Vorgeblättert

Leseprobe zu Pablo De Santis: Die sechste Laterne. Teil 3

22.01.2007. 5
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Ein klassisches Streitthema zwischen den beiden Freunden waren die Wolkenkratzer. Mit dem selbst gegebenen Versprechen, eines Tages ebenfalls solche Gebäude zu entwerfen, schnitt Silvio aus sämtlichen Tageszeitungen, Zeitschriften und sonstigen Publikationen Abbildungen der höchsten Bauwerke New Yorks und Chicagos aus. Gegenüber Pollak behauptete er, die Wolkenkratzer seien die Kathedralen der Gegenwart, Summe der Erkenntnisse und Herausforderungen ihrer Epoche. Pollak antwortete darauf, dass diese Gebäude nichts weiter wären als vertikal aufgestellte leere Räume. Und die Kathedralen würden nicht von Steinen getragen, sondern von ihrer Bedeutung.
     "Trotz ihrer Fenster und Statuen und Altäre sind auch die Kirchen im Grunde leere Räume", sagte Balestri.
     "Sicher, aber nichts ist mit mehr Bedeutung aufgeladen als diese Leere."
     Balestri beneidete Pollaks Fähigkeit, sich immer wieder in die ausgefallensten Themen einzuarbeiten. Er brachte die Bibliothekare des Vatikans mit der Bitte um die abseitigsten Texte zur Verzweiflung, bis sie ihn schließlich nach Belieben in den Kellergängen und Gewölben stöbern ließen. Während die anderen Studenten sich Biografien und bedeutsamen Abhandlungen widmeten, wälzte Pollak die Bände über das päpstliche Rechnungswesen, Rechnungsbücher der Fabrik von San Pedro, arbeitete sich in Geheimsprachen ein, nach denen man die unterschiedlichen Maurerlogen identifizieren konnte. Ferner zeichnete er die Spuren all jener Bauvorhaben nach, die nie realisiert worden waren, wie etwa die von Thomas de Varens erträumter Kirche, die man auch die "leere Kathedrale" nannte. Diese Untersuchung interessierte Balestri am meisten. Er erfuhr von ihr über ein mit Maschine geschriebenes Papier, das Pollak ihm eines Tages zu lesen gab. (Fast alle Arbeiten Pollaks wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht. Nur wenige Seiten erschienen bereits zu Lebzeiten in den Schriften des Dürer-Bundes, eines Zusammenschlusses von Künstlern und Kritikern, dem auch Pollak selbst angehörte.)
     Pollak richtete seinen Blick von den großen Monumenten zur chiffrierten, kaum entzifferbaren Schrift, gerade so, als würde er im Grunde nichts anderes als dunkle Ecken, Schlupfwinkel und Geheimgänge suchen. Balestri ging genau andersherum vor: Er studierte zunächst die Bücher, um schließlich bei den Gebäuden zu landen, die so groß waren wie die Welt selbst.


6

Während einer Studienreise nach Florenz lernte Pollak eine junge Französin kennen, Gabrielle Dancy. Er nahm sie mit nach Rom und stellte sie seinen Freunden vor. Diese merkten sofort, dass sie eine ganz besondere Frau war, auch wenn sie nicht sagen konnten, weshalb.
     Gabrielle trug das Haar sehr kurz, was in Paris modern, in Rom hingegen sehr gewagt war. Sie trug leicht maskuline Kleidung, wie man sie sich bei gewissen Büroangestellten vorstellen konnte oder bei sonstwie schwer zu definierenden Berufen. Stets umwehte sie die Aura des Bedeutungsvollen; wer mit ihr sprach, hatte den Eindruck, dass er sie gerade von wichtigen Verpflichtungen abhielt. Als Corsini auf sie zuging, um auch von ihr die übliche Summe einzufordern - eine Art Initiationsritual -, verschlug es ihm plötzlich die Sprache. Es war ihm peinlich, vor ihr über Geld zu sprechen, und so verdrückte er sich.
     "Ich will nichts überstürzen", rechtfertigte er sich später vor seinen Freunden. "Lieber habe ich etwas Geduld und verkaufe ihr den Kopf des Täufers, mein teuerstes Gemälde."
     In der Geschichte der menschlichen Neigungen mag es unvorhergesehene Wendungen geben, doch in der Chronik der Leidenschaft gibt es keine Wiederholungen. Balestri verliebte sich in Gabrielle, und die junge Frau verabschiedete sich am Ende von beiden Männern.
     Gabrielle war Fotografin, zumindest während dieses einen Monats (vorher war sie Pilotin, Taucherin und Schülerin von Isadora Duncan). Ihre Kamera war ihr ständiger Begleiter, und immer drängte sie ihre Freunde, sich möglichst natürlich und unverstellt zu verhalten. Doch an dieser Forderung scheiterten sowohl Oskar als auch Silvio. Wie sollten sie wahrhaft authentisch wirken? Was wären die Blicke und Gesten gewesen, die dem entsprachen? Beide hatten über das mehrfache Anpassen ihrer Garderobe und eines veränderten Bartes lange genug versucht, sich dem Bild anzunähern, das sie von sich hatten. Pollak hatte es mit einem schwarzen Vollbart versucht, der ihn älter und souveräner wirken ließ; Balestri beließ es bei einem schmalen Oberlippenbart und hatte sich schließlich für einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug mit schmaler Krawatte und goldener Nadel entschieden. Ständig schüttelte er seine Kleider aus, um sie von dem Marmorstaub zu befreien, der allerdings nur in seiner Fantasie existierte.
     Balestri hatte Gabrielle zum ersten Mal auf dem protestantischen Friedhof gesehen. Gabrielle wollte unbedingt das Grab von Shelley fotografieren, wie sie es zuvor schon bei anderen Schriftstellern auf französischen Friedhöfen getan hatte, und sie verweilte lange vor dem Grabstein, weil sie versuchte, die Inschrift zu übersetzen:

PERCY BYSSHE SHELLEY, ANGLUS, ORAM ETRUSCAM LEGENS IN NAVIGIOLO, INTER LIGURNUM PORTUM ET VIAM REGIAM; PROCELLA PERIIT. - VIII - NON-JUL. MDCCCXXII. AETAT -SUAE XXX.

Darunter standen noch einige Verse aus Shakespeares Sturm:

     Nichts an ihm, das soll verfallen
     Das nicht wandelt Meereshut
     In ein reich und seltnes Gut.

Corsini hatte sich derweil zu Gabrielles persönlichem Reiseführer ernannt, und anstatt sie in Ruhe die Gräber betrachten zu lassen, hörte er nicht auf, ihr seine ausufernden Geschichten zu erzählen: "Als man Shelleys Leiche acht Tage nach dem Schiffbruch am Ufer fand, bestreuten sie sie mit Kalk und buddelten sie in den Sand ein. Sein Freund, der Kapitän
Trelawny, aber kaufte einen kleinen Ofen, buddelte den Körper wieder aus und verbrannte ihn. Byron hätte den Schädel gern als Andenken mitgenommen, aber das hat Trelawny ihm verboten, weil er wusste, dass Byron mit Vorliebe aus Totenköpfen trank. Aber Shelleys Herz, das hat Trelawny aus dem noch warmen Ofen später herausgeholt, und es war noch vollkommen unversehrt."
     Gabrielle wirkte so stark und vital, dass niemand merkte, wie sie langsam immer bleicher geworden war und sich leicht wankend von dem Grab entfernte. Silvio und Oscar retteten sie aus ihrer Notlage und entschuldigten sich bei Corsini und seiner Truppe mit den Worten, etwas Wasser holen zu müssen.
     Somit waren die drei allein. Silvio, der immerhin in Rom geboren worden war, hatte seiner Umgebung so wenig Aufmerksamkeit gewidmet, dass er völlig die Orientierung verloren hatte; Oskar hingegen, der Ausländer, schien jeden Winkel des Labyrinthes genauestens zu kennen. Als sie die Friedhofsmauern hinter sich gelassen hatten, war die Farbe in Gabrielles Gesicht zurückgekehrt. Diesmal unter Oskars Kommando setzten sie die Exkursion fort. Er kannte die Geschichte jeder Kirche und jeder Statue darin. Er wählte seine Sätze mit Bedacht - und mit dem alleinigen Ziel, Silvio zu provozieren. Doch Balestri erwiderte kein Wort, sondern pflichtete ihm vielmehr zu allem stumm bei. Er schwieg nicht aus Missgunst oder weil er grundsätzlich anderer Meinung war: Er schwieg, weil er sich in dem haltlosen Geschwätz, mit dem Oskar das Mädchen für sich gewinnen wollte, selbst wiederzuerkennen schien. Silvio erkannte, was so viele weise Männer vor ihm ebenfalls bereits erkannt haben: den Moment, in dem das Leben und das Wissen sich wie zwei unversöhnliche Feinde gegenüberstanden. Er erkannte diese allumfassende Nutzlosigkeit der schweren Bücherbände, der in Bibliotheken oder bei Ruinen vergeudeten Stunden, nur um sie mit dem Kohlestift auf Papier zu bannen. Er erkannte, dass er sich angewöhnt hatte, über tote Dinge mit toten Worten zu sprechen. Aber ein Fenster hatte sich plötzlich geöffnet, durch das gerade genug Licht in das mit Büchern vollgestopfte Arbeitszimmer fiel, um die Staubschicht zu zeigen, die sie bedeckte.


7

Gabrielle fühlte sich in der Gegenwart der beiden so unterschiedlichen Charaktere durchaus wohl. Beide hielten sich für perfekt, aber sie sah, was jedem von ihnen fehlte.
     Pollak suchte in der Vergangenheit ein Alibi für sein vergeudetes Leben. Er hoffte, dass ihn die Geschichte, allgegenwärtig und erstarrt, vor den Entscheidungen, Sehnsüchten und Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens schützen möge. Voller Ungeduld verlangte er danach, einer untergegangenen Kultur anzugehören; Teil der Auserwählten und ihrer geheimen Sprachen zu werden: Hieroglyphen, rätselhafte Zeichen, unentzifferbare Wappenbilder, tote Sprachen. Er suchte nach einem Atlantis, das ihn als Bürger akzeptieren würde.
     Balestris Träume zielten auf die Ablehnung seiner Familie und seines Landes. Er wollte etwas bauen, und dabei an der Spitze anfangen. Sein Streben in die Zukunft verwechselte
er damit, die Vergangenheit ändern zu wollen. Wenn er weiterhin so stillhalten würde, wenn er die Stadt nicht verließe, würde der Marmorstaub ihn schließlich durchdringen, ihn von innen verhärten und ihn am Ende selbst in eine Statue verwandeln.
     "Wenn es nicht zwei wären, gäben sie den perfekten Mann ab", sagte sie.
     Bis Gabrielle in ihr Leben trat, erlaubten sich die beiden Freunde in ihren Debatten kleine Sticheleien und Gemeinheiten, da sie überzeugt waren, dass eine Männerfreundschaft alles aushielt, selbst die Beleidigung. Danach aber fingen sie an, sich mit einer Höflichkeit zu behandeln, wie sie nur Feinden vorbehalten bleibt.
     Für die Mitglieder des Zirkels war Pollaks Groll wenig bedeutsam, wenn nicht gar vorgetäuscht, der von Balestri jedoch endgültig und tief verwurzelt.
     Dennoch trafen sich die beiden weiterhin gelegentlich, um am Ufer des Flusses entlangzuspazieren und das eine oder andere Thema zu erörtern. Zuletzt diskutierten sie vor allem über Piranesi. Für Balestri war er, wie für seinen Vater, ein Idol; Pollak hielt ihn für einen listigen Handwerker, der sich auf die Kunst des Nachahmens, des Dekorativen und Düsteren verstand.
     Silvio versuchte zu beweisen, dass Piranesi mehr erreicht hatte, als der Melancholie ein Gesicht zu geben oder die aufkeimende Vorliebe für die Ruinen der Romantik zu erkennen; vielmehr hatte er diese Ruinen in einen Albtraum verwandelt, wie es keinem anderem gelungen war.
     Pollak führte diese Diskussion ohne jede Leidenschaft und verteidigte ruhig seinen Standpunkt. Für Balestri hingegen traf kein Argument den Kern, denn Leidenschaft hatte mit Argumenten nichts zu tun. Als Silvio sich als Verlierer aus der Diskussion gehen sah, gestand er sich schließlich ein, dass Piranesi an sich eine Ruine war, die finale Ruine jeder Nachahmung nämlich. Ihm schien das ein gerechter Tausch: der Besitz der Wahrheit gegen das Mädchen.

Mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlages

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