntag, 9. März. - Seit sechs Jahren bin ich ohne Haushälterin. Ich besorge mein Haus selber, wenn auch nicht gerade glänzend; ich bereite mir meine Mahlzeiten, koche für meine Tiere, wasche selber meine Leibwäsche und finde auch noch Zeit, in meinem Garten zu werkeln. Vor zwei Jahren habe ich selber - bis auf die Decke - eines meiner Zimmer sowie die Fensterrahmen in den anderen Zimmern wieder hergerichtet. Allabendlich gehe ich meiner Tiere wegen an die zehnmal die Treppe meines Häuschens hinauf und hinab und kontrolliere, ob meine Katzen alle da sind. Körperliche Erschöpfung habe ich nie gekannt und kenne sie auch jetzt nicht. Meine Kindheit und meine Jugend sind entbehrungsreich gewesen und mehr als das, es hat geschlechtliche Mißgeschicke, es hat Arbeit und Tätigkeit gegeben - ich bin noch immer auf dem Posten. Noch heute erledige ich all meine Gänge, den Hin- wie den Rückweg, zu Fuß, ganz gleich, wie lang sie sind. Nur meine Sehkraft läßt nach. Ich bin noch genauso, wie ich mit 20 Jahren war. 1913 habe ich mir einen Abendanzug schneidern lassen. Vor zwei oder drei Jahren habe ich ihn wieder angehabt, als ich in die Oper und zur Einweihung des Theaters im Palais Chaillot ging. Er paßte mir so gut, als wäre er am Vortag gemacht worden.
     Der Krieg? Ob der Papst oder der Sultan gewinnt, erledigt sind wir am Ende so oder so.


1942


Dienstag, 3. Februar. - Ich habe kein Krümelchen Kohle mehr. Ich heize mit Reisig, das ich in kleine Stücke zerbreche. Genausogut könnte ich heizen, indem ich Papier verbrenne. Ich habe noch 100 Kilo Kohle als Zuteilung für Freiberufler zu bekommen. Heute früh rufe ich meine Kohlehändlerin an, um mich zu erkundigen. Im Augenblick ist nichts aufgerufen. Der Bescheid der Präfektur muß abgewartet werden. Wann? Weiß man nicht. Ich sage zu ihr: "So ist es nun. Sie werden sie einem geben, wenn die größte Kälte vorbei ist, während man jetzt bei sich zu Hause erfriert. - Sie wissen ja, daß es so mit allem geht." Der Ruf der französischen Verwaltung steht fest.

Dienstag, 10. Februar. - Von Marie Dormoy erfahre ich, daß heute morgen - von einem Radfahrer, wie es heißt - auf die Cite Universitaire eine Bombe geworfen worden ist, und zwar in Richtung des Saals, wo die deutschen Offiziere ihr Frühstück einnehmen. Zu früh oder zu spät, der Saal war leer. Sie sagt, die Explosion habe das ganze Viertel erschüttert.

Dienstag, 3. März. -
Die Pariser Zeitung vom 13. Februar hat in ihrem deutschen Teil meine Ausstellung bei Loize besprochen. Das muß ich mir übersetzen lassen.

Mittwoch, 4. März. - Vielleicht steuern wir auf Krieg im besetzten Frankreich zu.
     Billancourt. Renault-Werke.
     Marie Dormoy ruft mich heute abend an: "Also, das war schlimm (gestern abend), 400 Tote, 1200 Verletzte. Die Renault-Werke völlig zerstört."

Freitag, 13. März. - Als die Bombardierung begann, die Arbeiter nach beendeter Schicht zum Aufbruch rüsteten und die Ablösung nachrückte, so wird erzählt (?), haben die Deutschen die ersten am Weggehen gehindert, haben die zweiten hereingelassen und die Tore geschlossen. Auch einige hundert Deutsche umgekommen. Ein Einwohner von Montrouge, der ruhig zu Hause im Bett lag und schlief (im Erdgeschoß), ist von einem Schrapnellsplitter getötet worden, einem Splitter, der seine eisernen Fensterladen und die Fensterscheibe durchschlagen, ihm den Bauch aufgerissen und ihn getötet hat.

Dienstag, 24. März. - Von der Besprechung "meiner" Ausstellung bei Loize in der Pariser Zeitung hatte ich nur einen Presseausschnitt, ohne Signatur. Bei meinen Besorgungen bin ich vorhin zur Pariser Zeitung gegangen. Eine sehr verbindliche Art Türhüter habe ich gefragt, ob man mir den Autor der Besprechung nennen könne. Er ist sich erkundigen gegangen, ist zurückgekommen und hat mir gesagt, den kenne man nicht, die Besprechung sei von außerhalb eingeschickt worden. Im Geschäft von Albertine habe ich die Übersetzung vorgefunden, die sie mir, wie angeboten, hatte machen lassen. Ich muß sagen: der Autor der Besprechung kennt mich, den Schriftsteller, und beurteilt mich recht zutreffend.

Montag, 30. März. - Heute morgen im Bürgermeisteramt wegen Erneuerung der Lebensmittelkarten. Ein schwerer Schlag: meine Karte geändert. Bekomme die Karte V zugeteilt. Brotmenge herabgesetzt: 200 Gramm am Tag. Wo ich doch zu jeder Mahlzeit ein Pfund essen könnte, vor allem zur Zeit, wo nichts aufzutreiben ist.
     Ich bitte um einen Bezugsschein für ein Paar Pantoffeln im nächsten Winter. Auf dem Vordruck wird bei falschen Angaben mit einer Gefängnisstrafe von sechs Tagen bis zu drei Monaten gedroht und mit einer Geldstrafe zwischen 1 und 2000 Francs, oder mit nur einer davon. Für ein Paar Pantoffeln!
     Neuigkeiten von Mandin. Er kommt vor Gericht. Saltas hofft auf Freispruch. Denn Verurteilung hieße Hinrichtung, meint er.

Mittwoch, 1. April. - Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief bekommen, eine Art Rundschreiben von der Kulturabteilung der Seine- Präfektur, unterschrieben vom Inspecteur general des Beaux-Arts de la Ville de Paris, der mich bittet, ihn an einem Morgen an zu rufen wegen der Mitarbeit an einer Veröffentlichung, die von der Stadt Paris geplant wird; ein paar hundert Zeilen über ein Thema, das er mir erklären will. Georges-Arman Masson.
     Dem Brief beigefügt eine Art Fragebogen wie derjenige, den ich für die NRF ausgefüllt habe: kein Jude, von nichtjüdischen Eltern, Franzose, von französischen Eltern, keinerlei Zugehörigkeit zu einer politischen Partei usw. usw. usw.

Freitag, 3. April. - Mit Leger zur Galerie Loize, Loize und seine Frau beide da. Über die wenig durchdachten deutschfeindlichen Äuße rungen von Frau Loize habe ich mich leicht erregt. Ich habe es ihr gesagt: "Die meisten Franzosen haben derzeit nur Gefühl. Mit Gefühl bringt man nichts zustande, weder Literatur noch Politik noch Regierung. Sollen die Franzosen statt Gefühl doch Vernunft haben! Ich habe genug vom Gefühl, vom Mangel an Unterscheidungsvermögen, an Nachdenken, von der Feindseligkeit um jeden Preis usw. Wie ich zu Frau Loize gesagt habe: "Intelligent sein heißt ein wenig neben sich treten, um die Umstände, die Tatsachen einzuschätzen, zu beurteilen, zu verstehen und sich ein wenig in die Lage des anderen zu versetzen, um dessen Handlungen und dessen Verhalten zu beurteilen. Mit Haut und Haar Patriot zu sein, von der Anwesenheit fremder Soldaten bei sich gekränkt zu sein, sehr hübsch. Besser sollte man nachdenken können."

zu Teil 3