Vorgeblättert

Leseprobe zu Miriam Toews: Kleiner Vogel, klopfendes Herz. Teil 2

20.06.2011.
Ein paarmal kam Jorge dann heimlich vorbei, wenn er von El Paso nach Chihuahua fuhr. Wir legten uns auf die Ladefläche von seinem Pick-up und zählten mit, nach wie vielen Sekunden der Kondensstreifen von Flugzeugen sich auflöste. Wenn man zufällig hier drüberfliegen würde, dann würde man drei Häuser in einer Reihe sehen und sonst nichts als Maisfelder und Wüste. Erst kommt das von meinen Eltern, dann das von Jorge und mir und dann ein leeres, wo meine Cousins und Cousinen drin gewohnt haben. Zwischen den Häusern wäre genug Platz für ein Fußballfeld oder einen Friedhof. Wenn die Luft klar ist, sehe ich im Westen die Berge der Sierra Madre, und dann rede ich manchmal mit ihnen. Ich beglückwünsche sie zu ihrer Kraft und Unverwüstlichkeit, und dabei denke ich dann selber wieder dran, dass solche Wörter nicht umsonst existieren, dass sie ja manchmal passen. Das finde ich beruhigend. Ein paar Dörfer gibt es hier auch. Die einen für Mexikaner und die anderen für Mennoniten, wir werden sortiert wie Knöpfe und sollen gefälligst auch da bleiben, wo wir sind.

Wenn Jorge abends vorbeikam, legten wir uns auf die Ladefläche von seinem Truck, guckten in die Sterne, zeichneten die Sternbilder nach und berührten uns ganz zart, als hätten wir Brandwunden. Du brauchst nicht so nervös zu sein, sagte Jorge. Willst du denn nicht von hier weg?
     Doch, eigentlich schon, sagte ich.
     Also, selbst wenn dein Vater dahinterkommt, hauen wir halt schlimmstenfalls ab.
     Schon, sagte ich, aber dann können wir nicht mehr zurück.
     Na und?, sagte er. Das willst du doch dann auch nicht.
     Na ja, meine Mutter und meine Schwester würde ich schon vermissen.
     Die könntest du doch heimlich besuchen, so wie ich dich jetzt.
     Also, ich weiß nicht, sagte ich.
     Aber wir sind doch verliebt, sagte er. Und wir sind neunzehn. Wir brauchen unsere Mütter eigentlich gar nicht mehr.
     Und dann meinte er, er komme sich vor wie in einem Sternenmuseum, so viele seien da oben, alle möglichen Sterne aus allen möglichen Zeitaltern, und die seien alle mir anvertraut, mir, hier, auf meinem Campo. Ich könnte ja die Leiterin dieses Museums sein.
     Lieber nicht, sagte ich.
     Ich spinn doch bloß rum, sagte er.
     Schon klar, aber ich kann nicht gut auf was aufpassen.
     Schon klar, sagte er, war auch nicht ernst gemeint, war doch bloß so eine Idee.
     Schon klar, sagte ich, aber ich kann eben nicht auf was aufpassen.
     Okay, Irma, sagte er, ich hab?s kapiert. Du musst nicht auf die Sterne aufpassen, okay? Ich hab bloß rumgesponnen. Es war einfach Blödsinn.
     Wieder hätte ich ihm am liebsten gesagt, was ich alles nicht gut kann: Versprechen halten oder Geheimnisse für mich behalten oder Menschen davon abhalten zu gehen. Die ganze Zeit hätte ich ihm am liebsten was gesagt.

Zu unserer Hochzeit kam keiner, bis auf den Standesbeamten aus Cuauhtemoc, der die ganze Zeremonie blitzschnell hinter sich brachte. Wegen Jorges Wegbeschreibung zu unserem Campo hatte er sich verfahren und tauchte erst auf, als es schon dunkel war. Jorge hatte eine Kerze mitgebracht, die zündete er an und stellte sie neben das Blatt Papier, auf dem wir unterschreiben sollten, und als ich mich vorbeugte, um meinen Namen hinzuschreiben, Irma Voth, fing mein Schleier Feuer, und Jorge riss ihn mir herunter, warf ihn auf den Boden und trat das Feuer aus. Wir standen in einem kleinen Wäldchen nahe dem Haus meiner Eltern. Der Standesbeamte meinte, ich wäre ein Glückspilz, Jorge packte mich an der Hand, und wir rannten los. Jorge hatte ein viel zu großes weißes Hemd und Schuhe aus hartem Kunstleder an. Wir wussten nicht so recht, was wir jetzt machen sollten, ließen aber irgendwann das Rennen bleiben und gingen eine ganze Weile spazieren, und dann gingen wir zu meinen Eltern und erzählten ihnen, dass wir geheiratet hatten, worauf meine Mutter in ihrem Zimmer verschwand und leise die Tür zumachte und mein Vater mir eine knallte. Jorge ging auf ihn los, drängte ihn an die Küchenwand und sagte, wenn er das noch mal probiert, bringt er ihn um. Ich ging zu meiner Mutter, wir umarmten uns, und sie fragte, ob ich Jorge denn liebe, und ich sagte ja. Ich erzählte ihr, dass wir zusammen nach Chihuahua City gehen und erst mal bei seiner Mutter wohnen wollten, bis wir Arbeit gefunden hätten und uns eine Wohnung leisten könnten. Dann kam mein Vater herein und verkündete, Jorge und ich gingen nirgendwohin, wir würden im Haus nebenan wohnen und bei ihm arbeiten, andernfalls würde er Jorge der Polizei übergeben, und die würde sich bei so einem schmierigen Narco nicht lang mit Papierkram aufhalten, sondern ihm gleich eine Kugel verpassen. Er sagte das gar nicht böse oder drohend, sondern ganz nüchtern, klipp und klar. Und dann ging er aus dem Haus, und meine Mutter stellte in der Küche Brötchen und Käse auf den Tisch und dazu einen Rhabarber-Plautz, den sie in kleine Stücke schnitt, und Jorge und ich setzten uns links und rechts neben sie, und sie nahm unsere Hände und betete darum, dass wir glücklich werden und unsere Liebe ewig dauert. Sie betete leise, damit die anderen Kinder nicht aufwachten. Anschließend flüsterte sie uns auf Plattdeutsch ihre Glückwünsche zu, und ich übersetzte für Jorge, und die beiden lächelten sich an. Ich hatte ganz vergessen, was sie für ein hübsches Lächeln hat. Jorge bedankte sich für das Geschenk, das sie ihm mit mir gemacht hatte, und sie bat ihn, dieses Geschenk in Ehren zu halten und zu behüten. Dann kam mein Vater zurück, schmiss uns raus und sagte, wir sollten uns in seinem Haus nicht mehr blicken lassen. Jorge und ich gingen zu unserem Haus, und Jorge nahm meine Hand und fragte, ob ich mich auch für einen Glückspilz hielt, wie der Standesbeamte gesagt hatte. Ich blickte nach Westen Richtung Sierra Madre, konnte sie in der Dunkelheit aber nicht erkennen. Jorges Hand war ein bisschen schwitzig, und ich drückte sie, und er war so nett, mir das als Antwort durchgehen zu lassen.
     Wir wohnten dann kostenlos in dem Haus und arbeiteten ohne Bezahlung für meinen Vater. Wir passten auf die Kühe auf, damit er auf dem Feld arbeiten und von Campo zu Campo ziehen konnte, um den Leuten einzutrichtern, nur ja die alten Traditionen hochzuhalten, auch wenn uns die Dürre halb umbrachte. Sobald meine kleinen Brüder älter wären, könnten sie ihm auf der Farm helfen, so der Plan meines Vaters, dann würde er Jorge und mich vor die Tür setzen. Jorge meinte aber, er fände das gar nicht so schlimm, er könnte sein Geld auch anders verdienen, außerdem könnten wir dann irgendwann unseren Traum wahr machen und in einen Leuchtturm ziehen. Wir hatten zwar noch nie einen gesehen, aber Jorge meinte, er würde Leute in Yucatan kennen, die würden uns dann schon helfen. Ich wusste ehrlich gesagt nicht mal genau, wo das Meer liegt.
     Aber das ist jetzt sowieso alles egal, es ist ja schon peinlich, davon zu erzählen, denn Jorge ist weg, und ich bin noch da, und an meinem Horizont ist weit und breit kein Leuchtturm zu sehen. Jorge war das ganze Jahr über mal da und mal weg, ich wusste nie, wann er auftauchen würde, und wenn er kam, dann blieb er nie lange. Die meiste Zeit war ich mit den Kühen allein.
     Neulich hat sich meine kleine Schwester Aggie herübergeschlichen und mir erzählt, dass in das leere Haus neben meinem Filmleute aus Mexico City einziehen wollen, und unser Vater hätte ihr verboten, mit ihnen zu reden oder sie auch nur irgendwie zur Kenntnis zu nehmen.
     Außerdem hätte sie einen neuen Traum: Sängerin von Ranchero-Balladen zu werden, das sind schwermütige Lieder über Liebe, Untreue und betrunkene Ehemänner. Sie hatte jeden Tag einen neuen Traum.
     Mir fehlt Aggie. Mir fehlt ihr Lachen, und mir fehlen ihre Spinnereien. Sie hat hellblonde Haare, ein braungebranntes Gesicht und blaue Augen, so hellblau, dass sie fast durchsichtig sind, wie bei einem Wolf. Sonne und Mond sind die zwei Augen Gottes, hat sie immer gesagt, und kaum verschwindet das eine, taucht das andere auf und spioniert uns nach. Und wenn beide zugleich sichtbar sind, wird es richtig eng, dann: nichts wie weg. Seit ich mit Jorge verheiratet bin, darf sie nicht mehr mit mir reden, deshalb musste sie sich rüberschleichen, aber so sehr schleichen musste sie auch wieder nicht, denn unsere Mutter weiß meistens, wann sie loszieht, und gibt ihr manchmal was mit.
     Vater zufolge hat sich Jorge immer mehr für den Trubel in Chihuahua City interessiert als für die Kühe und den Mais auf Campo 6.5. Mein Vater hat alle möglichen Gründe, warum er Jorge nicht mag, aber hauptsächlich liegt es daran, dass Jorge kein Mennonit ist. Vor langer Zeit, in den zwanziger Jahren, reisten einmal sieben Mennoniten - alles Männer - von Manitoba zum Präsidentenpalast in Mexico City, um einen Handel abzuschließen. Man hatte ihnen das Land hier billig angeboten, und sie hatten beschlossen, das Angebot anzunehmen und ihre ganze Sippschaft aus der kanadischen Kolonie nach Mexiko zu verpflanzen, wo sie ihre Kinder weder in die staatliche Schule schicken noch ihnen Englisch beibringen oder normale Kleider anziehen müssten. Die Mennoniten haben sich vor fünfhundert Jahren in Holland formiert, nachdem ein Mann namens Menno Simons eine Gruppe von eingekerkerten Wiedertäufern kurz vor ihrer Hinrichtung durch die Spanische Inquisition hatte Kirchenlieder singen hören und davon so gerührt war, dass er sich ihre Sache zu eigen machte und ihr Anführer wurde. Dann verstreuten sie sich über die ganze Welt und bildeten ihre Kolonien, auf der Suche nach Frieden, Freiheit, Einsamkeit und Käseverkaufsmöglichkeiten. Immer wieder nehmen uns Länder auf, sofern wir uns verpflichten, keinen Ärger zu machen und in stiller Abgeschiedenheit als Farmer die Wirtschaft in Schwung zu halten. Wir leben wie Gespenster. Wenn das jeweilige Land dann plötzlich beschließt, wir müssten nun doch richtige Bürger werden, und uns zwingt, zur Armee zu gehen und Steuern zu zahlen, dann schnüren wir mitten in der Nacht unser Bündel und ziehen weiter in ein anderes Land, wo wir vor uns hin leben können - rein und unschuldig, aber irgendwie aus der Welt gefallen. Unser Motto stammt aus dem Jakobusbrief: Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.

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